Bahnverkehr in Deutschland: Das bisschen Chaos ist noch gar nichts…?!

Zum Jahreswechsel gab es im Bahnverkehr Erhöhungen und Reduzierungen: Erhöhung der Fahrpreise und Reduzierung des Service. Blöde Kombi.

Seit dem Sommer häufen sich die Ansagen, dass Linien im Regionalverkehr und S-Bahnen eingestellt oder an bestimmten Tagen oder Uhrzeiten nicht bedient werden. Zusätzlich gibt es kurzfristige Zugausfälle. Das betrifft alle Regionen und nicht nur die kleineren Strecken. Im Dezember hat die Zahl der Zugausfälle noch einmal zugenommen. Ein Ende ist nicht in Sicht. Die Begründung der Deutschen Bahn variiert zwischen „unerwartet erhöhter Krankenstand“ und „Probleme bei der Personalverfügbarkeit“. Diese Begründung macht die Bahner:innen sauer, weil sie damit als Verantwortliche der miserablen Situation erscheinen, was sie nicht sind. Wenn es nicht soviel hemmungslos bahnverliebte Bahner:innen gäbe, die Überstunden ohne Ende schrubben, auf Pausen und freie Tage verzichten und zu unmenschlichen Zeiten die Schichten antreten, wäre längst alles zusammengebrochen.

Profit vor Pünktlichkeit…

Natürlich steckt hinter allem eine jahrzehntelange Politik. Mit Schaffung der Deutschen Bahn AG (DB) und dem Beginn der Privatisierungen im Bahnbereich 1994 ist Personalabbau oberste Direktive. Innerhalb von nur 7 Jahren sank die Zahl der Beschäftigten bei der DB um 35% von 331.000 auf 214.000 und schließlich auf die Hälfte. Gleichzeitig hielt „der Markt“ Einzug, was bedeutet, dass alles auf Gewinne getrimmt ist und im Bahnbereich immer mehr private Unternehmen auftreten, die gegenseitig in Konkurrenz stehen. Im Regionalverkehr vergeben die Bundesländer seitdem Strecken an Bahnkonzerne, die in einem Ausschreibungsverfahren für die Linien um die Wette bieten. Und da es bei der Technik wenig Unterschiede gibt, läuft alles über die Personalkosten. Jedes Bahnunternehmen versucht ständig, mit immer weniger Personal auszukommen. Langfristige Personalplanung und gute Ausbildung? Personalreserven? Vergiss es. Diese Ausschreibungen sind der Vorwand für immer mehr Ausbeutung.

Personalmangel besteht also schon lange bei den Lokführer:innen, den Fahrdienstleiter:innen in den Stellwerken, den Disponent:innen usw. Und das nicht nur bei der DB, sondern in allen Bahnunternehmen. Als im Sommer 2013 vier Fahrdienstleiter krank und drei im Urlaub waren, konnte wochenlang das Mainzer Stellwerk nicht besetzt werden und in einer zentralen Region vielen massenweise Züge aus. So ist das jetzt auch wieder. Alles ist eben auf Kante genäht. Aber es geht noch schlimmer: Rund die Hälfte der Leute geht beim DB-Konzern in den nächsten 10 Jahren in Rente; bei DB Netz (alles was mit Gleisen zu tun hat) könnten es sogar 86% sein!

Trotz alledem gibt es aus dem Bahnmanagement immer nur Jubel-Meldungen. Angeblich sogar Rekord-Einstellungen. Auch der „Wettbewerb“ im Bahnbereich geht immer weiter.

Aber vor Ort gibt es pausenlos „Bettel-SMS“, damit Leute an freien Tagen Schichten übernehmen. Angesichts der Zugausfälle „bot“ DB Regio den Bahner:innen im Herbst an, für ein kleines bisschen mehr Geld auf freie Tage zu verzichten. Das „Angebot“ kam genau zu einer Zeit steigender Krankenstände, der Rekordanträge für Teilzeit im Alter, den 9-Euro-Ticket-Ausnahmezustand noch in den Knochen … Man kann sich die Verärgerung in den Pausenräumen vorstellen. Um den Personalmangel in den Griff zu kriegen, wurde die Ausbildung der Lokführer und Fahrdienstleiter inzwischen für Quereinsteiger auf weniger als ein Jahr geschrumpft, was völlig unzureichend ist. Aber viele der Leute, die überhaupt die anspruchsvolle Ausbildung schaffen, gehen wieder. Angesichts der unmenschlichen Arbeitsbedingungen gibt es nicht viele, die sich das lange antun.

… oder Streik?

Auch langjährige Bahner:innen sind immer weniger bereit, sich das anzutun. In Berlin haben kürzlich Fahrdienstleiter:innen der Betriebszentralen der S-Bahn und DB Netz ihrem Ärger in Brandbriefen Luft gemacht und kürzere Arbeitszeiten und Schichten verlangt.

Im Bahnbereich beginnen demnächst Tarifverhandlungen. Und die Vorfreude, es den Bahnkonzernen mit einem schönen Streik heimzuzahlen, ist in allen Bereichen groß.

Sabine Müller, Berlin

Zum Weiterlesen:

Leserbrief aus Aurora Nr. 27 – Die Arbeit eines Lokführers bei der Deutschen Bahn https://www.sozialismus.click/leserbrief-die-arbeit-eines-lokfuehrers-bei-der-deutschen-bahn/

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