Wir sind die Welle

Das Ganze fängt wie ein schlechter amerikanischer Teeny College Film an: Verwegener Typ kommt aus dem Nichts mitten im Schuljahr in die Schule, scharrt alle AußenseiterInnen um sich und das beliebteste Mädchen verknallt sich in ihn… Wenn es nur dabei bleiben würde, dann könnte mensch es sich getrost auf dem Sofa gemütlich machen und das Gehirn ausschalten. Aber es hämmern immer wieder unerträglich moralisierende Parolen dazwischen, politische Messages werden verkündet, Wörter wie Kapitalismus, Linke Szene, Organisierung oder Gewalt fallen und zwingen einen doch dazu, sich mit diesem Netflix-Machwerk auseinanderzusetzen.

Die deutschsprachige Serie „Wir sind die Welle“ knüpft in Grundzügen an den Totalitarismus-Roman „Die Welle“ von Morton Rhue an. Da es aber eigentlich außer dem Namen und der grundsätzliche Aussage, Gruppendynamiken wären böse, keine Gemeinsamkeiten gibt, entfällt hier jeder weitere Bezug auf das Buch.

Die Serie beschreibt eine Gruppe von Jugendlichen aus unterschiedlichen sozialen Hintergründen, die sich zusammenfinden zu einer Protest-Aktions-Coolness-Gruppe, um anzukämpfen gegen … ja, gegen was eigentlich? Und hier entfaltet sich die grundlegende Problematik dieses Szenarios. Die rebellische Jugendgruppe formiert sich – in persona in der hippsten und zugleich saubersten verlassenen Fabriks-halle, die mensch sich vorstellen kann. Ein quasi Disneyland für romantisiertes Pseudorevoluzzertum (Skatebahn, Pamphlet-Tribünen-Käfig und Grafitti inklusive) – gegen Schlachthäuser, eine umweltschädliche Papierfabrik, SUVs, Waffenproduktion, Werbung, Rassismus, Immobilienhaie und Rechtsextremismus.

Alles grundsätzlich keine falschen Feinde, unklar bleibt jedoch, warum eigentlich genau diese Zielscheiben gewählt werden. Eine wirkliche Systemkritik, die Verortung dieser Feindbilder als Ausdruck des kapitalistischen Ausbeutungssystems, wird schlichtweg unterlassen. Nein, nicht nur unterlassen, sondern einfach negiert, als der Bad-Boy-Protagonist aus vollster Überzeugung seinen naiven JüngerInnen kundtut, dass der Kapitalismus ein zu großer Feind sei, der nicht bekämpft werden könne. Nur die Welle könne stattdessen wirklich etwas bewegen. Nur was?

Die Gründe und Motivationen, insbesondere die Vorstellungen und Perspektiven, bleiben nebulös. Es verbleibt bei hohlem Idealismus, eine schmierige Schleimspur bürgerlicher Moralvorstellungen umzieht jede Phrase über Freiheit und Gerechtigkeit. Die Suche nach Forderungen, nach Zielsetzung der Gruppe führt ins Leere bzw. endet in der abgelutschten Stimmungsexpression, irgendwas müsse sich einfach ändern. Auch die wahnsinnig flippigen, bunten, inszenierten Aktionen, eine Mischung aus Spontanismus, Musikvideoflair und Baby-RAF im Anfangsstadium, lassen einen nicht ergründen, warum das Ganze hier eigentlich passiert, geschweige denn wozu diese Aktionen eigentlich führen sollen, außer vielen Clicks, kreativem Webcontent und Anerkennung in der Social Media Crowd.

Damit einhergehend entwickeln sich gruppeninterne Dynamiken, wie erste sexuelle Kontakte, Machtkämpfe zwischen Bad Boy und Best Girl, Ausdifferenzierung durch unterschiedliche Radikalitätsbereitschaft (natürlich nur in Bezug auf Aktionsformen, nicht in Bezug auf Forderungen, weil oh Schreck, die treten bis zum Staffelende nicht auf). Auch wird die Frage diskutiert, inwiefern sich die Gruppe in Richtung einer Massenorganisation bzw. -bewegung öffnen oder eine eingeschworene Kampftruppe, eine quasi Eliteeinheit, bleiben soll.

Die Lösung der Diskussion sieht wie folgt aus: aufgebrachte Teenager in einem Schlachthaus kämpfen mit der Polizei, die gerufen wurde von … tatatata Bad Boy. So will er seinen MitstreiterInnen die “Gefahr der Massenbewegung“ vor Augen führen.

Bildrechte: Bernd Spauke/ratPack Filmproduktion G/Netflix/dpa

Des Weiteren lässt die Gruppenzusammensetzung und -entwicklung – von einer Bewegung kann eigentlich zu keinem Zeitpunkt gesprochen werden, da im Grunde immer nur die gleichen fünf Stereotypen aktiv sind – einen bitteren Geschmack des Reaktionären zurück. Grundmessage: auch wenn einmal reiche Kids austicken können, die wirklich “Bösen“, Radikalen, ein bisschen am Abgrund des Wahnsinns tänzelnden, sind die armen Kids, die aus prekären Verhältnissen Kommenden.

Die Reichen, die treffen schlussendlich die richtigen Entscheidungen, die retten doch noch alles, aber diese armen Verwahrlosten, die müssen vor sich selbst gerettet werden. Was für ein schmerzender Faustschlag aus Paternalismus und Klassismus.

Was der Serie nicht abgesprochen werden kann, ist das Einfangen eines gewissen, momentan vorherrschenden Zeitgeistes, allerdings die kritikwürdigen Aspekte davon. Die Serie kann sich nicht entscheiden, ob politisch aktiv werden nun gut oder schlecht ist, IN scheint es jedenfalls zu sein. Auch wenn teilweise richtige politische Fragen angesprochen werden, versandet die Inszenierung in Oberflächlichkeit und Null-Inhalt. Zusätzlich werden im Grunde die übelsten Vorurteile gegenüber linkem Aktivismus kumuliert, was inkludiert, dass die einzig organisierte Linke, die in Erscheinung tritt, die Autonome Antifa ist, die als kriminelle Organisation dargestellt wird, die Waffen und Sprengstoff liefert.

Seit einem Jahr etwa gehen tausende Jugendliche insbesondere im Rahmen der Klimabewegung auf die Straße und das zu Recht, allerdings fehlt es oft an klaren politischen Forderungen, an Zielen, an breiter Organisierung. Es bleibt nicht selten beim bloßen Appell an den guten Willen der Herrschenden.

„Wir sind die Welle“ bedient leider genau diese Schwächen und kultiviert sie auch noch. Wie bitter, wo Aktivismus doch so viel mehr zu bieten hat, als platten, überinszenierten Aktionismus, zum Beispiel eine Welt ohne Ausbeutung und Unterdrückung zu gewinnen!

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