
Das Buch “Der Magier im Kreml” von Giuliano de Empoli erschien 2022 pünktlich zum russischen Überfall auf die Ukraine und lieferte – wenn auch rein fiktive – tiefe psychologische Einblicke in das System Putin. Olivier Assayas veröffentlichte dieses Jahr eine Verfilmung – wie lehrreich ist der Politthriller?
Der Film führt uns in die Geschichte des postkommunistischen Russlands. Durch die Augen Baranows, einem erfundenen Berater Putins, lernen wir Kommunist:innen, Schmuggler, KGB-Führungskräfte und Künstler:innen aller Schattierungen kennen. Sie alle suchen ihren Platz in der neuen postkommunistischen Gesellschaft. Der begabte Baranow tut dies Anfangs ebenfalls und endet schließlich damit, dass er die Umwandlung des Staates mitgestaltet.
Nach der ersten halben Stunde des Films bewegen wir uns in der Welt der sanften wie ekelhaften Politikszene der neuen russischen Bourgeoisie. Baranow ist dabei nur einer unter vielen in dieser rein männlichen Welt. Die einzigen “normalen” Leute, die ab dieser Stelle im Film zu sehen sind, sind die stummen Dienerinnen der Oligarchen, die von den Protagonisten nicht eines Blickes gewürdigt werden. Doch wer diese widerliche Darstellung erträgt, kann besser als in jeder Doku einen Blick auf die russische Politik erhalten. Der geschichtliche Faden vom Tschetschenienkrieg, über die Maidan-Demos (2014) bis zum Angriff auf die Ukraine, ist dabei besonders wertvoll: Er erklärt uns die damaligen vielseitigen Debatten in der russischen Politik und die im Hintergrund strippenziehenden Oligarchen.
Der Film stellt dabei Macht auf eine sehr einseitige Weise dar, die hinterfragt werden muss. Die Hauptfigur drängt „in die Köpfe“ der Gegner, wie er es selber sagt. Das tut er als Personifizierung der Großmacht Russlands und des Putinschen Systems. Er steuert Medienkampagnen, interpretiert Ereignisse für die Öffentlichkeit neu und kennt die kulturellen Interessen des riesigen Russlands wie seine Westentasche. Damit unterdrückt er die Opposition, lässt Kritik verstummen und täuscht die Öffentlichkeit. Die Inszenierung dieser Macht ist bis zum unerwarteten Ausgang des Films kraftvoll. Wir Aktivist:innen wissen aber, dass politische Macht in erster Linie aus konkreter Gewalt besteht. Kündigungen, Verbote von Social-Media-Konten, Hausdurchsuchungen, Verhaftungen, usw. unterstützen das System unbedingt und immer. Ohne das könnte ein System à la Baranow nicht bestehen und erst recht nicht entstehen. In Russland wie den USA gilt: Wer hier nur friedlich demonstriert, wird aber mit Polizeigewalt konfrontiert. Die Zeichnung der Figur Baranows, die durch ihre überragende Intelligenz alle Fäden und Entwicklungen in der Hand hält, unterstützt also letztendlich die herrschende Darstellung, zum Beispiel der angeblichen unbesiegbaren Macht Elon Musks, METAs und Trumps in den USA. Eine künstlerische wie auch künstliche Darstellung, die als solche verstanden werden muss. Das nimmt uns aber nicht den Spaß an diesem schönen Film.
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