
[english below] Der folgende Text ist ein Auszug aus dem Leitartikel der Kol Ham’amad [Stimme der Klasse], dem hebräischen Organ der Revolutionären Kommunistischen Liga Palästinas, Sektion der Vierten Internationale, von Mai 1948 angesichts des UN-Teilungsplanes und der Schaffung des Staates Israel mit dem Titel „Gegen den Strom“.
Politiker:innen und Diplomat:innen versuchen immer noch, eine Formel für die katastrophale Lage zu finden, in die Palästina durch den Teilungsbeschluss der Vereinten Nationen gestürzt wurde. Handelt es sich um einen „Bruch des internationalen Friedens“ oder sind es bloße „feindliche Handlungen“? Was uns betrifft, ist diese Unterscheidung irrelevant. Wir werden täglich Zeuge, wie Männer und Frauen, junge und alte, jüdische und arabische Menschen ermordet oder verstümmelt werden. Wie immer sind es die arbeitenden Massen und die Armen, die am meisten darunter leiden.
Vor nicht allzu langer Zeit waren arabische und jüdische Arbeiter:innen in Streiks gegen einen fremden Unterdrücker vereint. Dieser gemeinsame Kampf wurde beendet. Heute werden die Arbeiter:innen dazu angestiftet, sich gegenseitig umzubringen. Die Anstifter:innen waren erfolgreich.
„Die Briten wollen die Teilung mithilfe des arabischen Terrorismus zum Scheitern bringen“, erklären die Zionist:innen. Als ob dieser Kampf der Communities nicht das eigentliche Instrument wäre, mit dem die Teilung vollzogen wird! Für die Imperialist:innen war es ein Leichtes, dies vorherzusehen, und sie können mit dem Verlauf der Ereignisse zufrieden sein.
Welche Axt können Bevin und Churchill wetzen?
Britannien war ein Verlierer im letzten Weltkrieg. Es hat den Großteil seiner ausländischen Besitztümer verloren. […] Die „Aufrechterhaltung der Ordnung“ in Palästina kostet England mehr als 35 Millionen Pfund pro Jahr, ein Betrag, der den Profit übersteigt, den es aus dem Land herauspressen kann. Die Teilung wird England von seinen finanziellen Verpflichtungen befreien und es ihm ermöglichen, seine Soldaten im Produktionsprozess einzusetzen, während seine Einnahmequelle intakt bleibt. – Aber das ist noch nicht alles! Durch die Teilung wird ein Keil zwischen die arabischen und die jüdischen Arbeiter:innen getrieben. Der zionistische Staat mit seinen provokativen Grenzziehungen wird zum Aufblühen unversöhnlicher (Rache-)Bewegungen auf beiden Seiten führen, es wird Kämpfe für ein „Arabisches Palästina“ und für einen „Jüdischen Staat in den historischen Grenzen von Eretz Israel (das Land Israels)“ geben. Im Ergebnis wird die so geschaffene chauvinistische Atmosphäre die arabische Welt des Nahen Ostens vergiften und den antiimperialistischen Kampf der Massen ersticken, während Zionist:innen und arabische Feudalherren um die imperialistische Gunst buhlen werden.
Der Preis, den Britannien für die durch die Teilung gewonnenen Vorteile zu bezahlen hat, ist der Verzicht auf sein Herrschaftsmonopol in diesem Land. […] Die Teilung ist also ein Kompromiss zwischen den imperialistischen Räubern, der sich aus einem veränderten Machtverhältnis ergibt. […]
Was haben die Jüd:innen durch die Teilung zu gewinnen?
Die Zionist:innen waren von einem Gefühl des Triumphs überwältigt, als ihnen die UNO-Köche den Knochen hinwarfen. „Unsere Arbeit, unsere gerechte Sache hat gewonnen […]“
Seit Herzl haben die Zionist:innen die Angewohnheit, die Feinde des jüdischen Volkes um „Gerechtigkeit“ zu bitten: den Zaren, den deutschen Kaiser, die britischen Imperialist:innen, die Wall Street. Jetzt sahen sie ihre Chance gekommen. Die Wall Street verteilt Kredite und „politische Unabhängigkeit“. Natürlich nicht umsonst. Der Preis muss mit Blut bezahlt werden.
