Der Zweite Weltkrieg: Demokratie gegen Faschismus?

Vor 75 Jahren, am 8. Mai 1945, trat die bedingungslose Kapitulation NS-Deutschlands in Kraft. Bei dem offiziellen Gedenken wird aufgerufen nicht zu vergessen und wird den Alliierten für die Befreiung gedankt. In der bürgerlichen Geschichtsschreibung wird der Zweite Weltkrieg als Krieg zwischen Demokratie und Faschismus dargestellt. Diese Sichtweise, die den Siegermächten edle Motive unterstellt, erklärt jedoch viel zu wenig.

 Für General von Clausewitz ist „Krieg (…) eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“. Für Wladimir Iljitsch Lenin ist die Politik aber „konzentrierte Ökonomie“. Deshalb beleuchten wir hier die ökonomischen Verhältnisse und Interessen, die zum Krieg geführt haben. Nicht Thema dieses Artikels ist der nationalsozialistische Völkermord an den europäischen Jüdinnen und Juden, der im Rahmen des Krieges durchgeführt wurde.

Vom Ersten zum Zweiten Weltkrieg

Die Wurzeln des Zweiten Weltkrieges lassen sich bis Anfang des 20. Jahrhunderts zurückverfolgen. Damals wurde in den modernen Industrienationen immer mehr Kapital angehäuft. Der nationale Rahmen wurde dafür allerdings zusehend zu eng, der Kapitalexport in andere Länder und Kolonien notwendig. Großbritannien und Frankreich hatten sich in der Vergangenheit fast alle Kolonien unter den Nagel gerissen, für die verspätet aufgestiegenen imperialistischen Länder blieb wenig übrig. Somit war eine Ausbreitung nur auf Kosten anderer möglich. Der Erste Weltkrieg 1914-1918 war das vorprogrammierte Resultat dieser Situation.

Sozialismus oder Barbarei

Nach einigen Jahren Weltkrieg gab es in etlichen kriegsführenden Ländern Streiks, Aufstände und Meutereien. In Russland stürzte eine sozialistische Revolution die Regierung und beendete den Krieg. Auch in Österreich und Deutschland gab es Meutereien an der Front, Arbeiter*innen und Soldatenräte wurden gebildet. Dass es hier nicht auch zu sozialistischen Revolutionen kam, lag an der Politik der Führungen der Arbeiter*innenbewegung. Sozialdemokratische Politiker*innen bemühten sich, die Revolution in kapitalistische Bahnen zu lenken und auf Sozialreformen zu beschränken.

Rosa Luxemburg war bereits klar, dass es nur die Auswahl zwischen Sozialismus oder Barbarbei gab und eine demokratische Zwischenlösung keine Perspektive hatte.

Sie wurde für ihre revolutionäre Ausrichtung von rechten Freikorps ermordet, den Auftrag gab die sozialdemokratische Führung. Ihre Perspektiven wurden schon bald zur Gewissheit, die Arbeiter*innenbewegung wurde nach dem Abebben der Revolutionen bald zurückgedrängt. In Deutschland und Österreich wurden ihre Organisationen zerschlagen und faschistische Diktaturen übernahmen die Macht.

Trotz 12 Millionen Toten und umfassenden Zerstörungen konnten die Widersprüche im Weltkapitalismus durch den Ersten Weltkrieg nicht gelöst werden. Keine Kriegspartei konnte als klare Weltmacht daraus hervorgehen, es wurde nicht genug Kapital für einen neuen Aufschwung vernichtet, Deutschland wurde zwar geschlagen, aber aus Angst vor der sozialistischen Revolution nicht deindustrialisiert. Die Weltwirtschaftskrise 1929 und der darauf einsetzende Protektionismus waren Ausdruck der Weltlage, aber verschlimmerten sie noch weiter. Dieselben Ursachen wie vor dem Ersten Weltkrieg führten dazu, dass ein neues militärisches Kräftemessen vorbereitet wurde.

