Situation im Krankenhaus: Charité Berlin, Uniklinikum Essen, KAV Wien

Systemrelevant!? (Charité Berlin)

Die MalocherInnen in den Servicetöchtern der Berliner Kliniken empfinden diese Bezeichnung mit Recht als Frechheit. Denn bisher wurden ihre Lohn- und Arbeitsbedingungen dadurch bestimmt, dass die von ihnen durchgeführten Dienstleistungen besonders billig sein sollten. Die Universitätsklinik Charité ist z.B. bis heute nicht bereit, den Angestellten ihrer Servicetochter CFM den Mindestvergabelohn des Landes Berlin von 12,50 € zu zahlen. Soviel also zur Anerkennung der Corona-HeldInnen. Dazu kommt noch eine schlechte Informationspolitik, Angst und ungenügend Schutzmaterial, die dazu führen, dass Krankmeldungen hoch schnellen, vor allem im Reinigungsbereich. Es sollte auch erwähnt werden, dass es seit vielen Jahren Arbeitskämpfe bei der CFM gibt, um bessere Löhne durchzusetzen. Sie waren sogar zu Beginn der Corona-Pandemie im Streik! Die Gewerkschaft ver.di erklärte sich jedoch damit einverstanden, den Streik bedingungslos auszusetzen, obwohl es zu dem Zeitpunkt nur eine Handvoll von Covid-PatientInnen in Berlin gab.

Auf den Stationen, die nicht zur Versorgung von Corona-Infizierten vorgesehen sind, ist zurzeit tatsächlich eine Entlastung zu spüren. Das Personal wurde ergänzt durch KollegInnen aus geschlossenen Bereichen, Auszubildende, StudentInnen usw. Gleichzeitig wurde die Zahl der elektiven (planbaren) Prozeduren und OPs massiv heruntergefahren. Auf den Intensivstationen mit Corona-PatientInnen kommen die ersten KollegInnen jedoch an ihre Grenzen, vor allem ihre psychischen. Die Leitungen reagieren zumindest mit dem Angebot einer psychosozialen Begleitung der Teams.

Es werden ganze Stationen umgestellt, um nur noch Corona-PatientInnen zu versorgen. Dazu werden täglich noch weitere Schwerkranke versorgt, die auch oft genug versterben. Die Unsicherheit ist groß. Welche Pflegemaßnahmen sind bei Beachtung des Eigenschutzes durchführbar und sinnvoll? Sind Zweierteams zur Selbstkontrolle beim Umkleiden und zur Optimierung der Abläufe im Patientenzimmer sinnvoll? Gibt es besondere Empfehlungen zur pflegerischen Versorgung infizierter PatientInnen? Wie können die Abstandsgebote mit einer menschenwürdigen und fachgerechten Versorgung verbunden werden? Gerade in diesen Fragen fühlen sich viele KollegInnen vom Pflegemanagement und den PflegewissenschaftlerInnen allein gelassen. Will womöglich niemand von denen die Verantwortung übernehmen?

Knapp sind neben Kitteln und Mund-Nasen-Schutz (MNS) auch die FFP-Masken, die genutzt werden müssen, wenn Corona-PatientInnen versorgt werden. Denn eines der Hauptsymptome von Corona ist nun mal der Husten, bei dem auf jeden Fall infektiöse Aerosole freigesetzt werden. Bei Vivantes wurden selbstgenähte MNS ausgegeben, doch diese sind viel zu locker und sollen von den KollegInnen zu Hause gewaschen werden. Bei der Charité wurde versucht FFP-Masken, die als Einmalmaterial verkauft werden, wieder aufzubereiten. Wie genau, wissen wir nicht – die Rede ist von Mikrowellen und Plasma. Doch die behandelten Masken stinken und erzeugen Kopfschmerzen, zudem ist zweifelhaft, ob die Passform und damit der Schutz erhalten bleiben.

