
Unter Dauerbeschallung wird uns erklärt, die deutsche Wirtschaft stecke in einer Krise, weil die Löhne zu hoch und der Sozialstaat zu teuer seien und weil hier und da Manager:innen Fehler gemacht hätten. Und natürlich sei China Schuld, weil die chinesische Industrie zu stark subventioniert werde. Diese „Erklärungen“ sollen uns die Sinne vernebeln und dazu bringen, die finstere Zukunft, die die Kapitalist:innen uns vorbereiten, als alternativlos zu akzeptieren.
Wenn wir dem Ganzen jedoch auf den Grund gehen, dann sehen wir ein Bild von klassischer kapitalistischer Konkurrenz und Ausbeutung – auf weltweitem Niveau. Deutschland ist Teil einer neuen Epoche, die von internationalem Wirtschaftskrieg geprägt ist, und die Arbeiter:innenklasse bekommt das zu spüren. Das erklärt uns die Angriffe der Kapitalist:innen hierzulande, aber es zeigt auch den Ausweg: einen internationalen Kampf als arbeitende Klasse.
Wenn wir über den Tellerrand auf die Weltwirtschaft schauen, dann ist unübersehbar: Die größten Wirtschaftsmächte USA und China befinden sich in einer voll entfesselten wirtschaftlichen Konkurrenz, die immer weiter eskaliert. Wie schnell und wie weit diese Konkurrenz führen wird, vielleicht sogar bis hin zu einem neuen Weltkrieg, ist nicht vorhersehbar. Ihre Volkswirtschaften sind weiterhin voneinander abhängig und genau diese gegenseitige Abhängigkeit wirkt derzeit als Hemmnis für eine direkte militärische Konfrontation. Zudem bringt gegenseitige Abhängigkeit auch gegenseitige Verwundbarkeit mit sich – genau das treibt die beiden Länder dazu, Teile ihrer Volkswirtschaften voneinander abzukoppeln, um Unabhängigkeit und größere Dominanz zu erlangen.
Gleichzeitig führt diese wirtschaftliche Konkurrenz jedoch jetzt schon zu größeren militärischen Konflikten in der Welt. Russlands Krieg gegen die Ukraine, der US-israelische Krieg gegen den Iran und der Völkermord in Palästina, die Kämpfe in Kaschmir zwischen Indien und Pakistan, der Konflikt im Sudan, in der DR Kongo, im Jemen und weitere Kriege lassen sich nicht von der globalen Ordnung trennen, die sie hervorbringt.
Die wachsende wirtschaftliche Rivalität führt dazu, dass territoriale Ansprüche, Energieressourcen und andere Bodenschätze, Transportwege usw. immer wichtiger und begehrter werden und damit die Weltordnung immer instabiler.
Schon vor über 100 Jahren erklärte Lenin in seinem Werk über den „Imperialismus“: Je mehr die Welt zwischen den dominierenden Mächten aufgeteilt ist, desto mehr erfordert das weitere Wachstum eines jeden Imperiums eine Neuaufteilung der Welt. Und früher oder später führt das zu einer gewalttätigen Konfrontation. Das trifft genau den aktuellen Stand der kapitalistischen Weltordnung: eine Ordnung, die bereits begonnen hat, sich von einer relativ friedlichen Phase hin zu einer zunehmend gewalttätigen Neuaufteilung zu bewegen.
Der Wettbewerb zwischen den USA und China ist vielschichtig: Es ist gleichzeitig ein Wettstreit um technologische Vorherrschaft, um die Kontrolle über Ressourcen, um Marktführerschaft und um internationale Handelsallianzen – darum, wer welche Länder dazu bringen kann, den eigenen Interessen Vorrang vor denen des anderen zu geben. Ihre Gegensätze sind unvereinbar. Es spielt kaum eine Rolle, welche diplomatischen Vereinbarungen zwischen den beiden Ländern getroffen werden – letztendlich tobt der Wettbewerb unerbittlich weiter.
Eine von gegenseitiger Abhängigkeit geprägte Konkurrenz
China ist innerhalb kurzer Zeit zur zweitgrößten industriellen Wirtschaftsmacht geworden. Der chinesische Staat hat gezielt eine nationale Wirtschaft aufgebaut, die in der Lage ist auf dem Weltmarkt zu konkurrieren. Aber man darf nicht vergessen, dass diese Entwicklung nur möglich war, weil der westliche Kapitalismus seine Produktionsketten globalisieren wollte. Chinas Aufstieg ist das Ergebnis der Globalisierung der 1980er und 1990er Jahre. Als „Werkbank der Welt“ bot China den westlichen Konzernen Millionen billiger Arbeiter:innen und billige natürliche Ressourcen. Es bot auch einen rasant wachsenden einheimischen Markt. Ein Ergebnis der Ära der „happy globalization“ war die Schaffung einer großen weltweit verbundenen Arbeiter:innenklasse, sowie die Entstehung der Wirtschaftsmacht China.
