„… die im Dunkeln, sieht man nicht“ „Ein Mann seiner Klasse“ von Christian Baron

Auf sehr persönliche Weise schildert Baron das Elend der Klassengesellschaft, in dem er romanhaft, aber nicht ausgedacht, seine eigene Kindheit in einem Arbeiter*innenhaushalt in Kaiserslautern erzählt. Das Buch ist zunächst eine Annäherung an seinen Vater, der als ungelernter Möbelpacker und als schwerer Alkoholiker Täter und Opfer zugleich scheint und zu dem der Autor ein Verhältnis jenseits der Wut zu finden versucht. Es ist auch die Geschichte seiner Mutter, die als Arbeiter*innenkind in der Schule gedemütigt und verängstigt ihre Begabung zum Schreiben aufgibt, früh Mutter wird und trotz ihrer Depressionen mit Liebe zu ihren Kindern versucht, ihre Würde zu behalten. Ihr früher Krebstod führt den Autor und seine Geschwister zur Tante, die mit selbstverständlicher Solidarität als 29-jährige vier Kindern ein Zuhause bietet. Auch berichtet „ein Mann seiner Klasse“ davon, wie Baron selbst – im Gegensatz zu seinen Geschwistern – den Klassenaufstieg zum Journalisten schafft ohne seine Herkunft zu verraten.

Foto von Hans Scherhaufer

Die „Ich-Perspektive“ des Autors ermöglicht es, den Menschen in diesem Buch „auf Augenhöhe“ zu begegnen und sie zu verstehen, statt (abzu)bewerten. Mag der Alkoholismus des Vaters auch ein Problem sein, welches es auch außerhalb der Arbeiter*innenklasse gibt, so muss man das Buch schon sehr oberflächlich lesen, um darin die Begründung der Verhältnisse zu entdecken. Immer wieder wird die Scham über ihre Verhältnisse thematisiert, die sich tief in den Charakter der Arbeitenden eingeprägt hat und objektiv den Kapitalist*innen dabei hilft, sie zu verstecken.Die Herrschaft des Kapitals in der Bundesrepublik wird auch dadurch aufrechterhalten, dass es gelingt, den Arbeiter*innen ihr Selbstvertrauen und ihren Mut zu nehmen – als Individuen und als Klasse.

Und auch wenn einige Berichte noch beim Lesen wehtun, so zerreißt Barons Buch den Schleier, den die Scham vieler Betroffener über diese Gesellschaft legt und die Lüge von der „Mittelstandsgesellschaft“ erst möglich macht. Dieses Buch berührt, ergreift und macht wütend auf eine Welt, deren Reichtum und deren Versprechungen für die Arbeiter*innenklasse nur ein Abbild auf dem Fernsehbildschirm bleibt. Christian Baron hat den Versteckten und sich Versteckenden eine Stimme gegeben. Hören wir sie (lesend)!

Christian Baron: Ein Mann seiner Klasse, Classen-Verlag, 2020, 288 Seiten, 20 Euro.

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