
„Die Helden sind wütend“ titelte Mitte August die Wochenzeitung „Die Zeit“, nachdem in Frankreich tausende Feuerwehrleute in den Streik getreten waren. Die Waldbrände diesen Sommer haben ihnen alles abverlangt, doch die Politik kam ihnen kaum entgegen. Das zeigte sich auch in Deutschland.
Verheerende Brände – auch in Deutschland
Man konnte diesen Sommer den Eindruck haben, ganz Europa stünde in Flammen: Südfrankreich, Griechenland, Teile Großbritanniens und auch die Region Madrid (wo in nicht allzu weiter Entfernung unser internationales Sommercamp stattfand) wurden von Waldbränden heimgesucht. In Österreich gab es dieses Jahr bereits über 270 Waldbrände. Bis Ende August brannte bereits die fünffache Fläche eines üblichen Jahres ab.Mitte August spürte man dann auch in der Region Aachen im Westen Deutschlands die Auswirkungen des Klimawandels: Nachdem bereits 2021 die Ahrtalflut große Zerstörung in Aachen-Kornelimünster und Stolberg angerichtet hatte, brannte nun der Hürtgenwald bei Düren und zwei Tag später auch das Naturgebiet Hohes Venn, welches sich in der Grenzregion Aachen-Belgien zwischen Monschau und Eupen erstreckt.
Während der Brand im Hürtgenwald gut eine Woche wütete und 300-400 Hektar Wald zerstörte, wird der Brand im hohen Venn wohl noch Wochen weiterbrennen, da der trockene Torfboden diesen weiter füttert. Eingedämmt wurde dieser jedoch auch – nachdem 3200 Hektar der Moor- und Heidelandschaft zerstört worden waren.
Der Brand im Hürtgenwald
Der Hürtgenwald ist vor allem durch die gleichnamige Schlacht im Zweiten Weltkrieg bekannt. Die Wehrmacht stellte sich hier nochmals mit einem großen Aufgebot den vorrückenden Alliierten entgegen, nachdem diese mit Aachen die erste deutsche Stadt eingenommen hatten. Es starben über 60.000 Menschen. Bis heute ist der Boden voller Munition und militärischem Material. Der Brand, der am 14. August schnell auf 300 Hektar angewachsen war (somit der größte in der Geschichte von Nordrhein-Westfalen), konnte dementsprechend schwer gelöscht werden. Teilweise konnten nur Panzer der Bundeswehr am Boden vorrücken, immer wieder hörte man Explosionen durch Munitionsreste.
Evakuiert wurde bereits in der ersten Nacht die ganze Gemeinde Hürtgenwald-Gey, rund 1800 Menschen, die gut eine Woche nicht in ihre Häuser zurück konnten. Die Gemeinde wurde nicht zerstört, die Feuerwehr konnte den Brand wenige hundert Meter vor den Häusern stoppen. Zeitweise waren etwa 900 Einsatzkräfte im Einsatz, vor allem aus Köln und Aachen.
Doch zeigte der Einsatz auch, wie schlecht Deutschland auf solche Klimakatastrophen vorbereitet ist. Denn die Berufsfeuerwehr in Deutschland befindet sich meist nur in Städten und ist dementsprechend schlecht für Einsätze bei Waldbränden ausgestattet und trainiert. Durch den hohen Personalmangel kann man gleichzeitig auch nicht flexibel reagieren. Im ländlichen Bereich ist jedoch vor allem die freiwillige Feuerwehr verantwortlich, die bei solchen Extremsituationen völlig überfordert und unterfinanziert ist. Dieses Problem wird auch in Frankreich deutlich, wo 76% der Feuerwehrleute ehrenamtlich arbeiten.; in Deutschland sind es sogar 95%
Dazu fehlt es der deutschen Feuerwehr an Gerät und Ressourcen zur Bekämpfung von Waldbränden: keine Löschflugzeuge (außer ein kleines Modell in Sachsen-Anhalt), wenige Fahrzeuge für unwegsames Gelände, keine tiefgreifende Ausbildung usw. Manche Feuerwehrleute haben das schon seit Jahren angekündigt (solch verheerende Waldbrände gibt es ja nicht erst seit gestern), erwähnenswert ist hier der Verein @fire: Feuerwehrleute, die in ihrer Freizeit sich auf den Kampf gegen Waldbrände vorbereiten und an vorderster Front mithalfen – da sie Expertise hatten, die der Staat in keiner Ausbildung zur Verfügung stellte. Auch hier zeigt sich: Der Staat stützt sich in vielen Bereichen auf Freiwilligkeit, um Kosten zu sparen.
