
Die Entwicklung des Kapitalismus wird von der bürgerlichen Geschichtsschreibung als Erfolgsgeschichte dargestellt – mit ein paar Kollateralschäden und Bedrohungen durch „finstere Mächte“. In Wirklichkeit sind die wiederkehrenden Krisen der Weltwirtschaft, die weltweiten Kriege und die Konflikte zwischen Großmächten jedoch keine Schönheitsfehler des Kapitalismus, die mit der Zeit verschwinden, sondern vielmehr Ausdruck seiner grundlegenden Widersprüche. Das zeigt ein Blick in die Geschichte – der uns auch die Situation heute besser verstehen lässt.
Die Entwicklung des modernen Kapitalismus nahm ab Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Industrialisierung so richtig Fahrt auf. Dieser frühe Industriekapitalismus entstand innerhalb von Kolonialreichen wie England, Belgien oder Frankreich, integrierte die koloniale Ausbeutung in sein neues Geschäftsmodell und ergänzte sie um die Ausbeutung des Proletariats. Bis Ende des 19. Jahrhunderts waren weltweit tätige kapitalistische Konzerne mit bisher ungeahnter Größe und Macht entstanden. Abgesichert wurde diese Expansion durch die Etablierung moderner bürgerlicher Staatsapparate, die die Interessen des Kapitals sowohl gegen kämpfende Arbeiter:innen als auch gegenüber anderen Ländern durchsetzten.
Übergang zum Imperialismus
Um die Jahrhundertwende ging das kapitalistische System in sein imperialistisches Stadium über. Neben Großbritannien, das bisher die unangefochtene Weltmacht war, drängten nun auch weitere kapitalistische Länder auf die Weltbühne. Der Kampf um Absatzmärkte und um die permanente Steigerung der Profite, hatte nicht nur wirtschaftlichen Aufschwung befeuert, sondern die Widersprüche und Konflikte zwischen den großen kapitalistischen Ländern und Monopolen massiv zugespitzt. Industrie und Banken verbanden sich zum Finanzkapital, das nicht mehr nur Rohstoffe aus Kolonien einführen und Waren ins Ausland verkaufen wollte, sondern für das der Kapitalexport (heute würde man sagen: ausländische Direktinvestitionen) zunehmend wichtiger wurde. Das Wettrennen um die weltweite Vorherrschaft war in vollem Gange.
Erster Weltkrieg
1914 mündete dieser Konflikt im Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Er war Ausdruck eines Wettkampfes um die Aufteilung der Welt, zog Länder auf der ganzen Welt in den Konflikt mit hinein und zwang sie auf eine der Seiten. Ein solch umfassender, globaler Konflikt zwischen den Großmächten lässt sich nicht aus den Absichten der Staatsoberhäupter oder verfehlter Diplomatie erklären. Dahinter steht vielmehr die Dynamik der kapitalistischen Entwicklung selbst, in der die Akkumulation von Kapital den Ton angibt. Ziel und Zweck der ganzen Ökonomie ist es, am Ende mehr rauszubekommen als investiert wurde – mehr als die Konkurrenz und mehr als im Jahr davor. Dieser maßlose und endlose Prozess ist fragil, krisenanfällig und zerstörerisch. Imperialismus lässt sich damit auch nicht, wie in vielen bürgerlichen Definitionen, auf aggressive Außenpolitik reduzieren. Er ist vielmehr direktes Ergebnis der kapitalistischen „Erfolgsgeschichte“ selbst.
Nach dem Krieg ist vor dem Krieg
Der Erste Weltkrieg kostete Großbritannien zwar seine Rolle als führende Weltmacht, konnte aber die Widersprüche zwischen den Großmächten nicht lösen und führte so auch nicht zur Etablierung einer (zumindest zeitweilig) stabilen Weltordnung. Die 1920er und 1930er waren von ökonomischen Krisen, Klassenkämpfen und zunehmenden Spannungen zwischen Großmächten geprägt. Alte Kaiser- und Königreiche existierten nicht mehr, die USA waren mittlerweile zur kapitalistischen Großmacht aufgestiegen und in etlichen Ländern waren faschistische Regime an der Macht.
Die Widersprüche, die zum Ersten Weltkrieg geführt hatten, entluden sich unter etwas veränderten Vorzeichen erneut 1939 im Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Dieser bedeutete ein bisher ungeahntes Ausmaß an Vernichtung mit industriellen Methoden und Einsatz mörderischer, moderner Waffensysteme. Die rasante Entwicklung der Produktivkräfte hatte unter kapitalistischen Bedingungen nicht nur zu gesellschaftlichen Fortschritten geführt, sondern auch zum Krieg, hatte sich also gegen die gesamte menschliche Zivilisation gerichtet.
