Zweite Welle des Pflegenotstands

Aktuell füllen sich die Intensivstationen mit schweren Corona-Verläufen und (nicht nur) in den Krankenhäusern geht die Sorge um, dass bald die Kapazitätsgrenzen erreicht werden. In Österreich sind schon ein Drittel aller Intensivbetten mit COVID-Patient*innen belegt. Auch in Deutschland gibt es deutlich mehr Fälle als im Frühjahr. In Berlin belegen diese fast ein Viertel der Intensivbetten, also die Reserve, die man für Corona vorgesehen hatte. Am Uniklinikum „Charité“ sind es aktuell 100. Notfalls soll diese Zahl auf 400 erweitert werden, doch wie sähe dann deren Pflege aus?!

Der hauptsächliche „Versorgungsengpass“ in der Corona-Pandemie sind nicht Betten oder Beatmungsgeräte, sondern… das Personal. Dabei ist der Arbeitsstress schon in „normalen“ Zeiten heller Wahnsinn, weil seit Jahrzehnten auf Profitabilität getrimmt wird.

Unter den konkreten Folgen leiden auch nicht-Corona-Patient*innen: Ganze Stationen an der Charité werden von einem Tag auf den anderen aufgelöst, um Pflegekräfte in die Intensivpflege umzuleiten. Da sollen dann Gynäkologie-Kolleg*innen von erfahrenen Intensiv-Pfleger*innen eingewiesen werden, dafür müssen gynäkologische Notfälle auf andere Stationen verteilt werden, wo dann auch das entsprechende Know-How fehlt. Bei dieser Art Krisenmanagement, das von der Charité-Leitung autoritär angeordnet wird, bleiben Dienstpläne, Gesundheit und Privatleben der Pflegekräfte als Erstes auf der Strecke.

Pfleger*innen, egal ob im Krankenhaus oder in der persönlichen Pflege, sind am Limit. Auch deshalb ging das Internet-Video „PFLEGESTUFE ROT. Applaus reicht nicht aus“ viral. (www.pflegestuferot.de)

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Szene aus PFLEGESTUFE ROT. Der Applaus wirkt nur noch wie Hohn.

Viele fragen sich, wieso über den Sommer nicht besser vorgesorgt wurde. Statt dass jedes Krankenhaus für sich kämpft, könnten durch eine geplante Patient*innen-Verteilung auch Häuser mit wenig Intensiv-Kapazitäten einen Beitrag zur Entlastung leisten. Doch einem so koordinierten Gesundheitssystem steht die herrschende Marktlogik im Weg.

Um die unerträglichen Zustände zu ändern, werden die Arbeitenden in der Pflege sich kollektiv zur Wehr setzen müssen. Es gab in den letzten Jahren mehrere Streiks für mehr Personal am Krankenhaus. Diese Streiks haben auf jeden Fall mehr in Bewegung gebracht als alle hohlen Versprechungen von Politiker*innen oder Krankenhausleitungen. Denn der Fehler steckt tief im System: Die Krankenhäuser sind nur ein Ausdruck der herrschenden kapitalistischen Wirtschaftsweise, in der die Arbeitenden maximal ausgenutzt werden, um Profite in privaten Taschen klingeln zu lassen und in der jede soziale Ausgabe für Daseinsvorsorge als potenzielle Schmälerung der gesamten Profitmasse angesehen wird.

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