Der Weihnachtsfrieden 1914: Als Tausende Soldaten das imperialistische Massaker verweigerten

Die Szenen sind in Erinnerung geblieben und haben sogar ihren Weg auf die Leinwand gefunden, wie im französischen Film „Merry Christmas“ aus dem Jahr 2005: Mitten im Weltkrieg unterbrachen Soldaten beider Seiten die Kämpfe, um Weihnachten zu feiern. Das Ereignis wird im Allgemeinen als kurzer Moment der Menschlichkeit dargestellt, als einige Stunden der Brüderlichkeit – Soldaten wie Generäle beider Seiten – bevor die Kämpfe wieder aufgenommen wurden. Die Magie von Weihnachten, in gewisser Weise! Aber abgesehen von ein paar Weihnachtsliedern und Friedensgebeten waren es in Wirklichkeit fast 100.000 Soldaten, die sich weigerten zu kämpfen, oft unter Missachtung der Befehle ihrer Vorgesetzten, denen es schwerfiel, die Disziplin wiederherzustellen.

Die armen Teufel, sie stecken im selben Dreck wie wir“ – ein spontaner Waffenstillstand


Im Dezember 1914 ist die Hoffnung auf einen schnellen Sieg, die den jungen Soldaten zu Beginn des Krieges vorgegaukelt worden war, nur noch eine ferne Erinnerung. Die Frontlinien sind festgefahren, und die Soldaten, die dachten, sie würden zu Weihnachten nach Hause zurückkehren, stehen sich in den Schützengräben gegenüber. Von der nationalistischen Begeisterung des Sommers ist nicht mehr viel übrig.

Am 24. Dezember kommt es an der Westfront bei Ypern zu den ersten Szenen der Verbrüderung: Unabhängig voneinander und spontan erklingen an mehreren Stellen der Front Weihnachtslieder in den Schützengräben und werden von anderen beantwortet, Delegationen bringen Geschenke in die „feindlichen“ Schützengräben, Weihnachtsbäume werden auf den Befestigungsanlagen der Schützengräben aufgestellt. An den ersten Stellen verkünden Rufe auf beiden Seiten, dass sie am Weihnachtsabend nicht schießen werden. Die Soldaten sind der Barbarei überdrüssig, und die leidenschaftlichsten Patrioten sind oft an der Front gefallen und durch ältere Reservisten ersetzt worden, die weniger von nationalistischem Eifer durchdrungen und oft noch von den antimilitaristischen Ideen der Arbeiter:innenorganisationen vor deren Verrat geprägt sind.
Am nächsten Tag weitet sich der fragile Waffenstillstand aus und verwandelt sich in eine echte Massenbewegung: Fast 100.000 Soldaten stellen die Kämpfe ein. Sie dringen in das Niemandsland zwischen den Schützengräben vor, tauschen Geschenke aus, organisieren Fußballspiele und Begräbnisse mit Gebeten und zweisprachigen Liedern für die Hunderte von Leichen, die das Schlachtfeld übersäen. Es kommt zu pittoresken Szenen: Ein sächsischer Soldat, der in London als Friseur gearbeitet hatte, frisiert englische und deutsche Soldaten, Soldaten jagen Kaninchen und Schweine, um Grillpartys zu veranstalten, andere plünderen gemeinsam verlassene Bauernhöfe oder organisierten Radrennen. Vor allem an der englischen Front kommt es zu Verbrüderungen, aber es gibt auch einige Fälle von Fraternisierung zwischen französischen oder belgischen und deutschen Soldaten.

