
Vor 80 Jahren ging der Zweite Weltkrieg zu Ende. Am 8. Mai in Europa mit der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands, die auch das Ende des Holocausts bedeutete, im September 1945 dann auch im Pazifik. Fragen des imperialistischen Kriegs sind heute viel präsenter als zum 75. Jubiläum 2020. Nicht nur wegen des Krieges in der Ukraine, sondern wegen der zunehmenden internationalen Spannungen im Allgemeinen und wegen des sich aktuell noch verschärfenden Völkermords in Gaza.
In diesem Jahr findet das offizielle Gedenken parallel zu einer beispiellosen Aufrüstung und Militarisierung statt, mit denen neue Kriege und Gräuel vorbereitet werden. In Deutschland scheint die Hauptsorge der Regierungsvertreter:innen zu sein, dass keine russischen Diplomat:innen an den Feierlichkeiten teilnehmen. Damit wird das Feindbild Russland heraufbeschworen, das zur Rechtfertigung ihrer Aufrüstungspläne dient. So wird das pathetische Gerede über Frieden und Versöhnung, das bei solchen Gelegenheiten gern verbreitet wird, dieses Jahr besonders falsch und hohl klingen im Mund von Politiker:innen an der Spitze von Großmächten, die die ganze Welt mit Krieg überziehen.
Feindbild Russland
Sicherlich wird auch der russische Präsident Putin die Gelegenheit nutzen, den russischen Nationalismus anzuheizen, und den Sieg im angeblich „großen vaterländischen Krieg“ benutzen, um Propaganda für seinen imperialistischen Angriffskrieg gegen die Ukraine zu machen. Aber die westlichen Politiker:innen sind keinen Deut besser. Trump hat der westlichen Machtpolitik die Maske vom Gesicht gerissen, indem er deutlich gemacht hat, worum es bei der Unterstützung der Ukraine ging und geht (nicht um das Selbstbestimmungsrecht der Ukrainer:innen, sondern um Bodenschätze) und indem er keinen Hehl aus seinen eigenen annexionistischen Gelüsten macht, ob nun in Bezug auf Grönland, den Panamakanal oder sogar Kanada. Die europäischen Staatschefs Scholz – nun bald Merz –, Macron und Starmer zeigen sich mehr oder weniger empört, doch hinter der zahnlosen Kritik an Trump spürt man vor allem die Enttäuschung, selbst nicht mehr an der ukrainischen Beute beteiligt zu werden, und die Sorge, dass Europa im imperialistischen Kräftemessen der Großmächte zu wenig Gewicht haben könnte. Also werden massive Aufrüstungsvorhaben in die Wege geleitet und um diese zu rechtfertigen auf Russland gezeigt.
Die „westlichen Werte“: Habgier und Heuchelei
Was uns zum Zweiten Weltkrieg erzählt wird ist Propaganda, die vor allem die „westlichen Demokratien“ und ihre Vormachtstellung in der Welt ideologisch befestigen soll. Dafür wird der Zweite Weltkrieg zum Kampf von Demokratie gegen Faschismus stilisiert.1 Die West-Alliierten hätten für die Befreiung der Welt vom Bösen gekämpft und diesen Kampf in den folgenden Jahrzehnten fortgesetzt. Dabei zieht sich jedoch in Wahrheit eine blutige Linie von den Kolonialkriegen, in Algerien oder Vietnam, über Irak- und Afghanistankrieg bis heute. Die USA haben als imperialistische Führungsmacht die ganze Welt mit Militärbasen überzogen und die NATO-Staaten sind für deutlich mehr Kriege verantwortlich als Russland.
In Bezug auf den Zweiten Weltkrieg wird selbstverständlich Nazideutschland verdammt, doch das heutige Deutschland wurde ja vom US-amerikanischen und britischen Imperialismus „adoptiert“ und kann deshalb auch zu den „Guten“ gehören, zur „westlichen Wertegemeinschaft“. Doch so wie heute die Verteidigung demokratischer Werte vorgeschoben wird, um Kriegseinsätze weltweit zu rechtfertigen, bei denen es um Rohstoffe, Handelsrouten oder Märkte geht, so war es auch im Zweiten Weltkrieg. Großbritannien und Frankreich waren die führenden Kolonialmächte, die Krieg gegen Nazideutschland nicht wegen der Menschenrechte führten, sondern um ihre Kolonialreiche gegen Deutschland zu verteidigen. Dass die Nazis mit der revolutionären Arbeiter:innenbewegung kurzen Prozess gemacht hatten, hatte die West-Alliierten ebenso wenig gestört wie der Antisemitismus, der im Holocaust gipfelte.
