
Überall wieder schwarz-rot-goldene Fahnen, Bekenntnisse zu Deutschland und das Herauf beschwören eines nationalen „Wir“-Gefühls. Keine Frage, als Kommunist:in gibt es viele Dinge, die man an der Fußball-WM der Männer 2026 abstoßend finden kann. Dabei ist Fußball eigentlich ein Sport der Arbeiter:innenklasse – doch wieviel hat die FIFA davon noch übrig gelassen?
Wenn bürgerliche Linke gerne eine Debatte führen, dann ist es die des individuellen kritischen Konsums. Und so wurden auch vor dieser WM wieder Stimmen laut, die meinten, dass man das Ereignis nicht schauen und unterstützen sollte. Natürlich sind die dabei vorgetragenen Vorwürfe in keiner Weise falsch: Die USA zeigen symbolträchtig, wie brutal inzwischen ihr Grenzregime geworden ist und lassen nicht einmal manche Schiedsrichter einreisen. Die Speichelleckerei von FIFA-Chef Infantino war nicht erst seit der Übergabe des „FIFA-Friedenspreises“ an Trump kaum zu ertragen. Und das Turnier ist durch zusätzliche „Trinkpausen“ und horrende Ticketpreise kommerzialisiert wie nie zuvor. Vor allem sind es aber die Begleiterscheinungen hierzulande, die schockieren. Während der WM zählt plötzlich wieder das „Wir“-Gefühl und keiner muss sich schämen, die Deutsche Flagge zu hissen. Verbunden mit dem aktuellen Rechtsruck führt dieser nationalistische Ausbruch auch zu Hitlergrüßen auf Autokorsos und zur unselige Debatte, wer „deutsch“ genug ist fürs deutsche Team. Noch akuter bedrohlich ist der Anstieg von häuslicher Gewalt während solchen Fußball-Events, die bei Niederlagen des favorisierten Teams um 38 % steigt (England). Eine giftige Mischung: Kommerz, Chauvinismus, Patriarchat, Nationalismus.
Ein Sport des Proletariats
Dabei kommt der Fußball doch aus einer anderen Richtung: Er entstand wäh-rend der industriellen Revolution in England als Arbeiter:innensport. Denn während viele andere Sportarten teures Equipment und bestimmte Areale verlangen, braucht es beim Fußball nur ein paar Spieler:innen und einen Ball (damals meist ein Klumpen aus Leder). Jede:r kann mitmachen, überall. Dieser egalitäre Ansatz gilt bis heute – und bestimmt deswegen auch das Leben Tausender Arbeiter:innenkinder, egal wo auf der Welt. Dieser Zusammenhalt, den der Sport stiften kann, ist dabei per se nichts Reaktionäres. Für viele von uns stellt die Fangemeinschaft einen Rückzugspunkt im Kapitalismus dar, der nicht selten mit den Interessen der kommerzialisierten Vereine in Konflikt gerät, wie die Kämpfe von einigen Fangruppen gegen den Kurs der Fußball-Strippenzieher zeigen. Und wenn ehemals kolonialisierte Länder es bei der WM schaffen, imperialistischen Nationen einen Sieg abzuringen, fühlen wir alle mit dieser kleinen und gleichzeitig großen Revanche der Unterdrückten mit.
Kapitalistische Logik statt Sportgeist
Doch Fußball im Kapitalismus ist eine Ware. Anstelle von Zusammenhalt und Gleichheit treten Profit und Investitionen. Dazu eignet er sich hervorragend als „Opium für das Volk“. Die Identifikation mit dem Verein soll die mit der eigenen Klasse ersetzen: Wenn das eigene Team verliert, kanalisiert sich oft Frust und Unsicherheit, die man im Arbeitsalltag ertragen muss. Gewinnt es, fühlt man sich überlegen und alle Sorgen sind kurz vergessen. Eine pas-sende Schnittstelle für rechtes Gedankengut, patriarchale Unterdrückung und anderes reaktionäres Verhalten. „Brot und Spiele“ lenken uns zudem vom krisengebeutelten Kapitalismus ab und werden von den Herrschenden gezielt genutzt, um unsere Rechte anzugreifen – so wurde bei der WM 2006 die Krankenversicherung für Arbeitslose und die Rente gekürzt.
Der Fußball und die WM haben ohne Frage viele hässliche Seiten. Doch einen Boykott von beispielsweise der WM zu fordern, würde missachten, dass dieses Turnier trotzdem Milliarden von Arbeitenden bewegt, für die der Fußball seine egalitäre Anziehungskraft nie verloren hat. Der Kapitalismus hat diesen Sport bis zur Unkenntlichkeit entstellt – es wäre Zeit, dass sich die Arbeiter:innen ihren Sport zurückholen.
Jonas Schmidt, Mannheim und Charlotte Steinard, Düsseldorf
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