Wie Oppa zum Familienoberhaupt wurde und Omma in der Küche verschwand

Schlechte Nachrichten für Dieter Nuhr, Bernd Höcke und andere gekränkte „Männlichkeiten“. Dabei lief das doch bisher so gut. Erst biederste dich mit Schimpfen über „Genderwahn“ bei der Zielgruppe an, lieferst ein paar müde Karnevalswitzchen über Unisex-Klos in der Hauptstadt und „InterSEKTionalität haben Prosecco-Trinker erfunden“ – um dann mit einer abschließenden Bemerkung über „akademisch-unverständliches Geschwurbel“ den „Katheder-Emanzen“ den Rest zu geben. Doch auch wenn es für Heidegger-Fans absurd klingen mag, es gibt sie immer mehr – Texte in deutscher Sprache, verständlich und unterhaltsam geschrieben, die allen wissenschaftlichen Anforderungen gerecht werden. Dieses Buch ist eine dieser Schriften. Gut, einer der Autoren ist Niederländer, daher vielleicht das Entertainer-Talent. Deshalb keine Angst vor diesem 600-Seiten-Brikett, es lohnt sich, ich schwör. Wenn Du die Welt verändern willst (und das hat sie bitter nötig, gerade was die Diskriminierung von Frauen und Mädchen betrifft), dann kann es auf jeden Fall nicht schaden, sie zuvor besser zu verstehen.

Beide Autoren sind anerkannte Wissenschaftler. Der Niederländer ist Verhaltensforscher und Evolutionsbiologe, bekannt durch seine Forschungen zum Verhalten von Menschenaffen. Trotzdem ist der Stil zwar witzig, doch keineswegs affig. Der andere ist Historiker und hat unter anderem über die Himmelsscheibe von Nebra publiziert. Die Autoren machen sich auf der Grundlage ihrer Kenntnisse über den aktuellen Stand der Wissenschaft daran, den Ursachen für die jahrtausendealte Diskriminierung von Frauen und Mädchen nachzugehen. Gleich vorweg – die eine, alles erhellende Erklärung gibt es auch hier nicht. Auch dieses Ding ist leider etwas komplizierter. Wäre ja auch zu schön – wir kicken einfach alle männlichen Worte aus der Sprache und schreiten anschließend Hand in Hand einer lichten Zukunft entgegen … ach ja … Auch hier greift mal wieder der Slogan aus dem Clinton-Wahlkampf von 1991: „It is the economy, stupid!“

In dieser „patriarchalen Matrix“ (Spoiler) gibt es eine Menge scheinbar ewiger Wahrheiten.

Wir wollen die Bewahrung der Familie, der Grundlage der Gesellschaft … wir sind gegen ein Gender-Gaga mitten in Deutschland.“ Das könnte so auch den Ges(t)ammelten Werken der CSU entnommen sein, ist aber in diesem Falle AfD-Bundestagsrede. Nichts gegen ihren BWL-Doktor, Frau Weidel, aber die historische Wahrheit ist dann doch eine andere.

Rund 99 Prozent der Menschheitsgeschichte lebten wir in kleinen, egalitären Gruppen als nomadische Jäger und Sammler. Das Verhältnis von Frauen und Männern befand sich in einem delikaten Gleichgewicht …“

Erst mit dem Sesshaftwerden und der Entstehung des Privateigentums begann die Entwicklung hin zu Ungleichheit und Diskriminierung. Das lässt sich jetzt schwer twittertauglich in zwei Sätzen darstellen. Außerdem wollen wir niemandem den Lesespaß verderben.

Doch da ruft uns ein altgläubiger Marxist zu: „Moment mal – das kenn ich doch. So steht das doch schon bei Friedrich Engels – 1884! Und ihr wollt mir das als neu verkaufen!“

Natürlich spricht es für die Wissenschaftlichkeit des Marxismus, dass die grundlegenden Schlussfolgerungen in den 140 Jahren seit Engels‘ Schrift Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates standgehalten haben. Doch seitdem hat die Wissenschaft jede Menge Neues an den Tag gebracht. Da benötigt auch das beste Programm mal wieder ein Update. Gerade das leistet das vorliegende Buch auf unterhaltsame Weise. Also, Platz gemacht im Bücherregal. Neben Engels, August Bebel, Clara Zetkin und so mancher feministischen Schrift sollte sich auf jeden Fall noch für Die Wahrheit über Eva ein Plätzchen finden.

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