Eine Nachkriegsordnung der Friedhofsruhe
Ende 1944 war die deutsche Armee dank der enormen Opfer der sowjetischen Soldaten und der sowjetischen Bevölkerung praktisch besiegt, und es begann ein Wettlauf darum, wer nach dem Krieg Mitteleuropa kontrolliert. Bei Konferenzen in Teheran und Jalta hatten sich die Alliierten auf eine Aufteilung der Welt in Einflusszonen geeinigt, und der Stalinismus im Osten wie der Imperialismus im Westen sorgten jeweils in ihrem Bereich für „Ruhe und Ordnung“.
Die massiven amerikanischen und britischen Bombardements in den letzten Kriegsmonaten auf die Arbeiter:innenstädte Berlin, Hamburg, Bremen und das fast vollständig zerstörte Dresden zielten nicht darauf ab, die deutsche Bevölkerung von dem seit zwölf Jahren herrschenden Nazi-Regime zu befreien, sondern sie zu terrorisieren. Anders als beim Fall des Kaiserreichs nach dem Ersten Weltkrieg, sollten die Arbeiter:innen den Sturz der Diktatur nicht für revolutionäre Aktionen nutzen können. Dasselbe Ziel verfolgten die Atombomben, die im August 1945 auf Hiroshima und Nagasaki abgeworfen wurden, obwohl Japan bereits seine Kapitulation angeboten hatte: Die US-Armee wollte dort nicht als Befreierin landen, die gefährliche Hoffnungen in der Bevölkerung weckte, sondern als Eroberin. Nebenbei wurde der japanische Staatsapparat wieder aufgebaut, seine Armee, seine Polizei, bis hin zu seinem Kaiser Hirohito, einem großen Freund Hitlers, dem die Staatschefs der ganzen Welt noch 1989 bei seiner Beerdigung die letzte Ehre erwiesen.
Stalin seinerseits sorgte in ganz Osteuropa dafür, dass basisdemokratische oder sozialistische Bestrebungen der arbeitenden Massen gewaltsam unterbunden wurden. In Deutschland hatten sich spontan antifaschistische Komitees gebildet, die versuchten, das Leben nach Kriegsende zu organisieren und die auch den Kapitalismus abschaffen wollten, der in die Nazibarbarei geführt hatte. In Berlin und der Sowjetischen Besatzungszone wurden diese Komitees von den Stalinist:innen beseitigt und der bürgerliche Staatsapparat zusammen mit konservativen Politiker:innen wieder aufgebaut.2 In Italien und Griechenland hingegen verriet Stalin die Arbeitenden, die unter großen Opfern im antifaschistischen Widerstand gekämpft hatten und zum Kriegsende die Macht hätten übernehmen können. Doch er wies die Kommunistischen Parteien an, sich dem britischen Imperialismus unterzuordnen, da die Länder ja zur westlichen Einflusssphäre gehören sollten.
Nie wieder ist jetzt
So sorgten Imperialismus und Stalinismus Hand in Hand dafür, eine revolutionäre Welle wie nach dem Ende des Ersten Weltkriegs zu verhindern, und legten den Grundstein für die imperialistische Nachkriegsordnung unter US-Hegemonie, die trotz der antikolonialen Befreiungsbewegungen im Wesentlichen bis heute Bestand hat. Doch der spektakuläre Aufstieg Chinas über die letzten Jahrzehnte, hat die Kräfteverhältnisse dieser auf das gewaltvolle Recht des Stärkeren gegründeten Weltordnung erschüttert. Daher rühren die zunehmenden internationalen Spannungen mit Handelskrieg und Aufrüstungsspirale. Die imperialistischen Hexenmeister bereiten sich darauf vor, eine neue Hack- und Rangordnung mit militärischen Mitteln auszufechten. Zwei Weltkriege im letzten Jahrhundert haben uns gezeigt, zu welcher Barbarei das führen kann. Wir müssen ihnen rechtzeitig die Macht entreißen, ehe sie uns für ihre Profite ein weiteres Mal in eine Katastrophe stürzen können, von der der Ukraine-Krieg und der Genozid in Gaza nur einen bitteren Vorgeschmack bieten.
Erinnern wir uns daran, dass die arbeitenden Massen, die sowohl die Waffen produzieren als auch als Soldat:innen zur Schlachtbank geführt werden, die Macht haben, Kriege zu verhindern oder zu beenden. Durch die Revolutionen in Russland 1917 und in Deutschland 1918 wurde der Erste Weltkrieg beendet. Und auch der Vietnamkrieg wäre ohne die massenhafte Antikriegsbewegung in den USA noch sehr viel länger fortgesetzt worden.
Richard Lux, Berlin
Fußnoten
1 Siehe dazu unseren vor fünf Jahren erschienenen Artikel: www.sozialismus.click/der-zweite-weltkrieg-demokratie-gegen-faschismus/
2 Wolfgang Leonhard war einer der Kader, die dies umsetzen sollten, und hat darüber in seinem Buch „Die Revolution entlässt ihre Kinder“ berichtet.
