Deutsche Bahn: Glück und Zufriedenheit? Kommt drauf an, wen man fragt.

Im Bahnsektor hat es Ende März eine Einigung in den Verhandlungen über Lohnerhöhungen und Arbeitszeiten gegeben. Deutsche Bahn (DB) Personalchef Seiler trat vor die Kameras und erklärte, die DB sei mit dem Abschluss mit der Gewerkschaft deutscher Lokführer (GDL) sehr zufrieden. Gewerkschaftschef Weselsky trat zur selben Zeit vor die Kameras und erklärte, die GDL sei auch super zufrieden.

Selbst in der Presse gab es Lob, weil eine flexible Arbeitszeitregelung inklusive einer Arbeitszeitreduzierung auf eine 35-h-Woche bei vollem Lohn vereinbart worden war. Das könne eine Antwort auf den Fachkräftemangel sein. Bei so viel Jubel und Durchhalteparolen, was kann es da an Fragen und Kritik geben? Eine Menge!

Ein Problem ist, dass der vollständige Text der Vereinbarung nicht öffentlich ist. Und selbst wenn er es wäre, er wäre schwer zu verstehen. Die komplizierten Details müssten erst mal in Menschensprache übersetzt werden. Stellt man die Forderungen dem Ergebnis gegenüber, ist das Resultat dennoch einfach: Alles kommt spät und zu wenig. Die Forderung ist 555 Euro mehr pro Monat bei 12 Monaten Laufzeit gewesen. Mit der Einigung werden aber erst im August 2024 und April 2025 die Löhne um jeweils 210 Euro steigen. 26 Monate ist die Laufzeit.

Eine Verbesserung ist, dass künftig 6 Schichten hintereinander nicht mehr möglich sein werden. Die Absenkung der Arbeitszeit von 38 bzw. 39 h pro Woche jetzt auf künftig 35 h bzw. 36 h pro Woche ist auch eine Verbesserung. Das löst aber keine Begeisterung aus, denn das kommt nur schrittweise und vollständig erst Januar 2029. Da sind viele schon in Rente … Das betrifft auch nur ganz bestimmte Schichtarbeiter:innen. Außerdem fallen zugleich Optionen weg, mit denen man sich bislang zusätzliche freie Tage erkaufen konnte. Das macht die DB sehr zufrieden. Denn auf diese zusätzlichen freien Tage hatte man Anspruch. Wie die wöchentliche Arbeitszeitabsenkung aber künftig in der Schichtplanung umgesetzt wird, hängt allein vom Willen der DB ab. Wie viel werden die Bahner:innen also real an Freizeit merken? Zugleich feiert die DB, dass sie eine neue Option der Arbeitszeitverlängerung vereinbart hat. Könnte sein, dass die DB darauf pokert, dass die Leute lieber länger arbeiten, um mehr Geld zu kriegen. Die Preise steigen, die Löhne – dank DB – nicht so sehr. Und sicher wird die DB den Leuten vorhalten, dass es nicht genug Personal gibt. Immer schön flexibel bleiben – das ist der Spirit dieses Deals. Flexibel für wen?

Das größte „Kuriosum“ ist aber: Für wen gilt dieser Tarifvertrag? Die GDL hat in nur 18 Betrieben der DB die Mehrheit (die EVG in 55). Die GDL-Leitung hat ihre Mitglieder in eine Sackgasse geführt. Als letztes Jahr die größere Gewerkschaft EVG gestreikt hat, hatte die GDL-Leitung ihren Mitgliedern die Streikteilnahme verboten. Aber jetzt bei den Streiks waren die Mitglieder der GDL allein. Und das Ergebnis ist kaum besser als das im letzten Jahr der EVG. Was für ein Hindernis ist diese Konkurrenz unter Gewerkschaftsapparaten, die alles ihren Apparatinteressen und ihrer Partnerschaft mit den Konzernen unterordnen! Nötig ist eine Diskussion, was diese Zersplitterung unter Kolleg:innen soll und wie sie überwunden werden kann. Die kleinteilige Zersplitterung in hunderte Unternehmen im Bahnbereich ist schon schlimm genug.

Auch wenn Personalchef Seiler selbstzufrieden tut, natürlich hatten die Streiks Druck gemacht. Die DB wollte auf keinen Fall Arbeitszeitverkürzung. Weil es für die GDL-Chefetage aber immer ausreichend war, als Verhandlungspartner anerkannt zu werden, haben sie tatsächlich nur zu wenigen einzelnen Streiktagen aufgerufen und viel im Geheimen verhandelt. Die ganze Macht, die die Bahner:innen eigentlich haben, hat die GDL-Leitung nie nutzen wollen. Diese Streikstrategie zu diskutieren ist auch nötig.

Es gibt einige Unzufriedenheit mit dem Ergebnis. Es gibt das Gefühl, dass man häufig habe streiken müssen, aber dafür das Ergebnis überschaubar ist. Jetzt im April wird es eine Urabstimmung geben. Wie viele werden sich an der Abstimmung beteiligen? Und wie viele werden „nein“ stimmen?

Sabine Müller, Berlin

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