Frankreich: „Ich hab kein Covid gekriegt, aber ihr habt mich mit (Toll-)Wut angesteckt!“

Wie in allen Ländern wurden in Frankreich während des Höhepunkts der Corona-Krise die PflegerInnen von Balkonen und Fenstern beklatscht und von der Regierung als National­held*innen gepriesen. Dabei hat die Regierung Macron, wie alle vorherigen, seit Jahrzehnten konsequent die Krankenhausbudgets gekürzt, Betten und Stationen geschlossen und Arbeits­bedingungen und Gehälter angegriffen.

Seit dem Frühling 2019 kämpfen die Pfleger*innen bereits gegen diese Politik. Zunächst in den Notauf­nahmen und später auch in anderen Stationen hatte es das ganze Jahr Streiks, Die-Ins, Petitionen, Demonstrationen und andere Ak­tionen gegeben. Am 14. November gingen Zehntausende auf die Straße, sogar Ärzte und Stationschefs. 300 € mehr für alle, Neueinstellungen und neue Betten in allen Krankenhäusern waren die drei Hauptforderungen, die von den frankreichweiten Ver­sammlungen des Notaufnahmen-Kollektivs beschlossen wurden.
Von Schlachtvieh zu Held*innen… und wieder zurück!

An allererster Front in der Corona­krise wurde das Kranken­haus-personal nun von denjenigen, die diese Forderungen ignoriert und teilweise Polizei gegen die Streiken­den eingesetzt hatten, zu fast über­menschlichen Held*innen erklärt. Und für diese Held*innen gab es… einen ein­maligen Zuschlag von (maximal) 1500€, nicht einmal für alle, plus einen Orden! Das war genug, um be­reits während der letzten Wochen des Lockdowns die Wut der letzten Jahre wieder hochbrodeln zu lassen, die von der katastrophalen Entwick­lung der Pandemie noch verstärkt wurde. Jeden Donnerstag, und zu­nehmend auch dienstags, fanden vor den Krankenhäusern Kundgebungen statt. Die Antwort der Regierung: eine pompöse Diskussionsrunde mit allen Akteur*innen der Gesundheits­branche… in der bis jetzt als Einziges klar zu sein scheint, zunehmend pri­vate Unternehmen für medizinisches Material einzubeziehen und die Arbeitszeit zu „flexibilisieren“, also zu verlängern.

Das Krankenhaus erstickt – I can’t breathe

Wie in vielen Ländern gibt es seit Wochen im ganzen Land Demos gegen alltäglichen Rassismus und Polizeigewalt, während erste Streiks auf die kommenden Kündigungen (5.000 Stellen bei Renault, bis zu 10.000 bei Air France) antworten. In diesem Kontext schien die neue Großdemonstration der Pflege am 16. Juni mehr als nur eine weitere Demo der „Held*innen“, die nun wieder ver­gessen werden. Zehntausende demonstrierten in 220 Städten Frankreichs, aus fast jedem Kranken­haus oder Altersheim gab es Blocks mit Bannern, die zu den Aktionen und Demos zogen. Begleitet von Tau­senden „Unterstützer*innen“ oder aber auch Arbeitenden anderer Bran­chen, die sowohl ihre Wut als auch ihre Solidarität ausdrücken wollten.

Und aus den „Held*innen“ waren end­gültig wieder unangenehme Demonstrant*innen geworden, wie die brutale Festnahme einer 55-jährigen Pflegerin bei der Pariser Demo eindrücklich klar machte. Doch die Pflege zeigt den Weg: Nur durch Kampf und Demonstrationen wird die Welt nach Corona nicht wie eine schlimmere Version der alten aussehen!

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