Diese spontane Verbrüderung empört natürlich die Militärhierarchie. Anfang Dezember lehnten die kriegführenden Regierungen bereits einen vom Papst vorgeschlagenen Weihnachtsfrieden kategorisch ab. Da man sich des möglichen Moralverfalls während der Weihnachtsfeiertage bewusst war, wurden Geschenke an die Front geschickt (die oft zu Andenken wurden, die mit den Soldaten „der anderen Seite” ausgetauscht wurden), während die englischen Generäle an der Flandernfront im Dezember eine Reihe selbstmörderischer Offensiven starteten. Als die Verbrüderung einsetzt, sind die Offiziere machtlos. Einige befehlen ihren Soldaten, in den Kampf zurückzukehren, bevor sie angesichts der allgemeinen Befehlsverweigerung aufgeben. Andere waren einfach überfordert und zeigten sich manchmal opportunistisch, indem sie den Waffenstillstand nutzten, um die feindlichen Schützengräben zu inspizieren oder Spione zu entsenden. Die meisten berichteten dem Generalstab nur verspätet und unvollständig, da ihr Versagen, die Disziplin der Truppen aufrechtzuerhalten, allzu offensichtlich war. Am Abend des 25. erreichen die Nachrichten schließlich die Generalstäbe, die die sofortige Wiederaufnahme der Kämpfe anordnen. Die englischen Stellungen erhalten den Befehl, dass „jede Verbrüderung sofort einzustellen ist. Bei Wiederholung wird sie hart bestraft“. Sowohl der deutsche als auch der englische Generalstab drohen den „Meuterern“ mit einem Kriegsgerichtsverfahren wegen Hochverrats.
An einem Teil der Front nehmen die Armeen ihre Stellungen in den Schützengräben daraufhin wieder englische Soldaten mit dem 16. bayerischen Reserve-Infanterieregiment um einen Weihnachtsbaum und singen gemeinsam Weihnachtslieder. Einem Veteranen des Regiments zufolge beobachtet ein bayerischer Kurier diese Verbrüderung aus der Ferne, empört und voller Verachtung: Adolf Hitler…


Gentlemen, der Oberst hat uns befohlen, um Mitternacht das Feuer wieder aufzunehmen“ – die schwierige Rückkehr zur Ordnung


Aber die Generäle bringen ihre Soldaten schließlich zurück in die Schützengräben. Manchmal auf absurde Weise: An vielen Stellen verabschieden sich die Soldaten wie zwei Boxer vor einem Kampf mitten im Niemandsland voneinander, an einer Stelle der Front singen die deutschen Soldaten „God Save the King“, bevor sie auf ihre Positionen zurückkehren. Und die Rückkehr zur Ordnung ist schwierig. Viele Soldaten weigern sich ausdrücklich, auf die gegnerischen Stellungen zu schießen, bevor ihnen ein Kriegsgerichtsverfahren angedroht wird, noch mehr gehorchen zögerlich und schießen dann demonstrativ in die Luft. Die Verschlechterung des Wetters macht die Offensivpläne beider Seiten zunichte, und die Weihnachtsgewohnheiten bleiben bestehen: Unter recht schwachem Artilleriefeuer kommunizieren die Soldaten beider Seiten miteinander, tauschen sich aus und leihen sich gegenseitig Werkzeuge. Eine deutsche Einheit schickt einen Boten, um den „Feind” mit einer schriftlichen Nachricht zu warnen: „Gentlemen, der Oberst hat unsden Befehl erteilt, um Mitternacht das Feuer wieder aufzunehmen, wovon wir hiermit die Ehre haben, Sie zu informieren.“ An vielen Stellen der Front dauert es Wochen, bis die „Ordnung“ tatsächlich wiederhergestellt ist.

Letztendlich mussten die Generalstäbe einen Großteil der Front zurückziehen, um sie nach und nach durch neue Wehrpflichtige zu ersetzen, für die die Soldaten auf der anderen Seite nie etwas anderes als namenlose Feinde gewesen waren. Im April 1915 verschärfte der erste Einsatz von Giftgas den Hass und die Entmenschlichung und beendete endgültig den Geist der Verbrüderung. Es sollte noch fast drei Jahre dauern, bis Soldaten erneut massenhaft die imperialistische Barbarei ablehnten, 1917 in Russland und 1918 in Deutschland.


Mehr als hundert Jahre später erinnert man sich an dieses Ereignis oft wie an einen vorübergehenden, kurzen Waffenstillstand im Geiste von Weihnachten, des Humanismus und des Pazifismus. Aber in Zeiten, in denen Merz, Macron und Co. erneut für den Krieg rüsten und mobil machen, sollten wir uns daran erinnern, was dieser „Waffenstillstand“ wirklich war: eine Massenbewegung der Arbeiter:innen und Bauern, die in den imperialistischen Armeen dienten und für einen Abend, einige Tage, manchmal sogar einige Wochen gemeinsam das imperialistische Gemetzel des Ersten Weltkriegs ablehnten.

Beitragsbild: Fotos von deutschen und englischen Soldaten bei Ypern, Titelseite des Daily Mirror, 5. Januar 1915

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