Leserbrief: Die Arbeit eines Lokführers bei der Deutschen Bahn

Ich arbeite seit fast 20 Jahren bei DB Regio und bin seit 13 Jahren Lokführer. Meiner Meinung nach hat sich in dieser Zeit nichts gebessert. Unsere Manager reden ständig nur davon, wie großartig später alles wird. Doch durch den „Fortschritt“ der Technik wurde unsere Arbeitsbelastung sogar noch erhöht. Jeden Tag haben wir wechselnde Arbeitszeiten bei viel zu langen Schichten. Die Digitalisierung „optimiert“ unsere Schichten und wir werden mit Weisungen und Programmen überschüttet, die in der Arbeitszeit nicht mehr abzuarbeiten sind. Vieles wird in die Freizeit verlagert. Dass die Programme oft nicht praxistauglich sind, interessiert scheinbar niemanden.

Unsere Arbeitszeit beginnt 4 Minuten vor der planmäßigen Abfahrt des Zuges und endet in der Minute, in der wir pünktlich am Bahnhof ankommen. In den zu knapp bemessenen 4 Minuten vor der ersten Zugfahrt müssen wir unser Tablet synchronisieren, die neuen Weisungen durchlesen und verstehen. Wenn wir verspätet zum Feierabend ankommen, müssen wir noch umständlich schriftliche Abweichungszettel schreiben, damit wir die zusätzliche Arbeitszeit auch angerechnet bekommen. Natürlich führt das dazu, dass viele Kolleg:innen bei geringeren Verspätungen auf den Extraaufwand und damit auf die Bezahlung verzichten.

Unsere Schichten haben meist keinen Platz für Verspätungen. Wenn ich verspätet ankomme, passt meine Pause oft nicht mehr rein und ich werde „gebeten“ ohne Pause weiterzufahren. Generell wird bei Unregelmäßigkeiten nicht an unsere Pausen gedacht. In der Praxis muss ich immer auf meine fehlende Pause hinweisen und das löst oft schlechte Stimmung bei den Leitstellen aus. Ich finde es schade, dass man da zu wenig als Team zusammenarbeitet! Dabei macht die Bahn intern immer Werbung, wie großartig alle zusammenhalten und wie schön es ist, Teil der „Eisenbahnerfamilie“ zu sein. Ich selbst schäme mich für die Arbeit, die wir abliefern! Der Job macht mir aber grundsätzlich Spaß.

Was mich sehr ärgert ist, dass unsere Probleme nicht angenommen werden! Kritik verläuft im Sande. Unsere direkten Führungskräfte sagen immer nur, dass sie doch nichts ändern können. Außerdem scheint sich keiner der höheren Führungskräfte mal die praktische Betriebssituation anzugucken. Wenn wir Nachrichten vom Management bekommen, scheint dort immer heile Welt zu sein. Die DB hat angeblich wieder schwarze Zahlen geschrieben – kaum zu glauben bei den vielen Problemen auf den Gleisen. Aber dank DB Schenker brummt der Laden. Hier regional fallen jedoch tageweise ganze Linien aus.

Bei Gesprächen mit Leitstellenmitarbeitenden hat sich herausgestellt, dass dort Burnout und Depressionen vorprogrammiert zu sein scheinen. Ich habe gehört, dass Kolleg:innen da schon mal in Tränen ausbrechen.

Die Personalnot führt auch zu Sicherheitsproblemen. Es gibt z. B. viel zu wenige Schulungen. Lerndefizite können nicht erkannt werden. Erst bei Unfällen wird mobilisiert und es entsteht durch die Öffentlichkeit ein Handlungsdruck. Praktische Weiterbildung am Zug gibt es nicht! Mit Störungen am Zug muss man allein klarkommen.

Die DB nimmt es hin, dass viele Vorschriften nicht eingehalten werden. Wenn die Mitarbeitenden besser geschult und auf die Einhaltung der Vorschriften bestehen würden, dann würde es nochmals eine Kostenexplosion geben. Arbeitende an der Basis sind dauerhaft überlastet. Durch Kosteneinsparungen befindet sich vieles in einem schlechten Zustand und ist störanfällig. Die vielen Störungen und Unregelmäßigkeiten treiben die überlasteten Arbeitenden in Fehler. Unsere komplizierten Regelwerke zeigen dann auf, dass der:die „kleine Mitarbeitende“ schuld ist.

Leider sehe ich kurzfristig und eigentlich auch langfristig keine Besserung. Es werden in Zukunft viele Mitarbeitende in den Ruhestand gehen. Ich glaube, dass für viele Berufsanfänger:innen die „Work-Life-Balance“ immer wichtiger wird und der Lokführerberuf daher unattraktiv ist.

Die DB steckt ihre Energie ständig in die Entwicklung von Zukunftsvisionen, aber eine realistische Umsetzung blieb bisher aus und letztendlich ging es immer weiter bergab.

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