Aus den ver.di Betriebsgruppen der beiden großen Berliner Klinikkonzerne Vivantes und Charité heraus wurde ein Appell an den Berliner Senat verfasst und von bisher 4500 KollegInnen unterschrieben. Gefordert wurde neben der schnellen Bereitstellung von ausreichend Schutzmaterial auch ein Gefährdungszuschlag auf die Gehälter. Der Berliner Senat greift dies gerne auf. Eine Taskforce besorgt auf dem Weltmarkt Masken etc. und treibt so die Preise weiter nach oben, anstatt eine eigene Produktion voranzutreiben. Zum anderen erhalten nun viele Beschäftigte bei Vivantes und Charité und auch bei deren Tochterfirmen einen Zuschlag von jeweils 150 Euro über drei Monate. Nicht für alle, aber doch für recht viele KollegInnen. Doch wir spüren sie wieder: Die Ohrfeige. Drei Monate 150 Euro mehr! Das ist der Preis, den sie zu zahlen bereit sind für diesen Teil der systemrelevanten AlltagsheldInnen. Doch der Tarifvertrag Öffentlicher Dienst (TVöD) ist ihnen schon zu teuer.

Österreich: Corona-Realitäten im Krankenhaus (KAV Wien)

In Österreich sind die Kapazitäten in den Krankenhäusern bisher nicht ausgeschöpft worden. Einerseits wegen der vergleichsweise wenigen Corona-Infizierten und andererseits, weil die Kapazitäten mit 28,9 Intensivbetten pro 100.000 Einwohner vergleichsweise gut ist.. Trotzdem zeigt die Corona-Krise Mängel im Gesundheitsbereich auf.
Es gab in Österreich keinen Pandemieplan und keine Vorbereitungen auf eine solche Situation. So hat jedes Krankenhaus oder sogar jede Abteilung andere Vorgangsweisen und Richtlinien bei der Hygiene. Besonders problematisch ist, dass es nicht ausreichenden Schutz für das Personal in den Krankenhäusern gibt. Personal ohne Patient*innenkontakt erhält beispielsweise keine Masken, das gilt zum Beispiel für „Läufer“ und Reinigung, die viel im Krankenhaus herumkommen.
Masken, die ansonsten nach jedem Patientenkontakt, jeder Operation oder zumindest nach 4 Stunden gewechselt werden sollen, müssen jetzt über 12 Stunden getragen werden. Auch werden kaum jene Masken ausgegeben, die das Personal wirklich vor Ansteckung schützen könnten.
Dazu kommt, dass es kaum Corona-Testungen des Personals gibt. Erst bei Symptomen wird Personal getestet. Wenn MitarbeiterInnen Corona-positiv sind und tagelange mit Kolleg*innen zusammen gearbeitet haben, werden diese Kolleg*innen weder nach Hause geschickt, noch überhaupt getestet. Ein Kollege hat auch berichtet, dass nachdem KollegInnen auf seiner Station positiv getestet wurden, die Anzahl der Tests halbiert wurde. Die Angst vor Engpässen beim Personal, wenn dort mehr Infizierte auftreten, ist bei Leitungen und Belegschaften hoch.

Wie waren die Personalausstattung und die Arbeitsbelastung vor Corona, wie ist es jetzt? (Uniklinik Essen)

Die Situation in unserem Haus war bereits vor der Corona Krise als kritisch einzustufen, so wie es in anderen Krankenhäusern wahrscheinlich ähnlich sein wird. Beispielsweise arbeiten die KollegInnen der Privatstation im Nachtdienst auf ihrer Etage allein – also nur eine Person – die sich um bis zu 23 Patienten, darunter frisch operierte, dementiell veränderte, oder auch Kinder in Einzelzimmern zu kümmern haben. Sollte in diesen Fällen ein Notfall sein oder der/die KollegIn tätlich attackiert werden, kann die Person sich nur mittels Telefon oder Notknopf im Zimmer bemerkbar machen. Der Notknopf führt dann dazu, dass es eine Etage tiefer klingelt und mit etwas Glück kommt dann einE KollegIn aushelfen. Die KollegInnen aus der Notaufnahme sind des Nachts zu zweit, es gibt keinen Sicherheitsdienst und es gab schon eskalative Momente, etwa wenn angetrunkene Patienten übergriffig wurden.

Wenig verwundernd ist die Tatsache, dass seitens unserer Leitung sofort das Mittel der Kurzarbeit angemeldet wurde, als es zur Covid-19-Pandemie kam, um die Verluste durch die abgesagten elektiven OPs monetär auszugleichen. Um eine Flucht des Personals zu verhindern, stockt unser Arbeitgeber den Lohn auf 100% des im Arbeitsvertrag vereinbarten Lohnes auf.

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