
Der Angriff Russlands auf die Ukraine erzeugte in Deutschland ein Energieproblem. Gleichzeitig steigt der Ressourcenbedarf auch durch KI, und Deutschland will an vorderster Front dabei sein. Vor diesem Hintergrund wird das riesige Projekt „Hyphen“ vorangetrieben: Wasserstoffproduktion auf dem Gebiet des ehemaligen Kolonialstaates Namibia – einem Land, in dem ab 1904 die „Schutztruppe für Deutsch-Südwestafrika“ einen Völkermord beging. Das von einem deutsch-englischen Joint Venture geleitete Projekt „Hyphen“ soll Anfang dieses Jahres unterzeichnet werden. Die geplante Investition von 10 Milliarden US-Dollar entspricht etwa der Hälfte des Bruttoinlandsproduktes des Landes. Ist das reiner Neokolonialismus?
Als Deutschland in Afrika Fuß fasste, war der Sklavenhandel – der 15 Millionen Opfer gefordert hatte – vorbei. Die junge Industrie-Bourgeoisie sah in der Errichtung eines Kolonialreichs wirtschaftliche Vorteile und setzte sich zunehmend für diese ein. Bismarck sah hingegen eher die Kosten als die Gewinne. Die Kolonisierung Namibias ab 1884 kam also relativ spät und war von blinder Gewalt geprägt.
Das Gebiet Afrikas, das sich Deutschland angeeignet hatte, wurde „Deutsch-Südwestafrika“ genannt. Die Kolonialverwaltung verbreitete die Vorstellung, die eroberten Territorien seien deutsche Gebiete. Deutsch-Südwestafrika bestand zwar überwiegend aus der Wüste der Namib, war jedoch von zahlreichen Völkern bewohnt. Als sich 1904 die Ovaherero (das Volk der Herero) und die Nama organisierten, um sich militärisch zu verteidigen, entstand auf deutscher Seite der Plan, diese Bevölkerungsgruppen zu vernichten. Die Ovaherero führten Krieg: Sie griffen deutsche Siedlungen an und errangen zunächst die Herrschaft über ihr Territorium zurück. In der Folge schrieb im Oktober der Führer der „Schutztruppe“ von Trotha, er werde „jeden Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh“ erschießen. So beging Deutschland den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts. Innerhalb von vier Jahren wurden 85.000 Menschen ermordet. 80 % der Ovaherero und 50 % der Nama starben durch Hinrichtungen, Schießereien, durch Durst in der Wüste oder vor Hunger. Wie im Film „Der vermessene Mensch“ (2023) dargestellt wird, existierten bereits die grausamen, angeblich medizinischen Experimente, die sich später im Nationalsozialismus fortsetzten: zahlreiche Schädel der Opfer wurden nach Deutschland gebracht, um zu „beweisen“, dass Schwarze „Untermenschen“ seien.
In der Mitte dieses Völkermords fand 1907 der Internationale Sozialist:innen-Kongress zu Stuttgart statt, bei dem Bernstein, einer der führenden Vertreter des rechten Flügels der SPD, sich über die „utopische Idee“ lustig machte, „die Kolonien zu verkaufen“. Er fügte hinzu: „Die letzte Konsequenz dieser Anschauung wäre, dass man die Vereinigten Staaten den Indianern zurückgäbe.“ Er verteidigte konsequent das frisch eroberte deutsche Gebiet. Nach einem Tag Debatte sprach sich der Kongress allerdings dagegen aus und stimmte für eine Resolution, die den Kolonialismus verdammte: „Die zivilisatorische Mission, auf die sich die kapitalistische Gesellschaft beruft, dient ihr nur als Deckmantel für die Eroberungs- und Ausbeutungsgelüste.“
Anerkennung des Völkermords
Erst mehr als ein Jahrhundert später werden die Verbrechen anerkannt: Seit 2015 bezeichnet die Bundesregierung sie als Völkermord. Außenminister Maas (SPD) stellt dies 2021 in einer Rede heraus, in der er nicht nur die Schuld Deutschlands anerkennt, sondern ein „substanzielles Programm in Höhe von 1,1 Mrd. Euro zum Wiederaufbau und zur Entwicklung“ ankündigt. Diese Erklärung ist in Namibia als „Joint Declaration“ bekannt. Die schönen Worte und die eigentlich karge Summe, die über einen Zeitraum von 30 Jahren entrichtet werden soll, haben bei Namibier:innen Bitterkeit ausgelöst: Das Geld soll tatsächlich als „Entwicklungshilfe“ gezahlt werden. Teile der dortigen Bevölkerung verstehen diese Worte als eine Ausflucht, die die notwendige Entschuldigung umgeht. Die deutsche Regierung hat beispielsweise vor, Straßen zu bauen. Eine Angehörige der Nama stellt die rhetorische Frage, ob es wirklich das ist, was die Bevölkerung will und braucht. Auch während der Kolonisierung ließ die deutsche Kolonialmacht Straßen und sogar Eisenbahnen bauen, und zwar durch Zwangsarbeit und selbstverständlich nicht für die Namibier:innen!