Der jüdische Staat, dieses Geschenk von Truman und Bevin, verschafft der kapitalistischen Wirtschaft der Zionist:innen eine Atempause. Diese Wirtschaft steht auf einem sehr schwachen Fundament. Ihre Produkte können auf dem Weltmarkt nicht konkurrieren. Ihre einzige Hoffnung ist der innere Markt, von dem die arabischen Waren ausgeschlossen sind. So ist die Frage der jüdischen Einwanderung zu einer Überlebensfrage geworden.
[…] Ein Staat, der in unvermeidliche militärische Konflikte verwickelt ist, hieße Aufträge der „Hebräischen Armee“, eine nicht zu unterschätzende Quelle „Hebräischer“ Profite. Ein Staat hieße Tausende von einträglichen Pöstchen für altgediente zionistische Funktionär:innen.
Wer wird die Rechnung bezahlen?
Die Arbeitenden und die Armen. Sie werden die hohen Preise zahlen müssen, die durch das Verbot arabischer Waren entstehen. Sie werden unter dem Joch der unzähligen direkten und indirekten Steuern zusammenbrechen. Sie werden für das Defizit des jüdischen Staates aufkommen müssen. Sie […] haben kein Dach über dem Kopf, während ihre Institutionen „wichtigere Angelegenheiten“ zu erledigen haben.
Die jüdischen Arbeiter:innen, die von seinen:ihren arabischen Kolleg:innen getrennt und daran gehindert wurden, einen gemeinsamen Klassenkampf zu führen, werden seinen:ihren Klassenfeinden, dem Imperialismus und der zionistischen Bourgeoisie, ausgeliefert sein. Es wird ein Leichtes sein, sie gegen ihre proletarischen Verbündeten, die arabischen Arbeiter:innen, aufzuwiegeln, „die ihnen Arbeitsplätze wegnehmen und die Löhne drücken“ […]. Nicht umsonst hat Weitzmann gesagt, dass „der jüdische Staat den Kommunistischen Einfluss bekämpfen wird“. Als Ausgleich wird den jüdischen Arbeiter:innen das Privileg zuteil, auf dem Altar des Hebräischen Staates den Heldentod zu sterben.
Und welche Versprechungen macht der jüdische Staat? Bedeutet er wirklich einen Schritt zur Lösung der Judenfrage?
Die Teilung war nicht dazu gedacht, das jüdische Elend zu lösen, und es ist auch nicht wahrscheinlich, dass sie dies jemals tun wird. Dieser Zwergstaat, der zu klein ist um die jüdischen Massen aufzunehmen, kann nicht einmal die Probleme seiner Bürger:innen lösen. Der Hebräische Staat kann nur den arabischen Osten mit Antisemitismus verseuchen und könnte sich – mit Trotzkis Worten – als blutige Falle für Hunderttausende von Jüd:innen erweisen.
Die Teilung ist Wasser auf die Mühlen der arabischen Reaktionär:innen
Die Führer der Arabischen Liga reagierten auf den Teilungsbeschluss mit Reden voller Drohungen und Enthusiasmus. In der Tat ist ein zionistischer Staat für sie ein Geschenk Allahs. Der Aufruf an die Arbeiter:innen und Fellach:innen zum „heiligen Krieg zur Rettung Palästinas“ soll deren Schreie nach Brot, Land und Freiheit ersticken. Eine weitere altbewährte Methode, ein verbittertes Volk abzulenken gegen die jüdische und kommunistische Gefahr.
[…] Der Teilungsbeschluss erstickte den Klassenkampf der palästinensischen Arbeiter:innen. Die Aussicht, den zionistischen „Eroberern des Bodens und der Arbeit“ ausgeliefert zu sein, weckt Angst und Furcht unter den arabischen Arbeiter:innen und Fellach:innen. Nationalistische Kriegsparolen fallen auf fruchtbaren Boden. Und die feudalen Mörder sehen ihre Chance. So ermöglicht die Politik der Teilung den Feudalist:innen, das Rad der Geschichte zurückzudrehen.
Eine erste Zusammenfassung
Die erste Ernte der Teilungspolitik: Jüd:innen und Araber:innen werden in einem Meer chauvinistischer Begeisterung ertränkt. Triumph auf der einen Seite, Wut und Enttäuschung auf der anderen. Kommunist:innen werden ermordet. Pogrome unter Jüd:innen werden angezettelt. Ein Wechselspiel von Mord und Provokation. Die „Schießexpeditionen“ der Haganah [zionistische Paramilitärs] sind Öl für die Propagandamaschine der arabischen Patriot:innen in ihrer Kampagne, die Massen für weiteres Blutvergießen zu gewinnen. Der militärische Konflikt und die Zerschlagung der Arbeiter:innenbewegungen sind ein Segen für die chauvinistischen Extremist:innen in beiden Lagern.
