Frankreich 1936: Massenbewegung, Generalstreik und die Sackgasse der Volksfront

Während man sich in Deutschland bei den 1930er Jahren vor allem an die Errichtung des Terrorregimes der Nazis erinnert, stehen diese Jahre in Frankreich für große Kämpfe einer Arbeiter:innenklasse, die noch nicht ihr letztes Wort gesprochen hatte.

In Europa hatten die Wirtschaftskrise und die kampflosen Niederlagen der italienischen und deutschen Arbeiter:innenbewegung den Weg für den Faschismus geebnet, der sich als radikale Lösung für eine in der Krise steckende Bourgeoisie präsentiert hatte. Doch in Frankreich war der Generalstreik von Mai bis Juni 1936 mit seinen Tausenden besetzten Betrieben ein wahres Erdbeben und zeigte ebenso wie die Kämpfe im Spanischen Bürger:innenkrieg, dass die Zukunft der Menschheit nicht von vornherein feststand. Diese Episode verdeutlicht die entscheidende Auseinandersetzung zwischen den beiden grundlegenden Klassen der Gesellschaft: den Arbeiter:innen und den Kapitalist:innen.

Volksfront: Kanalisierung der Kampfkraft

In Frankreich greifen die bürgerlich-linken Politiker:innen diese Ereignisse 1936 gerne auf, um vor allem nicht über den größten Generalstreik des Landes sprechen zu müssen. Lieber lassen sie die Erinnerung an das Wahlbündnis der Volksfront wieder aufleben, das zwischen der SFIO (Sozialdemokratie), der PCF (Kommunist:innen) und der Radikalen Partei (die liberale Partei der politischen Mitte) ab Juni 1936 geschlossen wurde. Zu dieser Zeit genossen die SFIO und die PCF bei vielen Arbeiter:innen noch Ansehen und galten als Massenorganisationen. Doch diese Organisationen der Arbeiter:innenbewegung nutzten ihren Einfluss, um die Kampfkraft der Arbeiter:innenklasse zu kanalisieren und zu neutralisieren

Front populaire = Volksfront

Generalstreik und Massenbewegung

Dennoch mangelte es diesen Frauen und Männern, die den Weg des Kampfes einschlugen und sich der Resignation widersetzten, weder an Energie noch an Mut. Bereits im Februar 1934 zogen Millionen von organisierten Arbeiter:innen durch die Straßen, nachdem faschistische Verbände die Regierung gestürzt hatten und Gefahr durch die extreme Rechte drohte. Doch erst im Mai 1936, noch bevor die Regierung der Volksfront gebildet wurde, fiel der Startschuss, und das Schicksal von Millionen von Arbeiter:innen wendete sich.

Zwei Monate lang sind alle Branchen betroffen: von der Metallindustrie bis zu den Flugzeugwerken in Le Havre, von den Beschäftigten im Hotelgewerbe bis zu den Arbeiterinnen in der Modebranche und den Friseur:innen. Die Betriebe werden von fast der gesamten Belegschaft besetzt. Die Arbeiter:innen wechseln sich an den Streikposten ab, um die Ein- und Ausgänge zu kontrollieren. Es bilden sich Streikkomitees, um gemeinsam über den weiteren Verlauf des Streiks zu entscheiden. Aus gestrigen Kolleg:innen werden Genoss:innen, und dieses Gefühl der Brüderlichkeit, das von diesem Kampf ausgeht, durchdringt die gesamte Gesellschaft.

Streik in einem Vorort von Paris – die Metallfabrik wurde besetzt (1936) – via https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gr%C3%A9vistes-m%C3%A9tallurgie-usine-banlieue-Paris1936.jpg

Die Bewegung hätte sich noch weiter ausbreiten können, sogar ohne Führung und ohne zentrales Organ, das all jenen entgegenwirken konnte, die ein möglichst schnelles Ende der Besetzungen wollten. Doch die Bewegung wurde von jenen, die sie de facto anführten, in eine Sackgasse getrieben. Und tatsächlich übernahm die Regierung wieder die Kontrolle über die Bewegung. Es war sogar der PCF-Minister Maurice Thorez, der den berühmten Satz aussprach: „Man muss wissen, wann man einen Streik beendet.“ Doch die Arbeitenden hofften auf weit mehr als die bloßen Krümel, die ihnen die Regierung übrig ließ.

Lehren für heute

Fast ein Jahrhundert später scheinen die 1930er Jahre noch nie so nah gewesen zu sein, und doch stellt uns das wiederkehrende Gespenst des Krieges vor Herausforderungen, die die linken Regierungen der Vergangenheit nie zu lösen vermochten. Vergessen wir also nicht unsere Waffen als Arbeiter:innen, jene der Kieler Matrosen oder der russischen Proletarier:innen und Bauern, die gezeigt haben, wie man imperialistische Kriege beendet. Und vergessen wir nicht die Angst, die im Sommer 1936 die französischen Bosse durchzog.

Beitragsbild: Demonstration in der Fabrik von Renault Billancourt 1936 – via https://louisrenault.com/tag/greves-1936/

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