41 Grad … Nicht nur das Wetter spielt verrückt – das kapitalistische System tut es

Gerade mal  Sommeranfang  und schon erlebten große Teile  Europas die zweite Hitzewelle dieses Jahr, allerdings mit Temperaturen, die noch nie in unserer Region gemessen wurden. Die nächste Hitzewelle kündigt sich schon an.
 

Aber seitens der Regierung und der Chefetagen in den Unternehmen herrschte wieder einmal völlige Unvorbereitetheit und Verleugnung.  Bundesumweltminister Schneider verwies jede Verantwortung weit weg in das Labyrinth anderer Zuständigkeiten: Hitzeschutz sei Sache der Bundesländer und der Kommunen. Aber den Kommunen wird seit Jahren der Geldhahn abgedreht… Bundeskanzler Merz ließ verbreiten, dass „das Thema zur Chefsache zu machen“, das Wetter nicht ändern würde. Aber allein in Köln starben im Laufe des Hitzewochenendes 120 Menschen. Aus allen Ecken der Bundesrepublik kamen alarmierende Berichte aus den Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen, weil die Gebäude sich viel zu sehr aufheizten, weil es überall einen Mangel an Klimaanlagen gibt, weil Notaufnahmen voll waren. Weil nicht nur die Patient:innen zusammenklappten, sondern die Pflegekräfte auch. In Köln starb ein Gartenbauer, nachdem er ein paar Stunden in der Hitze arbeiten musste. Die Weltgesundheitsorganisation WHO geht davon aus, dass an diesem Wochenende 1.300 Menschen wegen Hitze in Europa gestorben sind.  Gleise verformten sich unter der Hitze bei der Berliner S-Bahn und im Regionalverkehr. Leipzig musste den kompletten Straßenbahnverkehr einstellen.

Klimaktivistis, wie zum Beispiel von der „Letzten Generation“, werden allerdings weiterhin angeklagt und als „terroristische Vereinigung“ strafrechtlich verfolgt wegen ihrer Straßenblockadeaktionen vor einigen Jahren. Straßenblockaden, um auf die Klimakrise aufmerksam zu machen, sind kriminell – aber Hunderte Hitzetote und der fast-Kollaps der Infrastruktur reichen nicht mal zur „Chefsache“ …

Und so müssen wir uns selbst behelfen. Am stärksten betroffen sind die unteren Schichten der Bevölkerung, die Arbeiter:innen. Das gilt international genauso wie hierzulande.

Doppelte Belastung: klimatisch und sozial

Eine solche Hitzewelle wäre vor 50 Jahren undenkbar gewesen. Doch mit dem Klimawandel treten solche Extreme immer öfter auf. Im November 2025 legte das UN-Umweltprogramm UNEP eine Analyse vor, die deutlich machte: Die selbst gesetzten Ziele der Staaten werden nicht eingehalten. Laut dem Bericht liegt der prognostizierte globale Temperaturanstieg bis 2100 bei 2,3° bis 2,5° C. Speziell die Wahrscheinlichkeit von Kipppunkten, wie das Abschmelzen des Eisschildes an Nord- und Südpol oder das Austrocknen des Amazonas-Regenwaldes, steigt. Neue Studien weisen darauf hin, dass sich die Atlantische Meridionale Umwälzströmung, kurz AMOC, bis zum Ende des Jahrhunderts deutlich abschwächen und sogar zusammenbrechen könnte. Die AMOC ist ein riesiges System von Meeresströmungen im Atlantik, zu dem auch der Golfstrom gehört. Unser mildes Kontinentalklima hängt von diesem Golfstrom ab. Hinzu kommen Rekordtemperaturen in den Weltmeeren. So häufen sich die alarmierenden Meldungen. Aber sie gehen in dem Getöse um Aufrüstung, Krieg, Sparmaßnahmen und Massenentlassungen völlig unter. „Koste es was es wolle“ heißt es in der Bundesregierung; aber nicht für den Klimaschutz und die drängenden Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel, sondern für die Umstellung der Wirtschaft auf Rüstung und erhöhte Ausbeutung.

Nehmen wir nur die chronisch unterfinanzierten Krankenhäuser: In Berlin hat der Senat im letzten Haushalt bereits die schon zu geringen Mittel für Hitzeschutz von 200 Millionen jährlich auf 145 Millionen zusammengekürzt. Wenn noch dazu die Streichliste der Bundesgesundheitsministerin durchkommt, dann sind Investitionen in Hitzeschutz in den Krankenhäusern für Normalsterbliche völlige Illusion.

