Schulöffnungen in Deutschland

Ein zentraler Drehpunkt beim Übergang vom Lockdown zur „Corona-Normalität“ stellt für die Regierungen die Wiedereröffnung der Schulen (und KiTas) dar. In Deutschland sind diese in den meisten Bundesländern seit Mitte März zu, Millionen Schüler*innen sitzen zu Hause und probieren mehr oder minder gutes „Lernen auf Distanz“ über Internet und Computer. Während die öffentliche Diskussion in der Presse zunächst vor allem die „Rückstände“ in der Digitalisierung kritisierte, wird zunehmend deutlich, dass durch das Brennglas der Corona-Pandemie das ganze Elend von kapitalistischer und neoliberaler Schulbildung deutlich wird. Wie die Schließung… so nun die Wiederöffnung.

Öffnung um jeden Preis

Während die Weltwirtschaft in eine Krise schlittert, die in ihren Auswirkungen 2008 und 1929 wahrscheinlich weit übertreffen dürfte, geht es für die deutschen Unternehmen darum möglichst rasch wieder „durch-starten“ zu können und den vollen Zugriff auf „ihre“ Beschäftigten zu haben. Home-Office hat seine Grenzen gerade in den Bereichen Produktion, Transport und Handel. Hier müssen Menschen real in den Betrieben erscheinen, damit Profit möglich ist. Kinderbetreuung aber scheint ein unangreifbares Argument für Eltern zuhause zu bleiben. Daher drückt die Industrie gewaltig auf die Tube, wenn es darum geht, die Schulen und Kitas wieder zu öffnen. Dabei gibt es viele Fragen und berechtigte Ängste. Waren im deutschen Bundesland NRW Lehrkräfte, die wegen Vorerkrankungen oder Lebensalter als „Risikogruppe“ (im Schnitt 30 % aller Kolleg*innen) galten, bisher vom Präsenzunterricht befreit, hat das Schulministerium in Anbetracht des großen Lehrer*innenbedarfs nun erklärt, alle Lehrkräfte einsetzen zu wollen. In Zukunft können Kolleg*innen sich nur noch durch individuelle Krankmeldungen und Atteste schützen und sehen sich einem hohen sozialen Druck ausgesetzt, sich „nicht so anzustellen“.

Und „sollte man überhaupt in die Schule gehen?“ fragen sich viele Schüler*innen, deren Eltern oder Geschwister zur Risikogruppe gehören und die nun für sich entscheiden müssen, ob sie durch einen Schulbesuch ihre Angehörigen gefährden sollen. Was ist die richtige Entscheidung, wenn man für Abiturvorbereitung möglicherweise seine Eltern ins Krankenhaus bringt?
Während Mitte Mai unter anderem der Verband der Kinder- und Jugendärzte schnellere Schulöffnung forderte und erklärte, dass Kinder und Jugendliche „eine geringere Infektions- als auch […] eine deutlich geringere Ansteckungsrate“ hätten, melden Forscher*innen aus Italien, den USA und Großbritannien z.T. schwere Verläufe bei Kindern mit anderen Symptomen als bei Erwachsenen. Wer Recht hat, weiß im Moment niemand aber eben weil diese Unsicherheit bleibt, bleibt für die einen die Angst und zieht bei anderen eine falsche Sorglosigkeit wie zu Beginn der Pandemie ein. Vor diesem Hintergrund werden nun Schulen geöffnet.

Soziale Ungleichheit überdeutlich

Die Coronakrise hat im Bildungssektor weit mehr gezeigt, als ein Fehlen von Computern und schlechten Internetleitungen. Sie hat überdeutlich gemacht, wie scharf in Deutschland der Klassenhintergrund mit dem Schulerfolg zusammenhängt. Wer zuhause keinen Drucker, oft keinen richtigen Computer und weder einen ruhigen Raum noch Eltern, die helfen können, hat, hat in diesen Monaten oft verloren. Auch sind Schulen für Kinder, die zuhause sexualisierter oder anderer Gewalt ausgesetzt werden, bei aller Beschränktheit normalerweise Schutzräume, die jetzt wegfallen.

Wenn aber dieser Tage (v.a. CDU- und FDP-)Minister*innen, die die soziale Ungleichheit im Schulsystem z.B. durch ihren Kampf gegen Inklusion und Gesamtschulen, bewusst verschärfen, plötzlich das Elend der Arbeiter*innenkinder und die Kindeswohlgefährdung als Argument für ihre Schulöffnungen im Interesse der Industrie heranziehen, dann ist das heuchlerisch und verlogen. Denn während Milliarden für die Autoindustrie oder die Lufthansa bereitgestellt werden, ist auch nur ein Ausbau der Schulsozialarbeit in allen Bundesländern Fehlanzeige.

Nein zu Noten und Prüfungen – ja zur Bildung.

Viele der Probleme bei der Beschulung wären zu lösen, wenn statt Noten und Abschlüssen die jungen Menschen im Vordergrund stünden. Freiwilliges Zusammenkommen von Kleingruppen in den Schulen zum Lernen aber auch nur um aus den bisweilen belastenden Situationen herauszukommen, wären leichter zu organisieren, wenn Lehrkräfte nicht durch Prüfungen und Korrekturen gebunden wären und die Bundesländer Geld in einen massiven Ausbau der Schulsozialarbeit stecken würden.

Ginge es den Schulministerien wirklich um die Kinder, die zuhause nicht vernünftig lernen können oder die nun verstärkt unter häuslicher und sexualisierter Gewalt leiden, dann wären andere Prioritäten bei der Schulöffnung und im Kern andere Schulen notwendig. Kämpfen wir nicht für Schulöffnungen – kämpfen wir gemeinsam mit den Betroffenen gegen Prüfungszwang und für menschlichere Schulen.

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