150. Jahrestag der Pariser Kommune

Ein Redebeitrag auf der Veranstaltung in Düsseldorf:

In verschiedenen Redebeiträgen ist ja schon darauf eingegangen worden, was die Pariser Commune gemacht hat und was wir daraus lernen können. Auch wir von der RSO haben uns die Frage gestellt, was dieses Ereignis uns 150 Jahre später noch zu sagen hat.

Die Pariser Commune war das erste Mal in der Geschichte, dass die Arbeiter*innenklasse die Macht an sich genommen hat;

dass in Anführungszeichen „einfache Menschen“ – normale Menschen halt – die Geschicke der Gesellschaft gelenkt haben.

Nur zweieinhalb Monate lang, weil sie dann blutig niedergeschlagen wurden;

und nur innerhalb einer Stadt, weil die deutschen Truppen unter Bismarck gemeinsam mit den französischen bürgerlichen Truppen unter Thiers dieses aufständische Paris eisern abgeriegelt haben…

Aber die welthistorische Tatsache bleibt trotzdem bestehen, nämlich dass die Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung durchaus in der Lage ist, sich selbst zu verwalten, und

eine neue Gesellschaft aufzubauen, im Interesse aller – außer eben der wenigen Superreichen, die ihre alten Privilegien verlieren.

So hat damals, um nur ein Beispiel unter vielen zu nennen, ein Graveur, also ein Handwerker, – Theiß hieß er – in kürzester Zeit das zusammengebrochene Postwesen reorganisiert und auch viele andere Verwaltungen liefen reibungsloser und besser als unter dem alten Regime – obwohl man es plötzlich, vom einen Tag auf den anderen, übernehmen musste.

Heute wird oft so getan, als könnten die Aufgaben, die vom Staat und vom Management der Großkonzerne übernommen werden, nur von überbezahlten und allmächtigen Spezialist*innen ausgeführt werden.

Doch in Wahrheit braucht man die nur für ein System, das alles im Interesse der kleinen Minderheit von Kapitalbesitzenden organisiert.

Für die Arbeitsabläufe und die politischen Entscheidungen, die notwendig sind, um Wirtschaft und unser aller Leben zu organisieren, wäre die Mehrheit der Arbeitenden als Kollektiv um vieles kompetenter als die heutigen Entscheidungsträger*innen.

Ich wage zu behaupten, dass die Impfung der Weltbevölkerung gegen das Corona-Virus schon viel weiter wäre, wenn sie nicht von den Interessen der Pharmakonzerne und ihren Patente bestimmt würde, sondern wenn in allen Ländern die Beschäftigten des Gesundheitswesens in Zusammenarbeit mit der Bevölkerung das Ganze organisieren würden!

Von diesen Fähigkeiten unserer sozialen Klasse, der Arbeiter*innenklasse, wirklich die Gesellschaft der Zukunft aufzubauen, hat die Pariser Commune ein erstes Beispiel gegeben.

Und in einem zweiten Punkt haben uns die „Himmelsstürmer*innen“ von Paris einen ersten Weg gewiesen: In der Frage, wie und auf welchen Prinzipien eine solche neue Ordnung von unten aufgebaut werden kann.

Marx hat in einem anderen Zusammenhang gesagt „Jeder Schritt wirklicher Bewegung ist wichtiger als ein Dutzend Programme.“ Und das lag nicht daran, dass der Verfasser des Kommunistischen Manifests Programme nicht gut fand.

Sein Punkt war: programmatische Errungenschaften werden nicht am Schreibtisch ausgedacht, sondern es sind die historischen Erfahrungen im Klassenkampf, die dann programmatisch ausgewertet werden können und müssen.

Und so war es Marx selbst, der anerkannte, dass nach den neuen Erfahrungen der Commune das Kommunistische Manifest „stellenweise veraltet“ sei.

Die Kommunard*innen hatten nämlich zum ersten Mal eine ganz neue Art von Staatsapparat und Verwaltung geschaffen: Alle Mandatsträger waren ihren Wählern gegenüber rechenschaftspflichtig und zu jeder Zeit absetzbar. Außerdem bekamen sie nicht mehr als einen normalen Arbeitslohn.

Diese Prinzipien sind wieder aufgegriffen worden im revolutionären Russland mit seinen Sowjets, auf deutsch: Arbeiter*innenräten, die danach in vielen anderen revolutionären Situationen neu entstanden sind.

Und auch in zukünftigen revolutionären Situationen und bei neuen Anläufen, eine sozialistische, eine kommunistische Gesellschaft aufzubauen, die endlich befreit ist vom Diktat des Profits, werden wir auf diese Errungenschaften der Pariser Commune zurückgreifen müssen.

Auf also eine ganz andere Form der Demokratie als es das bürgerliche Wahlrecht ist, wo wir nur einmal alle paar Jahre ein Kreuz machen dürfen und die Abgeordneten dabei sonst tagtäglich nicht den Wähler*innen, sondern den Lobbyist*innen Rede und Antwort stehen.

Es wird übersetzt auf heute natürlich anders als damals aussehen. Aber ich glaube z.B. dass die modernen Kommunikationsmittel die demokratische Beteiligung von allen Arbeitenden eher einfacher machen werden.

Um Marx das letzte Wort zur Commune zu überlassen: „Ihr wahres Geheimnis war dies: Sie war wesentlich eine Regierung der Arbeiterklasse, das Resultat des Kampfes der hervorbringenden gegen die aneignende Klasse, die endlich entdeckte politische Form, unter der die ökonomische Befreiung der Arbeit sich vollziehen konnte.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.