
Seit einem halben Jahr schon bestraft Israel die Bevölkerung des Gazastreifens kollektiv für das Massaker der Hamas. Die Zahlen unschuldiger Opfer auf palästinensischer Seite sind rund 30-mal höher als die vom 7. Oktober und jeder Tag bringt neues mörderisches Leid. Krankenhäuser wurden in Schutt und Asche gelegt. Das hat insbesondere Pflegekräfte dazu gebracht, sich in Solidarität mit der Bevölkerung Gazas zu organisieren.
In Frankreich gründete sich schon im November 2023 das Kollektiv „Pflegekräfte für Gaza“, an dem Aktivist:innen unserer Schwesterorganisation NPA beteiligt sind. Das Kollektiv hat einen Instagram-Auftritt mit inzwischen über 200 Beiträgen und 27.000 Followern. Seit November ist das Kollektiv bei vielen wöchentlichen Demonstrationen in Paris aufgetreten: in Kitteln und mit Transparenten „Pflegekräfte gegen das Massaker in Gaza“. Es wurden wöchentlich vor verschiedenen Krankenhäusern im Raum Paris Kolleg:innen mit Flugblättern auf-gerufen, sich der Mobilisierung anzuschließen.
Die Idee für das Kollektiv „Pflegekräfte für Gaza“ entstand aus der Stimmung auf Station heraus. Es gab Empörung über das Massaker in Palästina, aber vielen Kolleg:innen fiel es schwer, dar-über zu sprechen, weil das Thema ähnlich wie in Deutschland tabuisiert wurde, indem jede Unterstützung für Gaza mit Unterstützung der Hamas gleichgesetzt wurde. Das ist kein Zufall, sondern eine Politik: Es sind die Regierung und die Presse, die diese ekelhafte Gleichsetzung verbreiten. Das Kollektiv ist gegen alle Rassismen, darunter natürlich auch gegen Antisemitismus, und verwehrt sich dagegen, dass die Unterstützung des palästinensischen Volkes gleichgesetzt wird mit der Hamas und ihren reaktionären Methoden. Ebenso lehnt es ab, den Staat Israel und seine kolonialistische Politik mit Juden und Jüdinnen auf der ganzen Welt gleichzusetzen.
Die Motivation für die Gründung des Kollektivs bestand auch darin, die Organisationen der Arbeiter:innenbewegung mit ihrer Verantwortung zu konfrontieren. Es ist manchmal ein richtiger Kampf, damit die Gewerkschaften zu diesem Thema mobilisieren. Da die Gewerkschaften nichts organisierten, gingen anfangs nur diejenigen, die bereits Aktivist:innen waren oder sich direkt von der palästinensischen Sache betroffen fühlten, zu Demonstrationen. Dabei betrifft dieser Krieg alle Arbeiter:innen, unabhängig von ihrer Kultur, ihrer Konfession oder ihrer Herkunft. Das ist gemeint, wenn das Kollektiv auf Demonstrationen ruft: „In Gaza wird die Menschheit ermordet!“
Nicht nur die schon Überzeugten erreichen
Das Kollektiv war von Anfang an darauf ausgerichtet, sich an andere zu wenden als diejenigen, die sowieso schon für die Palästina-Solidarität gewonnen sind. Es ging darum, möglichst alle Kolleg:innen zu mobilisieren. Das hieß auch, auf deren Bedenken einzugehen und z. B. in kurzen Videos auf Instagram der Propaganda der Regierung entgegenzutreten, sich klar auch gegen die Hamas und zum Schicksal der Geiseln zu positionieren. Es geht um internationalistische Solidarität:
Eine Solidarität als Pflegekräfte gegenüber ihren Kolleg:innen, die unter Bombenhagel arbeiten, operieren und amputieren ohne jegliche Hilfsmittel, die Hunderte von Patient:innen sterben sehen aus Mangel an allem in den Krankenhäusern in Gaza, die eines nach dem anderen unter Beschuss der Armee geraten …
Das Entscheidende bei der Mobilisierung ist, inhaltlich zu überzeugen. Dabei blieb das Kollektiv von Anfang an nicht bei der Losung „Waffenstillstand“ stehen. Ohne Gerechtigkeit wird es keinen Frieden geben, deshalb tritt es auch klar gegen die kolonialistische Siedlungspolitik auf.
Tatsächlich gibt es im Kollektiv und auf den Demonstrationen ein echtes Gefühl der Befreiung. Die Bande, die in diesem Kampf geknüpft werden, werden sich nicht so schnell lösen und sie machen uns jeden Tag stärker. Auch in Berlin gibt es eine Initiative Gesundheit4Palestine, die es verdient größer zu werden!
Richard Lux, Berlin