Sieg der Demokratie?
Die bürgerliche Geschichtsschreibung interpretiert den Zweiten Weltkrieg gerne als Kampf von Demokratie gegen Faschismus. Die Niederlage Nazi-Deutschlands und die Etablierung einer liberal-kapitalistischen Weltordnung mit Kriegsende schien den historischen Sieg des Guten über das Böse zu besiegeln. Im Kalten Krieg, der sich rasch nach Weltkriegsende abzuzeichnen begann, wurde im Westen die Ideologie von der natürlichen Überlegenheit des liberal-demokratischen Kapitalismus ausgebaut und weiter etabliert. In den Nachkriegsjahrzehnten wurde hier Teilen der Arbeiter:innenklasse ein steigender Lebensstandard zugestanden, auch um sie von revolutionären Abenteuern abzuhalten und um möglichen Sympathien für die nicht-kapitalistischen stalinistischen Länder entgegenzuwirken. Möglich war das aufgrund der wirtschaftlichen Boomphase – die Profite sprudelten trotzdem äußerst ergiebig. Die letzte Hürde schien Ende der 1980er mit dem Zusammenbruch der stalinistischen Systeme genommen, als sich der Kapitalismus scheinbar endgültig als historisch alternativlos durchgesetzt hatte. Die bürgerliche Ideologie feierte das vermeintliche „Ende der Geschichte“.
Die Realität sieht freilich anders aus. Der angebliche Triumph der Demokratie begann mit dem Abwurf von US-Atombomben auf Zivilist:innen in Hiroshima und Nagasaki. Der ganzen Welt sollte unmissverständlich klar gemacht werden, dass ab jetzt der US-Imperialismus das Sagen hat und über die Mittel und den Willen verfügt, seine Interessen auch durchzusetzen. Millionen Menschenleben kostete auch das Ausschlachten des kolonialen Erbes: Kriege und Stellvertreterkriege um Einflusszonen, der Kampf gegen Befreiungsbewegungen und die Installierung autoritärer Regime, die neokoloniale Ausbeutung von Menschen und Rohstoffen, die Strukturanpassungsprogramme von IWF und Weltbank, usw. Der Imperialismus überzog den Globus auch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit einer Blutspur: von Korea über Vietnam nach Afghanistan und in den Irak, von Palästina über den Kongo und Algerien nach Chile.
Das langsame Ende der Nachkriegsordnung
Die Nachkriegsordnung unter Führung der USA hat es den westlichen Ländern bis heute ermöglicht, ihre weltweit dominante Rolle auszuüben und aufrecht zu erhalten. Dass diese Phase keinen Weltkrieg und keine direkte Konfrontation zwischen imperialistischen Großmächten gesehen hat, ist nicht den vermeintlich demokratischen „westlichen“ Werten geschuldet. Sie ist vielmehr Ausdruck einer ganz bestimmten historischen Konstellation: die Weltordnung mit der USA als Hegemonialmacht hat es westlichen Ländern ermöglicht Krisentendenzen auf Kosten von Ländern der Peripherie und der Arbeiter:innenklasse zu bearbeiten. Auf das Ende des Nachkriegsbooms ab den 1970ern folgte die neoliberale Offensive ab den 1980ern. Die Steigerung der Profite passierte einerseits durch massive Angriffe auf die Arbeiter:innenklasse, andererseits durch verschärfte Ausbeutung von Ländern des globalen Südens über liberalisierte Finanzmärkte, Handelsverträge und Kriege.
Diese Möglichkeiten der Auslagerung von Krisentendenzen werden zunehmend weniger. Der Aufstieg Chinas (und in geringerem Ausmaß auch anderer Länder) hat den Kampf um die Aufteilung des Kuchens zwischen den Großmächten verschärft. Und die vermeintliche Lösung von Krisen im Kapitalismus bereitet immer den Boden für künftige, noch tiefere und umfassendere Krisen. Die Finanzkrise um 2008, deren Ursachen bis heute nicht gelöst sind, zeugt von diesen tiefen Krisenentwicklungen, denen sich auch die imperialistischen Kernländer nicht mehr entziehen können. Auch heute sind es nicht vermeintlich „finstere Mächte“, die die kapitalistische Erfolgsgeschichte und die Demokratie bedrohen, sondern vielmehr die grundlegenden Widersprüche des Systems selbst, die sich aktuell wieder rasant zuspitzen.
Johannes Wolf, Wien