Die wirtschaftlichen Verschränkungen zwischen den USA und China sind vielfältig. Ein wichtiges Beispiel sind: Chips. Chips – integrierte Halbleiterschaltungen – sind so etwas wie das Nervensystem der modernen Wirtschaft. Jede Branche, die etwas bewegt, kommuniziert, Strom erzeugt oder Entscheidungen trifft, ist von ihnen abhängig. Und der Wettlauf um die Vorherrschaft im Bereich der KI hängt absolut von ihnen ab.
Durch die Brille der Chip-Produktion können wir fast vollständig das Gesamtbild einer komplexen und umfassenden gegenseitigen Abhängigkeit erkennen – sowie die verschiedenen Wege, auf denen beide Länder versuchen, aus dieser Abhängigkeit auszubrechen.
Chinesische Firmen dominieren (zu etwa 80 %) den weltweiten Abbau und die Verarbeitung der für die Herstellung hochentwickelter Chips kritischen Rohstoffe. US-Unternehmen haben ein Monopol auf die komplexe Software, mit der die Baupläne für die Chips entworfen werden. Ein niederländisches Unternehmen hat ein Monopol auf die Herstellung der Maschinen zur Fertigung der Chips. Und taiwanesische Firmen haben ein Monopol auf das Wissen und die Erfahrung, wie man solche hochmodernen Chips in hohen Stückzahlen herstellt.
China und die USA als imperiale Konkurrenten arbeiten ununterbrochen daran, diese Schwachstellen zu beseitigen. Zum Beispiel durchforsten die USA die ganze Erde nach kritischen Rohstoffen. Unterdessen setzt China auf die Entwicklung von KI-Technologie, um das US-Monopol auf die Software für das Chip-Design zu brechen.
Künstliche Intelligenz ist ein weiterer Bereich, der die Rivalität deutlich macht, denn wer hier die Oberhand gewinnt, verschafft sich Vorteile, die sich auf fast alle anderen Wirtschaftsbereiche auswirken – militärische Zielerfassung, wirtschaftliche Produktivität, Überwachungsmöglichkeiten, wissenschaftliche Forschung und Finanzgeschäfte. Die USA liegen derzeit bei den KI-Kapazitäten klar vorn, angetrieben von Milliarden Dollar, die in eine Art Kreditblase fließen. OpenAI, Anthropic und Google DeepMind produzieren nach wie vor die leistungsstärksten Systeme der Welt – doch Chinas DeepSeek holt schnell auf und das zu einem Bruchteil der US-Kosten und trotz weniger leistungsstarker Chips. Chinesische Open-Source-KI-Modelle machen mittlerweile etwa 15 bis 30 Prozent der weltweiten Modellnutzung aus, vor anderthalb Jahren lag dieser Anteil noch bei nahezu null.
Der Ausbau von KI und die rasante Entwicklung ihrer Rechenleistung erfordern enorme Strommengen. Das bedeutet, dass alle Energieformen eine neue Bedeutung erlangen und die Nachfrage fast ungebremst wächst. Dies hat einen neuen Wettlauf um die verbleibenden Ressourcen ausgelöst und die USA dazu getrieben, zu versuchen, China den Zugang zu diesen Ressourcen zu versperren, wo immer es möglich ist (vor allem aus Venezuela und dem Iran).
Wir sind noch nicht am Beginn des Dritten Weltkriegs angelangt. Aber wir sind in eine Ära eingetreten, in der die konkurrierenden Mächte die Welt immer gewaltsamer neu aufteilen.
Die deutschen Konzerne in der Weltwirtschaft
Mit dieser wachsenden Konkurrenz zwischen China und den USA und der hemmungslosen Orientierung auf „America first“ unter Trump ändert sich auch der Platz Europas. Die USA wollen die Beziehungen zu ihren „Verbündeten“ neu ordnen und komplett ihren Interessen unterordnen.
Das hat Folgen für Deutschland. Unter den europäischen imperialistischen Mächten ist Deutschland die größte Wirtschaftsmacht, weltweit liegt Deutschland auf Platz 3.
Doch nicht nur, dass Europa insgesamt gegenüber den USA und erst recht gegenüber China seit der Finanzkrise von 2008 deutlich an Boden verliert, auch innerhalb Europas fällt die deutsche Wirtschaft relativ zurück, insbesondere seit dem Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine vor vier Jahren.
