
Für viele von uns ist der 1. Mai ein willkommener Feiertag, vielleicht sogar der Beginn eines verlängerten Wochenendes. Aber es gibt auch die heroische Geschichte der Arbeiter:innenklasse. Der 1. Mai hat seine Wurzeln im 19. Jahrhundert in der sozialistischen Arbeiter:innenbewegung und im Kampf um Arbeitszeitverkürzung.
Die Arbeitsbedingungen waren im 19. Jahrhundert mit dem Beginn der industrialisierten Arbeit schlimm in jeder Hinsicht. Die Maschinen gaben das höllische Tempo vor. 10 Stunden Arbeit pro Tag an 6 Tagen die Woche und dazu Überstunden waren die Regel. Die 1860er und 1870er Jahre sind daher Zeiten, in denen sich die Arbeitenden zusammenschließen und streiken.
Sozialistische oder anarchistische Ideen waren verbreitet, war doch offensichtlich, wie sich eine kleine Schicht an Kapitalist:innen auf Kosten der riesigen Mehrheit der Arbeiterinnen und Arbeiter bereicherte. Die Übernahme der Kontrolle über die Industrie durch die Arbeitenden lag für Massen von ihnen als Kampfziel auf der Hand. Die Forderung nach dem 8-Stunden-Tag kam früh auf und verbreitete sich in Industriezentren und Bergbaugebieten weltweit, auch unter der US-amerikanischen Arbeiter:innenklasse.
1884 proklamierte schließlich die „Federation of Organized Trades and Labor Unions“ (Gewerkschaftsverband) in den USA den Kampf um den 8-Stunden-Tag und rief zu Streiks für den 1. Mai 1886 auf. An diesem Tag gingen in den USA Hunderttausende für den 8-Stunden-Tag auf die Straße. Chicago war zu dieser Zeit einer der Hotspots der Arbeiter:innenbewegung mit einer starken anarchistischen Strömung. Und in dieser spielten deutsche Gewerkschafter eine bedeutende Rolle! Viele Deutsche waren in die USA emigriert wegen der politischen Verfolgung nach der Revolution von 1848 oder unter den Sozialistengesetzen, aber vor allem wegen der wirtschaftlichen Krisen. Mit den Deutschen kamen nicht nur die Kneipenkultur und das Bier, sondern auch sozialistische Ideen und Erfahrungen im Klassenkampf. Globalisierung und Migration wie wir sie lieben! Über mehrere Tage zogen sich jedenfalls die friedlichen Proteste und Streiks in Chicago ab dem 1. Mai 1886. Die Polizei reagierte mit brutaler Gewalt. Aber die Wut befeuerte die Arbeiter:innenproteste. Am 4. Mai, als die Polizei auf die Arbeitenden mit voller Gewalt losging, explodierte eine Bombe und tötete Polizisten und Arbeitende. Unklar ist bis heute, wer die Bombe warf. Den Chicagoer Arbeiter:innen sollten aber die Köpfe abgeschlagen und eine Lektion erteilt werden. Sieben Arbeiterführer wurden hingerichtet. Die Zeitungen starteten eine landesweite Hetzkampagne gegen Gewerkschaften und „Sozialisten“.
Aber die Arbeiter:innenbewegung reagierte nicht, wie von den Kapitalisten erhofft. Die sozialistische „Internationale Arbeiterassoziation“ – ein internationaler Zusammenschluss der Arbeiterorganisationen – übernahm 1890 die Forderung nach dem 8-Stunden-Tag und machte den 1. Mai zu einem internationalen Kampftag. Das fiel auf fruchtbaren Boden. In Deutschland wurde der 8-Stunden-Tag schließlich nach der Novemberrevolution 1918/19 Gesetz.
Die Dauer des Arbeitstages blieb immer umkämpft – bis heute. Wir sehen, wie überall die Bosse an den Rädchen drehen und Rechte in Frage stellen, die von unseren Urgroßmüttern und -vätern hart erkämpft worden sind. Die Abschaffung der Höchstgrenze der täglichen Arbeitszeit hat es beispielsweise jetzt in den Koalitionsvertrag der neuen CDU/SPD-Regierung geschafft. 12-Stunden-Schichten oder mehr wären dann möglich. Gleichzeitig haben es die „Arbeitgeber“ mit Hilfe der Gewerkschaftsspitzen geschafft, in viele Tarifverträge die Verlängerung der Arbeitswoche reinzuschreiben, natürlich nur als „freiwillige Option“. Aber angesichts der niedrigen Lohnerhöhungen überall und der vielen Überstundenberge ist die „Freiwilligkeit“ immer öfter Fake. Die Richtung ist klar: länger arbeiten in jeder Hinsicht, pro Tag, pro Woche, im Leben. Daher hat der 1. Mai heute noch immer seine Bedeutung wie im 19. Jahrhundert … als Kampftag.
Sabine Müller, Berlin