Was ist mit den jüdischen „Kommunist:innen“?
Die patriotische Welle macht es sehr unbequem sich herauszuhalten. Die zionistischen „sozialistischen“ Parteien haben ihre antiimperialistischen Phrasen und ihren hartnäckigen „Widerstand“ gegen die „Zerstückelung des Landes“ bald „korrigiert“ und haben sich der vollen und begeisterten Unterstützung der imperialistischen Teilungspolitik verschrieben. Das war eine Kleinigkeit, bloß eine Frage der Änderung der zionistischen Taktik.
Von der Kommunistischen Partei Palästinas hätte man vielleicht eine andere Positionierung erwarten können. […] Nachdem jedoch der Teilungsplan mit Unterstützung der Sowjetvertreter eingebracht wurde, beeilte sich Kol Ha’am (das Stalinistische Zentralorgan) zu erklären, dass „Demokratie und Gerechtigkeit Sieger des Tages (!) sind “. […] Damit war auch der letzte Rest an Kontakt mit der arabischen Bevölkerung abgebrochen. Die Kluft, die sie noch vom Zionismus trennte, wurde endgültig überbrückt. Anstatt die Vorhut des antiimperialistischen Kampfes der arabischen und jüdischen Massen zu sein, wurde die Kommunistische Partei Palästinas zum „kommunistischen“ Gefolge der „linken“ Zionist:innen. Genau in der Stunde, in der der Zionismus allen sein konterrevolutionäres Gesicht und seine unverhohlene Unterwürfigkeit gegenüber dem Imperialismus zeigt. So hat die Kommunistische Partei selbst all ihre früheren Entlarvungen der imperialistischen und zionistischen Täuschungen der Lächerlichkeit preisgegeben.
[…]
Und die arabischen „Kommunist:innen“?
Den arabischen Stalinist:innen der „Nationalen Befreiungsliga“ erging es nicht besser als ihren jüdischen Entsprechungen. Sie steckten in der Klemme, weil sie die russische Unterstützung für den jüdischen Staat rechtfertigen mussten. Von den arabischen Arbeiter:innen konnte man nicht erwarten, dass sie diese Linie akzeptieren. Nicht im Geringsten. Sie erkannten die Einmischung der sowjetischen Diplomatie als das, was sie war: der Bruch der palästinensischen „Arbeitereinheit“ und ein verräterischer Schlag. […]
Die Politik der Sowjetunion hat die Position der Liga unter den arabischen Werktätigen untergraben. Damit hat sie der reaktionären, chauvinistischen Kampagne gegen die „rote Gefahr“ Tür und Tor geöffnet. […]
Was tun?
[…] Denn die Verführungspolitik des Imperialismus stützt sich auf Agent:innen und Agenturen in beiden Lagern. Deshalb sagen wir dem palästinensischen Volk als Antwort auf die patriotischen Kriegshetzer:innen: Verwandelt diesen Krieg zwischen Jüd:innen und Araber:innen, der den Zielen des Imperialismus dient, in einen gemeinsamen Krieg beider Völker gegen den Imperialismus!
Dies ist die einzige Lösung, die einen wirklichen Frieden garantiert. Das muss unser Ziel sein, das erreicht werden muss ohne Zugeständnisse an die chauvinistische Stimmung, die derzeit unter den Massen vorherrscht.
Wie kann das erreicht werden?
„Der Hauptfeind steht in unserem eigenen Land!“ – Das war es, was Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg den Arbeiter:innen zu sagen hatten, als die Imperialist:innen und Sozialdemokrat:innen sie zum Abschlachten ihrer Arbeitskolleg:innen aus anderen Ländern aufstachelten. In diesem Geiste sagen wir zu den jüdischen und arabischen Arbeiter:innen: Der Feind steht in eurem eigenen Lager!
• Jüdische Arbeiter:innen! Befreit euch von den zionistischen Provokateur:innen, die euch erklären, dass ihr euch auf dem Altar des hebräischen Staates opfern sollt.