Die Achsenmächte

Teile des deutschen Großkapitals verhalfen den Nazis an die Macht, um die starke Arbeiter*innenbewegung zu zerschlagen und die Expansion des deutschen Kapitals zu ermöglichen. Mit staatlichen Mitteln wurde aufgerüstet und der Krieg vorbereitet. Das Ziel Deutschlands war, zuerst Europa einschließlich Russlands zu erobern, dann die Weltherrschaft, wie dieses Hitler-Zitat erkennen lässt:

Der Kampf um die Weltherrschaft wird für Europa durch den Besitz des russischen Gebietes entschieden werden. Jegliche Vorstellung von Weltpolitik ist (für Deutschland) lächerlich, solange es nicht den Kontinent beherrscht. (…) Wenn wir die Herren Europas sind, werden wir die dominante Stellung in der Welt haben. Wenn das (britische) Imperium heute durch unsere Waffen zusammenbrechen würde, wären wir nicht seine Erben, weil Rußland Indien, Japan Ostasien und Amerika Kanada nehmen würde.“ (Hitler, Monologe im Führerhauptquatier 1941-1944 )

Auch wenn Deutschland mit Japan (und dem untergeordneten Italien) die Achsenmächte bildete, war auch hier das Ziel kein langfristiges Bündnis, sondern die Erlangung der Weltmacht. Japan war der am spätesten aufgestiegene Imperialismus, der selbst kaum über Rohstoffe verfügte und von Importen aus anderen asiatischen Gebieten abhängig war, die weitgehend in der Hand europäischer Mächte oder der USA waren.

Die Alliierten

Im Gegensatz dazu werden die Alliierten meist als Befreier gefeiert und als demokratischer Gegenpart zu den Achsenmächten dargestellt. In Wahrheit hatten auch sie ihre handfesten ökonomischen und politischen Ziele im Blick. Das britische Empire war eine Weltmacht im Abstieg, die versuchte ihre Kolonien zu verteidigen. Die britische Bourgeoisie versuchte den Krieg gegen Deutschland als antifaschistische Notwendigkeit zum Schutz von „Demokratie, Freiheit und Menschenrechten“ darzustellen, auch um die Arbeiter*innenklasse dafür zu gewinnen. In den Kolonien standen diese Rechte aber nie zur Debatte. Und auch in Großbritannien wurde die Demokratie im Krieg weitgehend ausgesetzt, mit Verbot von Streiks und Zensur.

An der Seite Großbritanniens stand sein Verbündeter Frankreich. Nach dem Ersten Weltkrieg war Frankreich politisch und militärisch die dominierende Kraft auf dem europäischen Kontinent, begünstigt durch die Versailler Verträge. Dem deutschen Angriff im Zweiten Weltkrieg wurde allerdings wenig entgegengesetzt. Das zeigte nicht nur die reale Schwäche Frankreichs, sondern war auch Ausdruck davon, dass Teile der französischen Bourgeoisie im Konflikt mit ihrer kämpferischen Arbeiter*innenklasse bereit waren, Schützenhilfe von den Nazis in Anspruch zu nehmen.

Die USA hatten über Jahrzehnte einen rasanten wirtschaftlichen Aufschwung hingelegt, der durch die Situation nach der Wirtschaftskrise 1929 und den weltweiten Protektionismus behindert wurde. Der „New Deal“ war unzureichend, um dem Kapital profitable Anlagemöglichkeiten zu schaffen. Was sie brauchten, war ein für sie geöffneter Weltmarkt. Insofern bedeutete die demokratische Phrase „Freiheit für die Kolonien“ auch nur, dass sie für die US-Herrschaft frei werden sollten. So organisierten die USA einen Handelsboykott gegen Japan, um dessen Expansion im asiatischen und pazifischen Raum zu bekämpfen und dort selbst zur tonangebenden Macht zu werden. Ein kriegerischer Konflikt um diese Region war vorprogrammiert. Der Angriff auf Pearl Harbor im Dezember 1941 schuf einen willkommenen Grund, mit dem die kriegsablehnende Bevölkerung für den Eintritt der USA in diesen Krieg um die Weltherrschaft gewonnen werden konnte.

Sowjetunion

In der Sowjetunion legte die stalinistische Bürokratie einen politischen Zickzack-Kurs hin. In der Phase der „Volksfront“ wurden die Kommunistischen Parteien vor allem in Westeuropa den „demokratischen“ Kräften unterworfen und der Klassenkampf zurückgesteckt, um alle „antifaschistischen Kräfte“ zu einen. Darauf folgte der Hitler-Stalin Pakt 1939. Neben einer Nicht-Angriffsklausel wurde in diesem Vertrag und den geheimen Zusatzprotokollen wirtschaftliche Zusammenarbeit, aber auch die Aufteilung Polens und der baltischen Staaten zwischen der Sowjetunion und Deutschland vereinbart.