Wasserstoff aus Namibia…
Parallel zur „Joint Declaration“ werden die neuen wirtschaftlichen Absichten des deutschen Kapitals im Land immer sichtbarer. Das größte dieser wirtschaftlichen Ziele ist „Hyphen Hydrogen Energy“, das massenhaft „grünen Wasserstoff“ erzeugen soll. In einem Land, wo 40 % der Bevölkerung keinen Zugang zu Strom hat, will das deutsche Unternehmen Enertrag auf einer Fläche von 4.000 km² einen Industrie-Komplex aufbauen. Zunächst soll Strom aus Windrädern und Solarpanelen erzeugt werden. Da Wasserstoff durch Wasserelektrolyse gewonnen wird, sollen auch vorgeschaltete Entsalzungsanlagen errichtet werden. Der Transport von Wasserstoff auf dem Seeweg ist jedoch technisch schwierig, weshalb er vor dem Verschiffen in Ammoniak umgewandelt wird. Nach einer langen Überfahrt kann die in den Wasserstoffatomen gespeicherte Energie schließlich etwa in Europa genutzt werden. Bereits vor einigen Jahren wurde in Deutschland ein sogenanntes „Kernnetz“ vorgestellt, das der landesweiten Verteilung von Wasserstoff dienen soll. Unternehmen wie Thyssenkrupp bereiten sich angeblich schon darauf vor, mithilfe dieses grünen Wasserstoffs „grünen Stahl“ zu produzieren.
Die Umstände dieses riesigen Projekts rufen erhebliche Kritik hervor. Auf seiner Webseite bemüht sich Hyphen, vermeintliche „Missverständnisse“ auszuräumen. Dabei wird großer Wert darauf gelegt, das Vorhaben als „ethisch und sozial verantwortlich“ darzustellen. Zwar soll ein Teil des entsalzten Wassers an die nahegelegene Stadt Lüderitz geliefert werden, doch bleibt offen, in welchem Umfang. Auch wird suggeriert, überschüssige Energie („excess energy“) werde an Namibia übertragen; tatsächlich handelt es sich dabei um Strom, der an besonders sonnigen oder windreichen Tagen vom Betrieb nicht genutzt wird. Zentrales Argument bleibt schließlich das Versprechen, dass sowohl in der Aufbauphase als auch im späteren Betrieb Tausende Arbeitsplätze entstehen sollen.
Die betroffene Fläche liegt jedoch teilweise in einem Naturpark, und die Nama Traditional Leaders Association weist darauf hin, dass sich die Halbinsel Shark Island in der Lüderitzbucht inmitten des Industriegebiets befinden wird. Shark Island war während des Genozids der Sitz eines Konzentrationslagers, in dem Tausende Menschen von den Deutschen ermordet wurden.
… in wessen Interesse?
Fraglich bleibt, was die heutigen Namibier:innen tatsächlich von diesem Projekt haben. Selbst die imperialistischen Großmächte, die es vorantreiben, verfolgen teils widersprüchliche Interessen. In Deutschland hat die Bundesministerin für Industrie vor Kurzem die Klimaziele so „flexibilisiert“, dass der Preis der fossilen Energie wieder günstig wird und teurer Wasserstoff möglicherweise keine Abnehmer:innen findet. Bereits im September letzten Jahres hat sich das Energieunternehmen RWE aus dem Projekt zurückgezogen.
Jenseits unmittelbarer Gewinne strebt Deutschland mit so einem Projekt auch danach, eine neue Technologie zu beherrschen – genauer gesagt, die Machbarkeit einer Industrie für „grünen Wasserstoff“ zu beweisen, um sich angesichts des brutalen Klimawandels der kommenden Jahre eine Monopolstellung zu sichern. Doch selbst auf dieser Ebene ist mit Hyphen nicht alles gewonnen: für die Umwandlung des Wasserstoffs in Ammoniak ist der chinesische Betrieb Huaneng Group vorgesehen.
Hyphen ist eindeutig nicht darauf ausgelegt, den Interessen der Namibier:innen zu dienen. Auch von einer „Win-Win-Situation“ zu sprechen ist höchst fraglich. Energie wird in einem armen Land erzeugt, um anderswo genutzt zu werden: das lässt einen zwangsläufig an die koloniale Ausbeutung denken.
Lorenz Wassier, Berlin
Beitragsbild: https://www.ftm.eu/
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