
Heute, am Freitag, gab es überall in Italien Demonstrationen und Proteste. In 40 Städten waren es zehntausende Jugendliche, in Mailand ca. 5000, Bologna 1000, Florenz 2000…
Auch in Venedig-Mestre sind gut 700 Schüler*innen, einzelne Lehrer*innen und andere solidarische Menschen von der Piazza Donatori di Sangue zum Sitz der Città Metropolitana di Venezia und zuletzt zum besetzten „Laboratorio ecologico Pandora“ gezogen. Grund für die Proteste, die – lokal organisiert und z. T. mit unterschiedlichen Schwerpunkten – heute in ganz Italien stattfanden, sind die miserablen Zustände an Italiens Schulen.
„Il 70% dell’edilizia scolastica non è a norma“ [70 % der Schulgebäude entsprechen nicht den Vorschriften.]
Auf der Demonstration berichteten Schüler*innen verschiedener Schulen (I.T.I.S. Carlo Zuccante, I.I.S. Franchetti, Liceo Scientifico Ugo Morin aus Mestre, aber auch Liceo Artistico und Liceo Classico Marco Polo in der Altstadt von Venedig) von den Lernbedingungen: Der Zustand der Gebäude sei marode. Da viele Lehrer*innen nur befristete und schlecht bezahlte Verträge hätten, gebe es viele Lehrer*innenwechsel, sodass man sich oft an neue Lehrer*innen gewöhnen müsse. Zudem falle immer wieder lange Unterrichtszeit aus. Manche Redner*innen kritisierten auch die extreme finanzielle Belastung (nicht nur zu Beginn des Schuljahres) durch Büchergeld, Fahrkarten und Schulmaterialien in Höhe von über 300 Euro im Monat, was gerade für Familien aus der Arbeiter*innenklasse eine unglaubliche Belastung darstelle. Zudem wurde immer wieder gerufen, dass sich die Schüler*innen eine Schule wünschten, in der sie im Mittelpunkt stünden und man ihnen auch zuhöre, statt sie nur zu dressieren und ihre Meinung nur bei mündlichen Prüfungen gefragt sei.
„Gli unici stranieri sono i razzisti nelle scuole“ [Die einzigen Fremden sind die Rassist*innen an den Schulen.]
Ein weiterer Punkt war die Ablehnung des DDL 170. Dieses Dekret der italienischen Regierung („Decreto Scuola 2026“) enthält unter anderem eine Obergrenze von 30 % für „nichtitalienische Schüler*innen“ pro Klasse. Die demonstrierenden Schüler*innen haben zu Recht erkannt, dass es sich hierbei nicht um einen Akt der Sprachförderung (oder „Integration“) handelt, sondern um einen Versuch der rechtsextremen Regierung von Giorgia Meloni, die Schuld am elenden Zustand der Lernbedingungen an Italiens Schulen den „Ausländern“, also dem Teil der Schüler*innen, die es oft ohnehin schon besonders schwer in der Schule haben, in die Schuhe zu schieben. Statt besserer Förderung und der Einstellung von mehr Lehrkräften wird mit rassistischen Bildern abgelenkt. Sehr deutlich schallte es aus der Demo, dass sich die Schüler*innen nicht in „Fremde“ und „Einheimische“ spalten lassen wollen. „Die einzigen Fremden in der Schule sind die Faschisten“, hieß es zu Recht auf einem Demoplakat. Denn es seien die gleichen rechten Politiker*innen, die sowohl für die schlechten Zustände als auch für die rassistische Politik verantwortlich seien. Konkret wurden in Sprechchören Ministerpräsidentin Meloni und Schulminister Valditara angegangen („Valditara vaffanculo“ [Valditara, verpiss dich!]).
„Soldi alla scuola non alla guerra – Fanculo la guerra, fanculo la leva.“ [Geld für die Schulen, nicht für den Krieg – Scheiß auf den Krieg, scheiß auf die Wehrpflicht.]
In Mestre – wie in vielen anderen Städten auch – wurden aber auch politische Forderungen jenseits der Schule deutlich. „Tout l’Europe déteste la police“ [Ganz Europa hasst die Polizei] wurde auf Französisch gerufen, um die Solidarität mit den Schüler*innen in Frankreich (und neuerdings Belgien) deutlich zu machen, die bei ihren legitimen Protesten von den Bullen zum Teil brutal angegriffen und verhaftet werden. Auch wurde auf vielen der handgemalten Plakate und in Sprechchören klargemacht, dass die Schüler*innen den Zusammenhang zwischen dem fehlenden Geld in den Schulen und den Milliarden für die Aufrüstung klar sehen. Auch die Wehrpflicht, die in Italien zwar nicht konkret zur Diskussion steht, wird auf Plakaten abgelehnt.
Vor allem aber waren immer wieder palästinensische Fahnen zu sehen und einzelne Plakate, die deutlich machten, dass sich die Schüler*innen der Verbrechen der israelischen Armee und der Unterstützung durch die italienische (und andere westliche) Regierung sehr bewusst sind. Um an das Blutvergießen in Gaza zu erinnern, wurde die lokale Schulbehörde im Rahmen der Kundgebung symbolisch mit roten Farbspritzern versehen, die nun leuchtend an der Fassade zurückbleiben. Statt sie zu putzen, sollte man sie vielleicht als Beitrag der revoltierenden Jugend zur gegenwärtig laufenden Kunstbiennale in Venedig und als dauernde Mahnung gegen den Genozid erhalten bleiben lassen.
Beeindruckend waren die vielen selbstgemachten Plakate und die große Stabilität der Demo. Auch wenn Schüler*innendemos gerne als „Schwänzerei“ abgetan werden, fiel auf, dass kaum ein*e Teilnehmer*in die Demo vorzeitig verließ und die Demo geschlossen an ihrem Ziel, dem „Laboratorio Pandora“, einem besetzten Haus, ankam. Am späteren Nachmittag soll noch eine Versammlung für Schüler*innen, Lehrer*innen, Erziehungsberechtigte und alle anderen Einwohner*innen stattfinden, in der Folgewoche außerdem ein weiteres Treffen von Schüler*innen, um weitere Proteste zu planen.
Giacomo Pape, Venedig, 16. Oktober 2026







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