Der Nicht-Angriffspakt verhinderte den lange geplanten Überfall Nazi-Deutschlands auf die Sowjetunion natürlich nicht. Hitlers Armee konnte fast ungehindert vordringen, bis nach massiven Anstrengungen der sowjetischen Arbeiter*innenklasse und der Effizienz planwirtschaftlicher Methoden eine Massenproduktion für Kriegsgerät aufgebaut werden konnte, die 1942 eine Wende im Krieg herbeiführen konnte.

Demokratie gegen Faschismus?

Der Zweite Weltkrieg war kein Krieg demokratischer Kräfte gegen den Faschismus, sondern ein imperialistischer Krieg der stärksten Ökonomien um die globale Vorherrschaft. Dass es für die Herrschenden mit dem Ende des Faschismus keine Eile hatte, zeigt die Situation in Italien, wo mit den Nazis eine geordnete Übergabe organisiert wurde, um eine Übernahme der Macht durch die Arbeiter*innen zu verhindern. Außerdem wurden Einheiten, die eigentlich für die italienische Front vorgesehen waren, stattdessen nach Griechenland geschickt um dort die kommunistischen Partisan*innen zu entwaffnen, die bereits weite Teile Griechenlands kontrollierten.

Gleichzeitig war der Zweite Weltkrieg ein Verteidigungskrieg der Sowjetunion gegen Nazideutschland, also eines nichtkapitalistischen Landes gegen eine expandierende kapitalistische Macht. Großbritannien und die USA ließen Deutschland und die Sowjetunion sich bewusst gegenseitig aufreiben, während sie in Afrika und im Pazifik für die Kontrolle über die Kolonien kämpften. Erst als sich der Vormarsch der Sowjetunion beschleunigte, wurden westliche Anstrengungen unternommen, um Europa nicht den „Roten“ zu über-lassen.

In den Kolonien selbst kämpften die unterdrückten Völker gegen die imperialistische Herrschaft und für nationale Unabhängigkeit – und oft auch für eine soziale Revolution! Diese Kämpfe spielten für den Zusammenbruch des britischen Weltreichs ebenso ihre Rolle.

Ende des Krieges – Demokratische Konterrevolution

Als die faschistischen Kräfte in die Defensive geraten waren, wurde auch die Arbeiter*innenbewegung wieder ein bedeutender Faktor. Der Balkan wurde von Partisan*innen befreit. Oft befreiten sich Arbeiter*innen oder KZ-Häftlinge selbst von den Nazis, wenn die heran-nahenden Alliierten zu hören waren. Dabei entstanden räteähnliche Strukturen, antifaschistische Komitees, Zusammenschlüsse zum Wiederaufbau und andere Initiativen der Arbeiter*innenklasse zur Selbstorganisation.

Diese Initiativen wurden allerdings sowohl von den westlichen kapitalistischen als auch von den stalinistischen „Befreiern“ sofort entmachtet und durch bürokratische Strukturen ersetzt. Sozialdemokratische und stalinistische Kräfte und Parteien gaben sich zur Mitverwaltung in der weiterhin kapitalistischen Nachkriegsordnung her.

Der US-Atombombenabwurf auf Hiroshima und Nagasaki, als der Krieg längst entschieden war, verdeutlichte noch am Ende des Zweiten Weltkrieges, wie wenig es um „Menschenrechte“ und Demokratie ging. Vielmehr bekräftigten die USA ihren Anspruch auf die Welthegemonie, auch in Richtung Sowjetunion. Die Nachkriegsordnung war von der friedlichen Koexistenz des „Kalten Krieges“ bestimmt, die es den USA ermöglichten, der Welt für die nächsten Jahrzehnte den Stempel aufzudrücken und dem Kapitalismus vorübergehend neue Stabilität gab.

Betrachten wir die aktuelle Weltlage mit rivalisierenden Weltmächten, den Abstieg der USA und den Aufstieg Chinas, die protektionistischen Tendenzen und die wirtschaftlichen Krisen, lassen sich durchaus Parallelen zum Vorabend des großen imperialistischen Gemetzels erkennen. Verhindert wird ein neuer Krieg nicht durch moralische Appelle, sondern durch den Klassenkampf der Arbeitenden gegen die kapitalistischen Eliten und Regierungen.

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