
Nach der „Kakerlaken“-Bewegung in Indien und gleichzeitig zur Bewegung in Chile sind seit zwei Wochen die Schüler:innen Frankreichs auf der Straße und wehren sich gegen ein marodes Schulsystem sowie soziale Kürzungen. Während die bürgerliche Presse gegen die „Randalierer“ hetzt, entsteht eine Jugendbewegung, die ihre eigene Zukunft in die Hand nimmt.
Rund um den 23. und 24. September begannen Schüler:innen in den Pariser Vororten (welche oft soziale Brennpunkte sind), ihre Schulen im Protest gegen die maroden Gebäude, fehlende Investitionen und Rassismus zu besetzen. In kurzer Zeit weitete sich die Bewegung landesweit aus, sowohl auf Eliteschulen, als auch auf viele (Berufs)schulen aus Arbeiter:innenvierteln. Dabei ist die immense Polizeigewalt, die ein selten dagewesenes Ausmaß erreichte, zu einem Katalysator der Bewegung geworden, die längst nicht mehr nur einzelne Forderungen stellt. Sie ist ein Ausdruck davon, dass die Jugend die kapitalistische Gesellschaft satt hat! Auch die Ablehnung der Militarisierung und des Rechtsrucks bewegen die Schüler:innen, die zuvor oft keine politischen Erfahrungen hatten.
Die Repressionen gegen die Bewegung sind dabei enorm (noch stärker als bei den Gelbwesten 2018/2019!): Über 5000 Festnahmen, Gummigeschosse, die direkt ins Gesicht geschossen werden und der Einsatz von Tränengasgranaten sind nur einige Beispiele aus dem Arsenal der Polizei, die den Kampf gegen die Jugendlichen mit aller Härte führt. Zugleich wurden die Schulen von den Schulleiter:innen geschlossen und Kundgebungen wurden verboten. All diese Maßnahmen richten sich gegen eine Bewegung, die sich noch erweitern könnte und versuchen deshalb, die Schüler:innen einzuschüchtern. Die Hetze in den Medien über die „Gewalt“ der Bewegung ist ein weiterer Versuch, die (klein)bürgerlichen Schulen und Vorortschulen der Arbeiter:innenklasse gegeneinander aufzuspielen. Aber Fakt ist, dass das alles die Bewegung nicht schwächt, selbst Onlinekurse werden erfolgreich blockiert – oft durch solidarische Lehrer:innen, die sich weigern, zu unterrichten. Und die Studierenden der Unistädte schließen sich der Bewegung an. Auch Eltern sowie Basisgewerkschafter:innen sind solidarisch und bilden z. B. Menschenketten, um ihre Kinder und Schüler:innen vor der Polizei zu schützen.
Verhandlungstisch oder Selbstorganisation?
Da die Repression nicht ausreicht um die Bewegung zu „besänftigen“, versucht sich Macron im „sozialen“ Gespräch, welches er am 2. Oktober ausrief. Zugleich will die Regierung noch keine Zugeständnisse machen. Einziges Angebot ist das lose Versprechen von 3.000 „Vertretungslehrer:innen”, damit die Schüler:innen an den Verhandlungstisch kommen. Manche Schüler:innengewerkschaften, die der französischen Linkspartei “La France Insoumise” (LFI) nahestehen, richten sich nach dieser Perspektive, doch die Mehrheit der Bewegung ist nicht Teil von bestehenden Organisationen. Doch genau diese Organisation der Basis ist notwendig, um sich gegen solche Fallen zu behaupten. Erste Schritte dahin sind die Vollversammlungen der Schüler:innen und lokale wie bundesweite Koordinierung.
Oktober 26, neuer Mai 68?
Ein Großteil der Bewegung fragt sich, wie sie den Druck auf die Regierung ausweiten kann und will dafür zusammen mit den Arbeiter:innen auf die Straße gehen. Denn die anstehenden Kürzungen betreffen alle Bereiche der Gesellschaft. Dabei erwies sich die Gewerkschaftsbürokratie nicht als ein verlässlicher Partner des Protests, denn sie versucht sich von den „gewalttätigen“ Protesten abzugrenzen und will nach einem ersten Aktionstag am 6.10 einen wirklichen Streiktag erst am 5.11. (!) ausrufen! Genauso wie die Schüler:innen und Studierenden müssen sich die Arbeiter:innen an der Basis selbst organisieren. In einigen Bereichen wie in den Krankenhäusern und beim Pflegepersonal gibt es den Versuch, sich in der Bewegung zu verankern. Zugleich gibt es für den 17.10. einen solidarischen Demoaufruf, der aus der Bewegung der “Gelbwesten” kommt. Mehr denn je müssen sich die Kämpfe verbinden, um erfolgreich zu sein!
Eva Ruth, Hamburg Stand: 10. 10. 2026
Zum Weiterlesen:

One Reply to “Frankreich: Der Aufstand der Schüler:innen weitet sich aus”