
Das sonst eher unauffällige Wirken des deutschen Bundesverfassungsgerichts sorgte jüngst zweimal für Aufsehen. Am 15. April wurde der Berliner Mietendeckel gekippt: Diese Begrenzung der Mieten sei nicht verfassungskonform. Diese Entscheidung verschaffte den Miethaien viel Befriedigung und wurde schnell durchgesetzt: Die Mieten wurden erhöht und viele Berliner:innen müssen sogar Mieten nachzahlen! Zwei Wochen später erklärte dasselbe Gericht, das Klimaschutzgesetz sei „mit Grundrechten unvereinbar“. Auch wenn die Regierung schnell ein neues Gesetz nachlegte, wird diese Entscheidung keine großen Auswirkungen haben.
Der Tagesspiegel sprach von einem „historischen Urteil“, Greenpeace nannte es „sensationell“. Laut Aktivist:innen der Klimabewegung könnte das neue Urteil des Bundesverfassungsgerichts für kommende Klima-Klagen wegweisend sein, sei es nun Staaten oder Unternehmen betreffend. Das gäbe eine ganz neue Grundlage.
Das Gericht stellte fest, dass die Maßnahmen zur Eindämmung des CO2-Ausstoßes zu langsam seien und man müsse die zukünftigen Generationen vor späteren und dann härteren Entscheidungen schützen. Die ganze Argumentation beruht darauf, die Gesellschaft in verschiedene Generationen zu teilen, deren Interessen unterschiedlich und ggf. entgegengesetzt seien. Mag dieses Phänomen in der Klimadebatte auch eine Rolle spielen, so müssen wir aber feststellen, dass ein solches Herangehen die Gegensätze und Widersprüche innerhalb der einzelnen Generationen und damit in der gesamten Gesellschaft verschleiert. Nehmen wir das Beispiel des schon lange überfälligen Kohlestopps in Deutschland: Die Regierung verschiebt den Ausstieg nicht deshalb, weil die ältere Generation lieber Kohle verbrennt als erneuerbare Energie zu entwickeln, sondern weil die Großindustrie (von den Energiekonzernen ganz zu schweigen) ihre Maximalprofite nur schaffen kann, wenn ihr die jeweils billigste Energiequelle zu Verfügung steht. Eine schnelle Entwicklung der erneuerbaren Energie ist für sie nicht rentabel.
Zukunft: wessen Zukunft?
Auch mit der alten umweltschädlichen Produktion bewahrt die Regierung doch die Zukunft der jungen Generation … genauer gesagt, der oberen 1 % dieser Generation: Sie schützt die Zukunft des Nachwuchses der Großindustriellen, die der drohenden Klimakatastrophe zum Trotz das Kapital unangetastet erben wird!
Das Bundesverfassungsgericht spricht von zu schützender „Freiheit“. Laut Gerichtsurteil sei „praktisch jegliche Freiheit potenziell betroffen, weil noch nahezu alle Bereiche menschlichen Lebens mit der Emission von Treibhausgasen verbunden und damit nach 2030 von drastischen Einschränkungen bedroht sind“. Doch ist das eine abstrakte idealistische Vorstellung von einer individuellen Freiheit, die völlig losgelöst ist von der Realität der Klassengesellschaft. Das ist kein Zufall: Die Urteilsbegründung versteckt, worin der wirkliche Bremsklotz besteht, der jeglichen Umweltschutz behindert: nämlich ein schonungsloses Profitsystem.
Das wirkliche Problem der Umstellung der Industrie bleibt bei diesem Urteil außen vor. Stattdessen wird die Idee betont, dass „wir alle“ uns zugunsten der Umwelt einschränken müssen. Solche Argumentationen bereiten der Regierungspolitik den Boden, uns alle den Klimaschutz bezahlen zu lassen (zum Beispiel durch eine CO2-Bepreisung).
Nicht zufällig wurde das Urteil von allen Regierungsparteien begrüßt. Es enthält nämlich keine bezifferten Verpflichtungen, aber es erlaubt eine bestimmte Politik zu beschleunigen, über die sich alle einig sind.
„I want you to panic!“
Das Urteil ist aber auch ein Sieg aller jungen Aktivist:innen, die seit Jahren auf den Klimanotstand aufmerksam machen. Mit der Entscheidung schließt die höchste juristische Instanz des Landes endgültig die Klappe der Klimaleugner:innen.
Doch die sind schon lange nicht mehr das Problem. Die Gefahr kommt viel mehr von all den Parteien, die behaupten das Problem lösen zu wollen, ohne anderes zu berücksichtigen als die Fortsetzung der kapitalistischen Gewinne.
Diese Politik wurde Anfang Mai beim „Petersberger Klimadialog“ vor etwa 40 Fachminister:innen aus aller Welt besonders zynisch von Merkel vorgebracht, indem sie eine „internationale Solidarität“ zugunsten des Klimas forderte. Das reiche Deutschland wird tatsächlich 2045 klimaneutral. Viel zu spät. Was aber Merkel wichtig ist, ist schon jetzt auf eine weltweit einheitliche CO2-Bepreisung zu drängen. Deutschland hat nämlich angefangen, neue Technologien in dem Bereich zu entwickeln, für die ein Weltmarkt geschaffen werden soll.
Genau wie sie während der Coronakrise die Extraprofite der deutschen Pharmaindustrie verteidigte, sieht Merkel bei der „Unterstützung“ ärmerer Staaten bei der Anpassung an den Klimawandel eine Chance für die deutschen Unternehmen. Mit solchen miesen Berechnungen, sowie mit all den „Anreizen“, die den Unternehmen geschenkt werden sollen, damit sie endlich grüner werden, haben wir nichts zu tun.
Die weltweite Klimakatastrophe kann nur durch Klimagerechtigkeit aufgehalten werden, die wir international erkämpfen. Verbündete haben wir in der ganzen Welt.