Das alles hat nichts mit Fehlentscheidungen des einen oder anderen Managements oder einer Regierung zu tun. Tatsächlich hat die deutsche Wirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten stark von der Globalisierung profitiert. Wie kein anderes Land Europas expandierte die deutsche Wirtschaft nach Osteuropa und in die Welt, vor allem nach China und die USA
Kernbereiche der deutschen Industrie mit hoher Produktivität, relativer Führerschaft bei hochentwickelten kapitalintensiven Technologien und hoher Automatisierung sind Autobau, Maschinenbau und die Chemieindustrie. Bekannte Konzerne sind Volkswagen, Daimler, Bosch, Siemens und die BASF. Das sind auch die Branchen, die ins Ausland exportieren – aber auch im Ausland produzieren lassen, zum Beispiel arbeitsintensive Produkte in Osteuropa oder Asien. Das wichtigste Exportgut sind nach wie vor Autos und Autoteile gefolgt von Maschinen und chemischen Produkten.
Das Problem ist, dass genau diese Branchen von externen Krisen (Energiepreise etc.) und der wachsenden internationalen Konkurrenz besonders hart getroffen werden. Der Hauptabsatzmarkt bleiben seit 2015 die USA, doch die Zollpolitik Trumps führt zu einem deutlichen Rückgang. Länder wie China, Indien und Südostasien produzieren inzwischen selbst bei steigender Qualität deutlich billiger, neben Autos auch Maschinen. Große weltweite Überkapazitäten treffen nun auf schrumpfende Märkte, was zu einer historisch niedrigen Auslastung der deutschen Industrie führt.
Betrachten wir die deutsche Automobilindustrie: 2024 ist der Gesamtumsatz der deutschen Automobilindustrie, der zu 70 % mit Exporten erwirtschaftet wird und vorher jahrelang gestiegen war, um 4 % zurückgegangen. Der massive Verlust an Marktanteilen in China spielt eine zentrale Rolle. Deutschlands größter Autokonzern VW war 40 Jahre lang die Nummer 1 in China und hatte mal an die 40 % Marktanteil in China, aktuell sind es (zusammen mit den chinesischen Partnerunternehmen SAIC und FAW) unter 14 %. Die Automobilexporte Deutschlands nach China haben sich in drei Jahren mehr als halbiert.
Die deutschen Großkonzerne machen aber immer noch hohe Milliardengewinne!
Heute ist es schwer zu prognostizieren, wie die deutschen Kapitalist:innen auf Dauer ihre Probleme versuchen werden zu „lösen“. Aber sicher geht das auf Kosten der Arbeiter:innen. Den jetzigen Angriffen werden weitere folgen!
Sie erhöhen die Ausbeutung durch Verlängerung der Arbeitszeit bei gleichzeitigen Lohnkürzungen und bauen massiv Stellen ab. Produktion wird nach Osteuropa verlagert. Mercedes baut gerade sein ungarisches Werk weiter aus und will dort die Produktion verdoppeln. Die deutschen Großkonzerne versuchen aber auch, beim Einsatz neuer Technologien – KI, Robotik – ganz vorne dabei zu sein. Ein Wunschtraum, angesichts der Übermacht US-amerikanischer und chinesischer Konzerne. Aber wie in den USA sehen wir auch in Deutschland einen massiven Bau von Rechenzentren, gefördert durch staatliche Wirtschaftspolitik und Gelder. Die Öffnung einer Lithium-Mine in Serbien und neue „Partnerschaften“ mit südamerikanischen und afrikanischen Ländern – alles mithilfe der EU – sind Beispiele des Versuchs der Entkopplung von chinesischen Abhängigkeiten.
Im internationalen Konkurrenzkampf hat Deutschland ohne die EU keine Chance. Deshalb versucht es seit Jahren, unter Deutschlands Führung Europa zu einem schlagkräftigeren imperialistischen Block zu machen.
Wer kann das stoppen?
Angesichts des Wettrennens um weltweite Vorherrschaft wissen wir: Das geht nicht an der weltweiten Arbeiter:innenklasse vorbei. Die neue Jagd nach Bodenschätzen bedeutet Ausbeutung und Umweltzerstörung. Imperialistische Machtkonkurrenz bedeutet Umstrukturierungen, Sozialkürzungen und Krieg. Doch es wächst auch der Widerstand, wie die Aufstände der Generation Z in dutzenden von Ländern in den letzten zwei Jahren. Auch der Sozialkahlschlag in Deutschland verbunden mit massivem Abbau von Industriearbeitsplätzen und Aufrüstung sind unmittelbare Folgen der neuen weltweiten Rivalitäten. Wir brauchen keine Kristallkugel, um zu sehen, was auf uns zukommt – es liegt bereits offen vor unseren Augen. Die Zukunft birgt ein wachsendes Potenzial für massenhafte Streiks und eine Revolution.
Beitragsbild: https://www.volkswagengroupchina.com.cn/MediaCenter/Images – VW und der chinesische Autobauer XPeng präsentieren das erste gemeinsam in China entwickelte und gebaute Auto
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