Deutschland ist ein reiches Land, es ist die drittstärkste Wirtschaftsnation der Welt. Aber die öffentlichen Einrichtungen und die Wohnsituation sind in einem erbärmlichen Zustand. Laut einem aktuellen Oxfam-Bericht geben selbst die reichsten Länder nur etwa 10 % der Mittel für Anpassungsmaßnahmen aus, die eigentlich nötig wären. Während die großen Konzerne wie TotalEnergies, Shell, BP oder auch Volkswagen, RWE, Heidelberg Materials – um nur einige der Hauptverantwortlichen für den
Klimawandel zu nennen – seit Jahren irre Gewinne einfahren, ist angeblich kein Geld da für Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung vor der Hitze. Während den Rüstungskonzernen wie Rheinmetall und Renk die Milliarden in den Arsch geblasen werden, soll kein Geld da sein für klimatisch gute Wohnungen, Schulen, für Parks, Freibäder und Jugendfreizeiteinrichtungen. Really?

Laut McKinsey bräuchte es 1,2 Billionen Dollar jährlich, um die Erderwärmung auf 2°C zu bremsen. Elon Musk könnte das für ein Jahr fast alleine bezahlen. Aber im Kapitalismus gilt bekanntlich als erste Regel: nie die Gewinne antasten!

Nach mir die Sintflut?

Die Klimakrise ist eng mit der Entwicklung des Kapitalismus verknüpft. Denn nicht nur die Arbeiter:innen werden im Kapitalismus ausgebeutet, sondern auch die Natur. Schon im 19. Jahrhundert, zum Beginn des Kapitalismus, kritisierte Marx, dass ein „unheilbarer Riss“ zwischen  Mensch und Natur entsteht. Ausdruck davon war die industrielle Landwirtschaft, die schon damals für kurzfristige Profite die Notwendigkeit der Regeneration der Böden ignorierte. Diese „Raubwirtschaft“ an der Natur konnte und kann nicht durch Technik überwunden werden, sondern nur durch den Sturz des Kapitalismus!

Heute, trotz der wissenschaftlichen Erkenntnisse und der Versprechen auf internationalen Konferenzen, hat sich die Situation weiter verschlechtert. Die versprochene Energiewende gibt es immer noch nicht, denn auch wenn der Energiemix sich verbreitert, wollen Kapitalist:innen des fossilen Sektors nicht auf ihre Kohle verzichten! Das fossile Kapital (Öl, Gas, Kohle) hat die gesellschaftliche Abhängigkeit von fossilen Energieträgern über ein Jahrhundert ausgebaut und zementiert. Ganze Wirtschaftsbereiche, einschließlich des Finanzsektors, machen gigantische Gewinne, auf die sie nicht verzichten wollen und unter kapitalistischer Logik auch nicht verzichten können. Allein die 5 größten Ölkonzerne der Welt haben seit Beginn des Ukrainekrieges 467 Milliarden Dollar verdient. Der „Green New Deal“ und das Versprechen eines grünen Kapitalismus sind längst in die Mülltonne geworfen worden, weil deren Profitabilität unklar blieb. Und weil die zunehmende imperialistische Konkurrenz zwischen den Großmächten den Wettlauf um Ressourcen und Aufrüstung anheizt. Klimaschutz und Anpassung an den Klimawandel gelten als lästiger Ballast.

Weder Kapitalist:innen noch deren Handlanger können daher auf die Krise im Interesse der Bevölkerung antworten, vor allem nicht auf nationaler Ebene. Stattdessen schlagen sie auf die Arbeiter:innenklasse weltweit immer härter ein. Doch es sind dieselben
Arbeiter:innen, ohne die es gar keine Produktion gäbe, die in der Lage wären, die Wirtschaft auf soziale und ökologische Bedürfnisse umzustellen. Der Kampf geht darum, wer entscheidet und wer bezahlt: Die Arbeiter:innenklasse? Oder die Verursacher der Krisen?

Die Erde brennt – Zeit, das kapitalistische System ganz auszutauschen

Angesichts dieser Logik, die die gesamte Menschheit geradewegs in den Abgrund treibt, können nur wir selbst unsere Prioritäten durchsetzen. Statt Milliarden für Aufrüstung und Rekordprofite brauchen wir Milliarden für die öffentliche Infrastruktur und für Soziales. Wir akzeptieren nicht, dass wieder einmal unsere Leben leiden und unsere Gesundheit gefährdet wird, nur damit nicht die Profite der großen Unternehmen angetastet werden. Dieser Kampf fängt an den Arbeitsplätzen an, um Anpassungsmaßnahmen gegen die Hitze zu erkämpfen – wie Busfahrer:innen in London oder Auto-Arbeiter:innen in Frankreich, die gegen die Rücksichtslosigkeit der Unternehmensleitungen die Arbeit niederlegen. Der Kampf muss darüber hinausgehen, um die Klimakiller von Musk bis RWE und deren Vertreter wie Trump, Merz und Co. zu entmachten. Fürs Klima braucht es nicht weniger als eine Revolution.

Sabine Müller, Berlin und Eva Ruth, Hamburg

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