USA: Es bewegt sich was in der Arbeiter:innenklasse

Vom 19. bis 21. April fand in Chicago die „Labor Notes Conference“ statt. Das ist eine Konferenz, die alle 2 Jahre Aktivist:innen aus der Arbeiterbewegung Nordamerikas und darüber hinaus zusammenbringt. Dieses Jahr kamen 4.800 Leute, ein Rekord. Das spiegelt wieder, was überall in den USA seit der Corona-Pandemie zu beobachten ist: es gibt mehr Gewerkschaftsaktivitäten, mehr Kämpfe um Löhne und Arbeitsbedingungen, ein Mehr an Klassenbewusstsein.

Auf der Konferenz waren betriebliche Aktivist:innen verschiedener Branchen neben diversen Organisationen mit Bezügen zur Gewerkschaftsbewegung und revolutionäre Aktivist:innen, darunter aus Frankreich von der NPA Révolutionnaires, RSO Deutschland und „Speak Out Now“ aus den USA. Drei Tage voller Workshops und Diskussionen hinterließen einen besonderen „amerikanischen Traum“, dem einer ziemlich rebellischen Arbeiter:innenklasse.

Die Atmosphäre des Kongresses war geprägt von den Erfolgen der United Autoworkers Union (UAW). Sie sind ein Beispiel für die Änderungen, die man in den letzten Jahren in den USA sehen konnte. In Branchen mit traditionellen gewerkschaftlichen Strukturen haben sich Gewerkschafter:innen an der Basis organisiert, um die Strukturen zu reformieren und die korrupten, mit den Bossen unter einer Decke steckenden Gewerkschaftsleitungen zu verjagen. Innerhalb der UAW hat sich eine solche Vernetzung gebildet – UAWD (D für Democracy) – die ihren Kandidaten letztes Jahr bei den Gewerkschaftswahlen als neuen Präsidenten durchsetzen konnte, Shawn Fein. Unter seiner Leitung gab es letztes Jahr den größten Autoarbeiterstreik seit Jahrzehnten. Ein Streik gegen die „Big Three“: General Motors, Ford und Stellantis. Bei Labor Notes wurde der Streik als Erfolg gefeiert, denn er hat für viele deutliche Lohnerhöhungen gebracht. In diversen Workshops haben die Gewerkschaftsaktivist:innen sehr konkret über ihre Schritte der Organisierung in den Autofabriken gesprochen, auch über die Schwierigkeiten angesichts der 10-Stunden-Schichten an 6 Tagen die Woche (ohne die üblichen Überstunden, die noch dazu kommen). Der Kampf gegen die Probleme der Arbeitsverdichtung und Arbeitssicherheit bleibt ein drängendes Thema. Aber der Streik des letzten Jahres hat viele positive Erfahrungen gebracht. Auch wenn nicht zu übersehen ist, dass er von einer Gewerkschaftsbürokratie von oben dirigiert war, die zu keiner Zeit die gesamten Autoarbeiter:innen zu einem gemeinsamen Streik aufgerufen hat, sondern nur zu einem „stand up strike“, was wir in Deutschland als „Wellenstreik“ kritisieren. Ein regelrechter Orkan der Begeisterung fegte über den Kongress, als der frisch errungene Sieg bei den Gewerkschaftswahlen im Werk von Volkswagen in Tennesse verkündet werden konnte. VW in den USA ist absolut gewerkschaftsfeindlich. Die Autoarbeiter:innen haben auf dem Kongress berichtet, wie sie systematisch und geradezu „im Untergrund“ vorgehen mussten, um genug Kolleg:innen zu finden, die bereit sind sich gewerkschaftlich zu organisieren und schließlich VW die Anerkennung der UAW aufzuzwingen. Der nächste große Autostreik soll einer gegen die „Big Four“ werden. Und weitere Fabriken werden folgen. Auch das kämpferische Netzwerk der „Railroad Workers United“ diskutierte Fragen der gewerkschaftlichen Organisierung.

In vielen Workshops haben Gewerkschaftsaktivist:innen von Amazon und Starbucks über ihre Organizing-Bemühungen und -erfolge gesprochen. Das war beeindruckend, denn die meisten sind junge Arbeitende, oft auf isolierten Arbeitsplätzen ohne gewerkschaftliche Traditionen. Von den Verschlimmerungen der Abeitsbedingungen angetrieben haben sie nach Informationen gesucht, sich die Prinzipien des Organizing angeeignet, Netzwerke aufgebaut und… losgelegt.

Ein Datum waberte durch den Kongress: der Mai 2028. Dann werden die Tarifverträge in der Autobranche auslaufen und die Erwartung ist, dass es dann zu einem Megastreik hunderttausender Arbeiter:innen kommen könnte. Verrückt lange hin? Wir werden sehen. Auch die Konzerne haben langfristige Strategien. Sicher werden wir auch in nächster Zeit viel von der rebellischen Arbeiterklasse in den USA hören.

Sabine Müller, Berlin

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