
Seit Juni hat das Tempo der Angriffe von Regierung und großen Unternehmen – vor allem VW – stark zugelegt. Die IG Metall ruft am 21. September zu einem Aktionstag gegen den Kahlschlag der Autoindustrie auf und am 26. September stehen Kundgebungen des Deutschen Gewerkschaftsbundes DGB für den Erhalt des Sozialstaats an. Was können sich Arbeiter:innen von diesen Protesten erhoffen? Und was ist gegen die Angriffe nötig?
Die IG Metall (IGM) kündigt einen „heißen Herbst“ an, für Volkswagen, Mercedes und weitere Zulieferbetriebe. Auf dem Spiel steht nämlich die Zukunft der VW-Werke in Zwickau, Emden und Hannover, sowie das Audi-Werk in Neckarsulm, deren Produktion nur bis 2031 bzw. 2034 geplant ist. VW-Vorstandschef Blume will drastische Sparmaßnahmen durchsetzen, darunter den Abbau von weltweit 50.000 Stellen (noch zusätzlich zu den schon früher angekündigten Stellenstreichungen). Der Aufsichtsrat von VW hat diesen Kahlschlag einstimmig abgesegnet, also einschließlich der IG Metall und des Betriebsrats, die nur die „Kommunikation des Vorstands“ kritisierten.
Blume versucht aber zu beruhigen, dass für die Werke Alternativen geprüft werden sollen, darunter die Umstellung auf Rüstungsindustrie. Als Reaktion auf diese Ankündigungen plant die IGM einen bundesweiten Aktionstag am 21. September und sagt zurecht, dass die Kolleg:innen nicht für die Probleme der Bosse zu zahlen haben, die zudem weiter Profite machen. Zugleich sprechen sich die IGM-Oberen für Investitionen in „Zukunftstechnologien“ aus, versuchen also mal wieder den Bossen Ratschläge zu geben, anstatt mit aller Kraft für die Öffnung der Geschäftsbücher der Großkonzerne und ein Verbot aller Entlassungen zu kämpfen.
Diese zwiespältige Haltung sorgte auch für Ärger bei den Beschäftigten, vor allem in Neckarsulm und bei Mercedes Untertürkheim, wo der Mangel an Initiative der IGM-Führung öffentlich vom IGM-Vertrauenskörper kritisiert wurde. In einem offenen Brief kritisiert dieser auch deutlich die Militarisierung: „Das Geld, was in den Sozialkassen durch die Sparmaßnahmen fehlt, fließt auch in die Aufrüstung. Unsere Jugend soll wieder für die Profite der Konzerne in den Krieg ziehen.“
Unter dem Motto „Hart verdient“ ruft der DGB am 26. September zu Kundgebungen in 15 Großstädten auf. Den 8-Stunden-Tag und die Rente zu verteidigen und sich der Hetze der Merz-Regierung gegenüber Sozialhilfe-Empfänger:innen entgegenzustellen, das ist alles bitter nötig! Und die Wut bei Kolleg:innen darüber ist auch spürbar. Doch wer sich den Aufruf des DGB genau durchliest, wird auch schnell auf Sätze stoßen wie: „Wir brauchen eine Wachstumsagenda für Deutschland und Europa“, oder „Mach dich stark mit uns – für Wachstum und Investitionen“. Doch was wir wirklich brauchen sind gute Löhne und Renten, und die sollen aus den Taschen der Konzernvorstände und Aktionär:innen bezahlt werden, die prall gefüllt sind, egal ob sie ein großes Wachstum zu verzeichnen haben oder nicht! Wir könnten nur dann an „Wachstum“ interessiert sein, wenn wir als Arbeiter:innen selbst entscheiden könnten, was wir produzieren und inwieweit die Produktion tatsächlichen Fortschritt bedeutet.
Dazu kommt, dass die Aufrufe von DGB und IGM die Militarisierung mit keinem Wort erwähnen. Doch diese Frage wird sich immer dringender stellen, besonders angesichts der Überkapazitäten der Autobranche, und dem erklärten Ziel der Bundesregierung, 5 % des Bruttoinlandsprodukts für Rüstung auszugeben.
Diese Haltung der Gewerkschaftsführungen ist das Produkt eines langen Prozesses der Integration in die kapitalistische Gesellschaft. Dies hat sich schon vor über 100 Jahren, im Ersten Weltkrieg, durch die Politik des „Burgfriedens“ offenbart: Anstelle des Klassenkampfs gegen die eigenen Kapitalist:innen, die am Krieg gut verdienten, verzichteten die Gewerkschaften auf Streiks um gemeinsam „das Vaterland zu verteidigen“. Seither hat sich diese Vermittlerrolle in Gestalt der „Sozialpartnerschaft“ nur noch verfestigt.
