Fridays for Future in der Wachstumskrise?

Die im Jahr 2018 geborene Bewegung „Fridays for future“ wurde – wie alle sozialen Be­wegungen – von der Corona-Pandemie und den darauffolgenden Demonstrations­schwierigkeiten geprägt. Infolge der heutigen Wirtschaftskrise hat die Welt seit ein paar Monaten weniger CO2 ausgepustet. Die Kapitalist*innen befinden sich in einer angespannten Lage. Sie wollen die Produktion wieder hochfahren und trotz zitternder Finanz­märkte, massiver Arbeitslosigkeit und horrender Prognosen von BIP-Einbrüchen zurück zu „normalem Wachstum“. Zu Recht sind alle Aktivist*innen der Klimaschutzbewegung ungeduldig, wieder aktiv zu werden: „Wir haben keine Zeit!“.

Der bisherige Konsens

Als Bewegung, die von Jugendlichen angestoßen wurde, zeigten die Fridays for Future ihre Stärke in den wöchentlichen Streiks. Von Greta Thunberg kam gleich diese Idee: „Wenn eine Lösung im System unmöglich zu finden ist, sollten wir vielleicht das System ändern“. „System Change, not Cimate Change!“ wurde schnell zu einem der wichtigsten und meist geliebten Sprüche der Bewegung.

Weltweit bleibt bis heute Greta Thunberg die Galionsfigur der Bewegung. In Deutschland übernahm Luisa Neubauer (Die Grünen) diese Rolle, ohne dass das zu großer Kontroverse führte. Mitte Mai, als alle Demonstration und Treffen unmöglich waren, bekamen die Aktivist*innen von Fridays for Future einen offenen Brief für die „Bildung eines Minimalkonsenses“. Es stellte sich heraus, dass dieser unsignierte Brief von der „Bundesebene“ kam. Studierende in Berlin fragten sich, ob bei dieser Vorgehensweise nicht eine bestimmte Intransparenz herrsche…

Klimaschutz oder –gerechtigkeit?

Die Diskussion, die Aktivist*innen einen Monat lang beschäftigte, wurde als Bundesdiskussion präsentiert. Geführt wurde sie aber nur unter Berliner*innen. Die Ver-fasser*innen des Briefs drängten auf eine schnelle Antwort. Die Studierenden in Berlin sahen aber gleich Schwierigkeiten. Der Brief war von einem „Stimmungsbild für Konsensfindung“ begleitet, bei dem alle Aktivist*innen eingeladen wurden, sich zwischen mehr sozialer Gerechtigkeit und mehr Klimaschutz zu entscheiden. Eine Skala stellte klar die Unvereinbarkeit der zwei Forderungen dar: Diejenigen, die für mehr Klimaschutz waren, müssten sich für weniger soziale Gerechtigkeit aussprechen, und umgekehrt.

Was ist eigentlich Klimagerechtigkeit?

Aktivist*innen, die sich zum Beispiel Mühe geben zu erklären, dass der Klimawandel in der Welt besonders die Frauen schädigen wird (unter anderem dadurch, dass in den armen Ländern der Zugang zum Wasser schwieriger wird), reagierten aufgebracht auf den offenen Brief.

Der Brief ging tatsächlich soweit, diejenigen, denen die Frage der sozialen Gerechtigkeit oder des Rassismus am Herz liegt, einzuladen, ihre Forderungen anderswo als innerhalb der Fridays for Future-Bewegung zu diskutieren. Das wurde von manchen als Versuch interpretiert, AfD-Wähler*innen zu verführen.

Die Verteidiger*innen des offenen Briefs erklärten, dass die Zusammenführung der sozialen Fragen und der Klimafrage die Bevölkerung erschrecke. Die Bevölkerung sei grundsätzlich eher unpolitisch. Haben aber nicht die 240 000 Berliner Demonstranten der #unteilbar-Demonstration im Oktober 2018 das Gegenteil bewiesen?