Wie sehr die Politik die Gefahr des Klimawandels ausgeblendet hat, zeigt die Reaktion von NRW-Innenminister Herbert Reul: Die wahren Schuldigen seien „Irre, die durch Unachtsamkeit und Dummheit ein solches Feuer entfachen“ (Überraschung, nicht der Klimawandel). Anstatt Ausbildung und Equipment der Feuerwehr aufzustocken, erhöhte man als Reaktion auf die Brände auch prompt die Strafen für Brandstiftung. Vor allem Bauern, die freiwillig Lücken in der Wasserversorgung stopften und die Einsatzkräfte unterstützten, meinten dazu, dass sogar ein Stein im Mähdrescher Brand auslösen könne.
Hohes Venn
Das hohe Venn ist eine uralte Moorlandschaft am Rand der Eifel, die sich zwischen Monschau bei Aachen und Eupen bei Lüttich erstreckt. Leider sind Brände dort keine Seltenheit, da im Zuge des Abbaus von Torf im 19. Jahrhundert riesige Flächen trockengelegt und die Vegetation bekämpft wurde. Die Folgen des Raubbaus des Kapitalismus an der Natur werden durch gewaltige Brände sichtbar – das letzte Mal 2011, als 1600 Hektar brannten. 2026 waren es nun doppelt so viele, 600 Belgier:innen und rund 30 Menschen aus den Grenzorten von Monschau mussten ihre Häuser verlassen. Dies ist aber nicht der größte Brand in der Geschichte der Eifel: 1911 brannten rund 4000 Hektar. Die gemeinsame Arbeit belgischer und preußischer Feuerwehrleute war damals ein Akt proletarischer Solidarität, bevor Deutschland 1914 Belgien überfiel.
Insgesamt gab es allerdings viele Parallelen zum Hürtgenwald. Das Gelände war schwer zugänglich, statt der Munition gab es das Moor. Die Feuerwehr hatte kein eigenes Gerät, um am Boden gegen das Feuer zu kämpfen. Richtige Löschflugzeuge kamen erst nach ein paar Tagen aus Schweden. Einige führende Köpfe der Feuerwehr warfen der Regierung vor, trotz des Wissens über die Brandgefahr im hohen Venn keine Vorkehrungen getroffen und Lehren aus dem Brand 2011 gezogen zu haben. Auch hier wäre vieles ohne Freiwillige nicht gegangen, teilweise waren Bauern aus der Eifel im Einsatz, die schon vorher tagelang im Hürtgenwald geholfen hatten.
Wer gegen den Klimawandel kämpft, kann sich auf den Staat nicht verlassen
Sinnbildlich für die Wut und die Enttäuschung vieler in der Bevölkerung war der Besuch von Friedrich Merz am Freitag in der Region. Nachdem er seinen (verlängerten!) Urlaub entspannt beendet hatte, fuhr er in den Hürtgenwald, um den Einsatzkräften zu danken – wohlgemerkt nachdem das Feuer gelöscht war. Begleitet wurde er von einer Demo und einem Pfeifkonzert, dem sich viele Anwohner:innen anschlossen. Für die übermenschlichen Leistungen, die Feuerwehrleute sowie Landwirt:innen und Zivilist:innen geleistet hatten, um die riesigen Lücken im System zu stopfen, gab es nur ein verspätetes „Danke“. Damit reiht sich Merz in eine Reihe mit seinen belgischen und französischen Kolleg:innen, die bisher ebenfalls nichts als schöne Worte für die Einsatzkräfte und Freiwilligen übrig hatten. Dabei gäbe es viel zu tun: Die Unterbesetzung der Feuerwehr muss bekämpft werden und statt hunderte Milliarden in Rüstung zu investieren muss der meist auf Freiwilligkeit begründete ländliche Brandschutz professionalisiert werden. Dazu muss Spezialausrüstung und eine bessere Ausbildung gegen Waldbrände her. Doch dieses Geld ist der bürgerliche Staat nicht gewillt zu investieren, weshalb die Feuerwehrleute in Frankreich nun in den Streik getreten sind. Sie sollten die Folgen des kapitalismusgemachten Klimawandels nicht ausbaden müssen – sondern die, die ihn zu verantworten haben!
Die Reichen feiern
Diese zogen es allerdings mehr vor, sich anderen Themen zuzuwenden. Während die Rauchwolken beider Brände in Aachen sichtbar waren und teils ein deutlicher Rauchgeruch in der Luft lag, fand in der Soers die Reit-WM statt – ein groteskes Auflaufen der Reichen und „Schönen“. Während nur wenige Kilometer entfernt Menschen um ihr zu Hause fürchteten, schlürfte man Champagner und feierte sich bei diesem ohnehin zweifelhaften Sport. Der soziale Aufschrei blieb jedoch aus – vielleicht auch, weil die Stadt im Rahmen der WM 14 kostenlose Konzerte auf dem Marktplatz anbot.
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