Regierungen nutzen diese Integration der Gewerkschaften, um ihre Angriffe schleichend durchzusetzen, und hoffen dadurch Gegenwehr zu verhindern. Das ist keine Verschwörungstheorie, es steht sogar ganz offen im „Programm für Aufschwung und Beschäftigung“ der Bundesregierung: „Wir werden die Tarifvertragsparteien bitten […] konkrete Regelungsbereiche vorzuschlagen, in denen abweichende Regelungen von geltenden Gesetzen [gemeint sind Verschlechterungen für die Arbeitenden], z. B. im Bereich des Arbeitsrechts […] oder des Unternehmensrechts (z. B. Berichts- oder Sorgfaltspflichten), durch Vereinbarungen der Tarifvertragsparteien getroffen werden können.“
Ruhrpott-Rebellion
Bei den nicht endenden Angriffen der Regierung und der Großkonzerne muss aber selbst die Gewerkschaftsführung wider Willen Protest organisieren, um ihren Einfluss an der Basis nicht zu verlieren. Anfang des Sommers haben DGB, ver.di und die IG Metall zum Protest aufgerufen. Die Ruhrpott-Rebellion wurde durch die Führung der IGM unter dem Motto „Hände weg vom Sozialstaat“ ins Leben gerufen. Eine Antwort auf die Sozialkürzungen der Regierung, aber vor allem auch auf die Sparpläne der Bosse der Metallindustrie, die im Ruhrpott immer noch 140.000 Menschen beschäftigt. Auch diese Arbeitsplätze sind teilweise in Gefahr und die Erpressung damit wird von Konzernen wie Daimler oder ThyssenKrupp zu Lohnsenkungen benutzt. Als solche Pläne im letzten Jahr bei Thyssen in Duisburg bekannt wurden, hat ein linker Betriebsrat eine „mobile Sprechstunde“ eingerichtet, die von mehr als 100 Kolleg:innen genutzt wurde, um sich zu „informieren”, was etwas von einem „wilden Streik” hatte. Ein Ausdruck davon, wie groß Verärgerung und Wut sind.
Die Tatsache, dass Ende des Jahres für die IGM die Tarifverhandlungen in der Metallbranche anstehen, ist sicher auch ein Faktor, warum die Gewerkschaft einmal die Muskeln hat spielen lassen. Die IGM, nicht zuletzt auch deren Jugend, hat in Essen, Duisburg, Bochum, usw. mobilisiert. Insgesamt waren in 14 Städten 11.000 Menschen auf der Straße. Das ist für die eher allgemeine Losung „Hände weg vom Sozialstaat“ und die sehr kurzfristige Mobilisierung eine sehr gute Zahl. Allein in Duisburg waren es rund 3.000 Menschen. Die Demo hat ein Gefühl von Solidarität und eines gemeinsamen Kampfes für ein gemeinsames Ziel vermittelt. Von vorne zu sehen, wie der Demonstrationszug, soweit das Auge blicken kann, eine Straße mit wütenden Menschen, Fahnen und Parolen ausfüllt, lässt einen verstehen, was Klassenbewusstsein bedeutet. Angesichts der Probleme unserer Zeit, Klimakatastrophe und Krieg, ist es leicht zu resignieren, sich ohnmächtig zu fühlen. Die Demo hat aber wieder in Erinnerung gerufen, was die Arbeiter:innenklasse tatsächlich bedeuten kann. Arbeiter:innenklasse, das ist Kampf, Solidarität und die Hoffnung auf eine bessere Welt. 3.000 Leute ist historisch gesehen für eine IGM-Demo in Duisburg nicht besonders viel. Als Antwort auf Stellenabbau gab es in Duisburg 1988 eine Demo mit 100.000 Arbeiter:innen. Mit dem Wissen im Hinterkopf ist es auch nicht schwer zu verstehen, wie eine tatsächlich selbstbewusste Arbeiter:innenklasse entsteht. Im gemeinsamen Klassenkampf, mit Streik und Demonstrationen.
Für einen klassenkämpferischen Herbst!
Diese Erfahrung im Ruhrgebiet zeigt, dass Wut da ist. Die Kolleg:innen wollen zurecht nicht kampflos den Abbau unserer sozialen Errungenschaften dulden. Deswegen müssen wir auch aus den Aktionstagen am 21. und 26. September erste Ansätze machen, eine echte Bewegung in den Betrieben zu verankern. Was es braucht, sind aber keine einmaligen Demos, mit denen die Gewerkschaftsbürokratie einmal den Kapitalist:innen zeigen kann, wie sie Arbeiter:innen mobilisiert. Was es braucht, ist eine Organisation und Mobilisierung an der Basis. Das wird auch nicht in nur ein oder zwei Warnstreiks geschehen, damit anschließend die Gewerkschaftsführung einen schlechten Kompromiss als Gewinn verkaufen kann, sondern in richtigen, selbstorganisierten Streiks. Für solche tatsächlichen Klassenkämpfe stellt die Gewerkschaftsbürokratie heutzutage ein Hindernis dar. Dafür müssen wir uns mit all den Kolleg:innen, die die „Sozialpartnerschaft“ satt haben, koordinieren.
4. September 2026
Beitragsbild: Demonstration in Duisburg – https://duisburg-dinslaken.igmetall.de/news/ruhrpott-rebellion-setzt-starkes-zeichen-in-duisburg
Zum Weiterlesen:
Unsere Kampagne zur Wahl in Berlin am 20. September 2026 – „Für eine Welt ohne Grenzen, Krieg und Ausbeutung“ https://www.sozialismus.click/berlin-wahlen-2026/