Über den Begriff der Klimagerechtigkeit wurde unter Studierenden in Berlin viel diskutiert. Es konnte zwar keine genaue Definition gefunden werden. Aber die Debatte zeigte, wie tief der Gedanke, dass auf die Klimafrage und die soziale Frage untrennbar miteinander verbunden sind, in der Fridays for Future-Bewegung verankert ist.

Wie politisch sollte Fridays for Future sein?

Die ungeschickte – und gewissermaßen skandalöse – Umfrage der „Bundesebene“ von Fridays for Future stellte auch die Frage, ob die Bewegung eher unpolitisch oder „politisch stark links“ geprägt sein sollte. Bewusst oder unbewusst deutete die Frage an, die bisherige Politik der Bewegung sei eher und glücklicherweise unpolitisch gewesen.

Seit der Gründung der Bewegung existiert in der Tat die Auffassung, die Frage der Klimarettung sei „überparteiich“. Anlässlich verschiedener Wahlen wurden zum Beispiel Aufkleber wie „Your Vote: Our Future“ gedruckt, ohne dass es möglich war zu wissen, wofür genau das Kreuz am Wahlzettel gemacht wird. Anfang 2020 beschloss aber die Leitung von Fridays for Future, die Bewegung an das „neue Wirtschaftswunder“ (https://neues-wirtschafts-wunder.de/) anzuschließen. Dieses Bündnis fordert ein „konsistentes, auf Nachhaltigkeit ausgerichtetes Transformationspaket“ und will „Investitionen im Rahmen notwendiger Finanzhilfen stärken“. Jenseits der Kritik dieser Ideen (siehe Artikel „Alle Krisen bekämpfen“ in der neunten Aurora-Ausgabe) darf man Zweifel haben, ob solche Forderungen „unpolitisch“ seien…

Dieses Jahr wird der Wert von 418 ppm CO2 in der Atmosphäre überschritten. Dabei handelt es sich um einen Rekord der letzten drei Millionen Jahre. Quelle: https://speakoutsocialists.org/2020-is-on-track-to-be-the-hottest-year-in-human-history/

„… for Future“ hat Zukunft!

Die Berliner Studierenden haben die Debatte mit einem hohem Verantwortungsgefühl geführt.

Die Gleichung der Politik von Fridays for Future wurde vor zwei Jahren von Greta Thunberg so zusammen-gefasst: die Politik solle einfach den Wissenschaftler*innen zuhören.

Nach zwei Jahren Bewegung zeigt sich aber, dass der Weg zur Klimarettung nicht so geradlinig ist. Jede Forderung, jede Demonstration trägt einen politischen Inhalt mit! Die Klimabewegung muss also genauso politisch sein, wie unsere Gegner es sind: zum Beispiel Merkel, die der Lufthansa Milliarden schenkt, oder die Grünen des Berliner Senats, die auf die Privatisierung der S-Bahn zusteuern!

Die Waldbrände des letzten Sommers in Australien waren leider nur die Vorspeise der schrecklichen kommenden Klimakatastrophe. Umso ersichtlicher die Klima-katastrophe werden wird, umso breiter auch die Empörung gegen die Politik.

Fridays for Future als breites Netzwerk von Aktivist*innen, in dem viele wichtige Fragen debattiert werden, kann und muss wachsen!

One Reply to “Fridays for Future in der Wachstumskrise?”

  1. FfF muß vor allem auch die Systemfrage stellen. Wer auch immer glaubt, ALLE Probleme – nicht nur die des Klimas – können innerhalb des kapitalistischen Gesellschaftssystem geklärt werden, ist auf dem falschen Dampfer. Das Hauptproblem ist und bleibt das kapitalistisches Gesellschaftssystem. Ohne dessen Abschaffung dürfte die Lösung aller die Menschheit bedrohenden Probleme, zum scheitern verurteilt sein. Daher muß die Systemfrage zwingend mit der Umwelt-, Naturschutz- und Klimafrage verbunden werden.

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