
Ende September begann die Bewegung, als die 87-jährige Maricarmen aus ihrer Wohnung in Madrid zwangsgeräumt wurde. Der Investor hatte die Miete um 275 Prozent auf 2.650 Euro erhöht.
Maricarmen kämpfte jahrelang gegen die Räumung, unterstützt vom Sindicato de Inquilinos, einer Mieterorganisation, die nicht nur konkrete Probleme aufgreift, sondern auch für das Recht auf Wohnen mobilisiert. Bilder der Rentnerin, die auf einer Trage aus der Wohnung gebracht und wegen Erschöpfung ins Krankenhaus eingeliefert wurde, verbreiteten sich schnell. Unter dem Motto „Ni una Maricarmen más“ („Keine weitere Maricarmen“) lösten sie eine landesweite Protestwelle aus. Auch in kleineren Städten gingen spontan viele Menschen auf die Straße, die zuvor nicht beteiligt waren. In Madrid entstand auf der Puerta del Sol ein Protestcamp mit Dutzenden Zelten; inzwischen gibt es Camps in einem Dutzend Städten, darunter Barcelona und Sevilla. In Granada wurde nahe der Universität ein Camp errichtet, nachdem bekannt wurde, dass auch dort einer älteren Frau die Räumung droht und der Manager des Wohnungsinvestors Professor an der Uni ist. Die Studis fordern unter anderem die Enteignung von Wohnraum und leerstehenden Wohnungen, die Senkung der Mieten um 80%, sowie das Verbot von Zwangsräumungen.
Uns wird oft erzählt, das Problem seien einzelne Mieter. Tatsächlich liegt ein großer Teil des Wohnraums in den Händen weniger privater Unternehmen, Banken und Investmentfonds, die mit Wohnungen Gewinne machen und auf steigende Preise spekulieren. Zugleich sind die Mieten viel schneller gestiegen als die Löhne. Immer mehr Menschen geben einen Großteil ihres Einkommens fürs Wohnen aus und haben am Monatsende kaum noch etwas zum Leben.
Wohnen darf aber keine Ware sein, mit der einige wenige immer größere Profite machen, während die Mehrheit sich das Leben nicht mehr leisten kann. Maricarmens Kampf ist daher Teil des Kampfes für bezahlbare Wohnungen, höhere Löhne und ein Leben in Würde.
Die Regierung des Sozialdemokraten Sánchez wollte die Protestwelle eindämmen und ließ im Parlament über zwei Mieterschutzgesetze abstimmen. Beide wurden abgelehnt. Am folgenden Tag, dem 3. Oktober, gingen 500.000 Menschen in Madrid auf die Straße; in 50 weiteren Städten wurde protestiert.
Daraufhin setzte Regierungschef Sánchez vorgezogene Parlamentswahlen für den 29. November an. Die Regierung war schon vorher am Ende: zu viele Korruptionsskandale, keine echten Lösungen für die Probleme von Jugend und Arbeiter:innen bei Löhnen, Wohnen und Renten sowie Komplizenschaft mit der extremen Rechten bei der Hetze gegen Migrant:innen, vor allem in Ceuta. Das hat Spaniens extrem rechte Parteien gestärkt. Doch die Mobilisierungen wegen der hohen Mieten rücken die sozialen Fragen ins Zentrum und zeigen die Solidarität der Jugend und der Arbeiter:innenklasse.
Sánchez hofft, die Aufmerksamkeit auf die Wahlen umzulenken und die Bevölkerung dazu zu bringen, aus Ablehnung der extremen Rechten seine alte Regierung als „kleineres Übel“ zu wählen. Ein riskantes Manöver. Doch die Menschen sind nicht dumm: Die seit mehr als zwei Wochen andauernde Massenbewegung zeigt, dass sie der Regierung nicht blind folgen – einer Regierung, die in acht Jahren nichts an ihrer Lage verbessert hat.
Unter dem Druck der Bewegung haben nun auch die bürokratischen Gewerkschaftsführungen von CCOO und UGT für den 11. November zum Generalstreik aufgerufen – dem ersten seit 14 Jahren.
Maricarmen ist inzwischen im Krankenhaus gestorben. Das hat die Proteste weiter angefacht: „Ihre Profite! Unsere Toten!“. Die Aktivistis setzen nun ihre Kraft in den Aufbau des Generalstreiks durch die Schaffung von Streikkomitees. Entscheidend ist, die Selbstorganisation der Bewegung zu stärken, damit sie weder von linken parlamentarischen Parteien, die die Wohnungsbewegung für den Wahlkampf ausnutzen wollen, noch von bürokratischen Gewerkschaftsapparaten abhängig ist, sondern ihre eigene Kraft für ihre eigenen Forderungen entwickelt.
Sabine Müller, Berlin
Beitragsbild: Granada, April 2025 – Demonstration gegen die hohen Mieten
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