
Der Roman „Und alle so still“ von Mareike Fallwickl (2024) beschreibt ein Szenario nahe an der vorstellbaren Realität zwischen Utopie und Dystopie.
Elin, Nuri und Ruth, drei Hauptfiguren unterschiedlichen Alters, Herkunft und Geschlecht. Alle drei werden aus unterschiedlichsten Gründen Teil eines wachsenden Care-Streiks. Was passiert wenn Frauen nicht mehr das tun, was sie immer getan haben?
Das Gesundheitssystem bricht zusammen, Männer werden noch wütender und gewalttätiger, der Staat ebenso. Auf der anderen Seite erfahren Frauen, dass und wie sie zusammengehören. Mareike Fallwickl beschreibt eine Liebe unter Frauen, die darauf fußt, dass wir gleiche Erfahrungen machen und die uns Kraft gibt miteinander zu kämpfen.
Jetzt könnten Lesende meinen: „Was für ein verkitschter Feminismus. Und mit Kapitalismus hat das Buch wohl auch nichts zu tun..“ Doch keineswegs: Zugleich wird beschrieben, wie manche Frauen privilegiert genug sind, sich zunächst aus der Bewegung herauszuhalten und wie andere Personen Teil der Bewegung werden, weil sie nicht weiß sind und versuchen sich mit vier Jobs über Wasser zu halten. Die Kämpfe aller Unterdrückten und Ausgebeuteten werden zusammengedacht – Intersektionalismus at it’s best!
Wie schon in ihrem letzten Bestseller-Roman „Die Wut die bleibt“ (2022, ebenso empfehlenswert!) werden alle möglichen feministischen Fragestellungen der Zeit angesprochen. Trotzdem bleibt es ein Roman und thematisiert Emotionen und Erfahrungen, die uns verbinden oder auch besser verstehen lassen, wie sich manches anfühlt, das man selbst nicht nachempfinden kann: Die Scham arm zu sein; die Unsicherheit, ob ein Mann tatsächlich gewalttätig war; nicht mit anderen Frauen umgehen zu können, weil man es nicht gelernt hat; die Frage ob man lieber streikt oder sich bis zum Kollaps um die Kranken kümmert und wie verschiedene Generationen von Frauen miteinander kämpfen können.
Der Roman behandelt also die großen gesellschaftlichen Auswirkungen des Szenarios „Care-Streik“ eher am Rande, als Rahmen der Handlung und fokussiert dafür auf Beziehungen, Erfahrungen und Gefühle.
Auf was man sich allerdings einlassen muss: Die geschaffene Vorstellung ist so verdichtet, dass es sich teilweise wie eine Aufzählung von Diskriminierungen liest. Dabei bewegt die Autorin sich stets auf einem Grat, der klarmacht, dass ihr Buch eine Fiktion ist und dennoch so nah an der Wirklichkeit, dass alles davon problemlos real sein könnte. Man darf auch nicht erwarten Antworten auf strategische Fragen zu finden. Denn Fallwickl beschreibt keineswegs den Weg zu einer freien Gesellschaft. Auf die Frage nach den Forderungen der Streikenden gibt es keine Antwort: Sie seien vor allem erschöpft, ihnen reicht es. Sie schließen sich zusammen, finden darin Kraft und erfahren Solidarität. Darum geht es und dafür lohnt es sich zu lesen.
Das Buch ist kraftspendend und entlässt die Leser:in dennoch nicht einfach mit einer rosaroten hoffnungsvollen Brille zurück in die Realität. Fallwickl schafft eine Balance zwischen den schmerzhaften Tatsachen des Patriachats im Kapitalismus und der Stärke, die Solidarität und gemeinsame Aktion uns geben können.