• Arabische Arbeiter:innen und Fellach:innen! Befreit euch von den chauvinistischen Provokateur:innen, die euch für ihre eigenen Interessen und um ihre eigenen Taschen zu füllen in ein Blutbad stürzen.
• Arbeiter:innen beider Völker, vereinigt euch in einer gemeinsamen Front gegen den Imperialismus und seine Agent:innen!
Die Frage, die in diesen Tagen alle umtreibt, ist die Frage der Sicherheit. Jüdische Arbeiter:innen fragen: „Wie können wir unser Leben schützen? Sollten wir nicht die ‚Haganah‘ unterstützen?“ Und die arabischen Arbeiter:innen und Fellach:innen fragen: „Sollten wir uns nicht der ‚Najada‘ oder ‚Futuwah‘ [palästinensische Milizen] anschließen, um uns gegen die Angriffe der Zionist:innen zu verteidigen?“
Bei dieser Frage muss zwischen der praktischen und der politischen Seite unterschieden werden. Wir können die Mobilmachung nicht vereiteln und sagen den Arbeiter:innen daher nicht, dass sie den Kriegsdienst verweigern sollen. Aber es ist unsere Pflicht, den reaktionären Charakter dieser chauvinistischen Organisationen anzuprangern, auch in ihrem eigenen Lager. Der einzige Weg zum Frieden zwischen den beiden Völkern dieses Landes besteht darin, die Waffen gegen die Anstifter:innen zum Mord in beiden Lagern zu richten!
Anstelle der abstrakten „anti -imperialistischen“ Phrasen der Sozialpatriot:innen, die ihre Unterwürfigkeit gegenüber dem Imperialismus verschleiern, zeigen wir einen praktischen Weg zum Kampf gegen den ausländischen Unterdrücker auf: […] Damit die arabischen Arbeiter:innen und Fellach:innen verstehen, dass der militärische Feldzug gegen die Jüd:innen zur Teilung beiträgt und nur den Feudalist:innen und Imperialist:innen hilft, während er auf ihren Rücken ausgetragen und mit ihrem Blut bezahlt wird; damit die jüdischen Arbeiter:innen endlich das Blendwerk des Zionismus erkennen und begreifen, dass sie nicht frei und sicher sein werden, solange sie nicht nationale Diskriminierung, Isolationismus und imperialistische Loyalität beseitigt haben.
Wir müssen den Kontakt zwischen den Arbeiter:innen beider Völker aufrechterhalten, an jedem Arbeitsplatz, an dem dies noch möglich ist, um Provokationen zu verhindern und das Leben der Arbeiter:innen bei der Arbeit und auf der Straße zu schützen. Lasst uns revolutionäre Kader ausbilden. In dieser brennenden Hölle des Chauvinismus müssen wir die Fahne der internationalen Brüderlichkeit hochhalten.
Gegen den Strom!
Der im Niedergang begriffene Weltkapitalismus versucht zu überleben, indem er fingierte nationale Konflikte aufbläst, die Massen niedertrampelt und brutal behandelt. Auf lange Sicht wird dieses Mittel versagen. […]
Die patriotische Welle reißt heute jeden um, dem die Prinzipien des internationalen Kommunismus fehlen. Revolutionäre Aktivität in diesen kritischen Zeiten erfordert Geduld, Ausdauer und Weitsicht. Es ist ein Weg voller Gefahren und Schwierigkeiten. Aber es ist der einzige Ausweg aus diesem patriotischen Sumpf. Erinnern wir uns an die Worte Lenins, die in einer ähnlichen Situation gesprochen wurden und die auch für uns gelten:
„Wir sind keine Scharlatane. Wir können nur auf dem politischen Bewusstsein der Massen aufbauen. Selbst wenn wir in der Minderheit bleiben sollte n – tut das nichts. … Man darf sich nicht fürchten, in der Minderheit zu bleiben. … Solange wir in der Minderheit sind, ist es unsere Aufgabe zu kritisieren, damit die Massen nicht weiterhin betrogen werden. … Unsere Linie wird sich als richtig erweisen. … so wird jeder Unterdrückte zu uns kommen, weil … er keinen anderen Ausweg hat.“ [Rede zu den Aprilthesen 1917, LW 36, S. 424-227]
Zum Weiterlesen:
PALESTINE: A Struggle Against Zionism and Imperialism:
https://speakoutsocialists.org/wp-content/uploads/Palestine_SON_8.5×11.pdf
