
Für Mädchen und Frauen besteht das größte Risiko, Opfer einer schweren Körperverletzung, einer versuchten Tötung oder eines Mordes zu werden in Paarbeziehungen und in der Familie. Fast jeden Tag wird eine Frau Opfer eines Femizides. Obwohl das schon lange bekannt ist, werden Tötungen oder versuchte Tötungen von Frauen und Mädchen aufgrund des Geschlechts und die auf der Unterordnung und Kontrolle von Frauen als Ursache- und Motivhintergrund beruhen, selten klar als Femizide erkannt und benannt.
Aber eine neue Studie aus Nordrhein-Westfahlen bestätigt, dass mindestens ein Drittel aller Tötungsdelikte an Frauen Femizide sind. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die Tatverdächtigen bei versuchten und vollendeten Femiziden zu 99 Prozent männlich sind. Bei 87 Prozent der Femizide handelt es sich um sogenannte Beziehungstaten. Das heißt, in in den meisten Fällen wurden die Taten durch aktuelle oder ehemalige Partner begangen. Trennung oder Scheidung von einem Partner stellt für Frauen eine Hochrisikosituation dar; ganz anders als bei Männern. Femizid-Täter führten deutlich häufiger Schusswaffen mit sich als andere Tatverdächtige. 74 Prozent der Täter waren Deutsche. In der Studie heißt es außerdem, dass „Femizidtäter eine heterogene Gruppe sind, die sich aus allen Bildungs- und Gesellschaftsschichten zusammensetzt und auch in Hinblick auf Alter und Herkunft gäbe es kaum aussagekräftige Befunde.“ Die Studie zeigt aber auch, dass die Dunkelziffer häuslicher und geschlechtsspezifischer Gewalt sehr sehr hoch ist.
Patriarchale Anschauungen und Strukturen sind aber längst noch weit verbreitet; in allen sozialen Schichten. Frauenhass und Antifeminismus nehmen zu und werden selbst in der sogenannten „gesellschaftlichen Mitte“ immer normaler. Für Frauen und Mädchen steigt damit das Risiko, Opfer von Gewalt zu werden.
Während öffentliche Messerangriffe – vor allem wenn sie von Menschen mit migrantischer Lebensgeschichte begangen werden – sofort von Medien und Politik hoch aufgehängt werden und Debatten über Verschärfungen von Sicherheitsgesetzen auslösen, ist das bei Femiziden nicht der Fall. Obwohl sie viel viel häufiger passieren. Obwohl das Risiko für eine Frau, von einem Partner oder Ex-Partner Gewalt zu erfahren viel höher ist, als in der Öffentlichkeit von einem unbekannten Täter attackiert zu werden. Obwohl die Femizid-Täter fast immer planvoll vorgehen und relativ häufig Schusswaffen verwenden.
Wenn eine Frau oder ein Mädchen von Gewalt in einer Beziehung oder Familie betroffen ist, ist es auch schwer, Hilfe zu kriegen: bei der Polizei wird man oft nicht ernst genommen. Ein Problem, dass migrantische Frauen noch viel stärker betrifft. Familiengerichte sind nicht sensibilisiert oder haben schlicht nicht die Kapazitäten, sich mit den Fällen ausreichend zu beschäftigen. Es fehlt überall an Beratungsstellen und Frauenhäusern und psychischer Betreuung. Die Studie zu Femiziden in NRW benennt recht klar, was nötig wäre, um die Gewalt gegen Frauen zu reduzieren: viel mehr feministische Erziehung von Jungs und Mädchen in Kitas und Schulen, kostenlose, leicht zugängliche (auch in Bezug auf Sprache und kulturelle Hintergünde) und ausreichende Beratungsstellen und Frauenhäuser.
Aber die Kürzungen im öffentlichen Dienst und bei sozialen Trägern, die Beschränkungen bei Sozialleistungen, die explodierenden Mieten verschlimmern die Situation für Frauen und Mädchen. Letztes Jahr im Herbst, als in Köln und Düsseldorf und für ganz NRW die Kürzungspläne bekannt wurden, haben die Netzwerke und Verbände Alarm geschlagen. Schon vor den Kürzungsplänen musste ein Viertel aller hilfesuchenden Frauen von Frauenhäusern wegen fehlender Plätze abgewiesen werden. Diese Sozialkürzungen sind tödlich!
Beitragsbild: https://www.frauenberatungsstellen-nrw.de/fempoerung
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