USA: Streiks breiten sich landesweit aus

Nach Jahrzehnten mit wenigen Streiks kam es in diesem Herbst zu einer Welle kleiner Streiks, verteilt über die gesamten Vereinigten Staaten. Aus den vergangenen Wochen sind manche besonders hervorzuheben: 1400 Arbeiter:innen bei Kellogg’s im mittleren Westen; 2000 Mitarbeiter:innen eines Telekommunikationsunternehmens in Kalifornien sind seit zwei Wochen im Streik; 35.000 Krankenpfleger:innen und Beschäftigte im Gesundheitswesens haben gerade einen Streik in der Krankenhauskette Kaiser-Permanente beschlossen; 2000 weitere Krankenpfleger:innen und Beschäftigte des Gesundheitswesens streiken in Buffalo. Und 10.000 Arbeiter:innen bei John Deere (Landwirtschaftsmaschinen) in Iowa, Illinois und Kansas haben gerade erst begonnen zu streiken. So ist 2021 mit schon einigen kleineren Streiks in den vergangenen Monaten eines der aktivsten Streik-Jahre der letzten Jahrzehnte.

Die Gründe für diese vielen Streiks sind verschieden. So macht es die Inflation schwerer, über die Runden zu kommen. „Systemrelevante“ Arbeiter:innen haben keine Lust mehr, gezwungen zu sein, unter den Bedingungen der Pandemie zu arbeiten – ohne Aussicht auf Besserung. Die Löhne sind nicht an die seit Jahr­zehnten ansteigenden Lebenshaltungs­kosten angepasst. Unterbesetzung er­höht den Druck, führt zu Burnouts und zermürbt.

Schlussendlich hat die Pandemie auch dazu geführt, dass Millionen Men­schen sich ihrer Lebenssituation be­wusst werden und nicht mehr ihre körperliche Unversehrtheit für einen Hungerlohn aufs Spiel setzen wollen. Und natürlich gibt es immer Gründe, zu streiken: die täglichen Demütigungen und Herabsetzung, die die Bosse auf die Arbeiter:innen ausüben. Auch ohne Streiks finden Unternehmen, aufgrund der Pandemie, nur schwer aus­reichend Menschen, um die freien Arbeitsplätze zu besetzen. Es gibt fünf Millionen weniger Angestellte als vor zwei Jahren. Unter diesen Bedingungen realisieren Arbeiter:innen zum ersten Mal seit Jahr­zehnten, dass sie tat­sächlich das Sagen haben.

Nach Jahrzehnten, in denen die Beschäf­tigung zurückging, nach unternehmens­freundlicher Politik und einem Rekord­hoch an Profiten, sehen die Arbeiter:innen eine Möglichkeit, sich zu wehren und sie haben genug Gründe dazu.

Obwohl es in den Gewerkschaften immer noch bürokratische Funktionär:innen gibt, die verhindern wollen, dass durch Streiks der Status quo ins Wanken gebracht wird, steigt der Druck, durch die Arbeiter:innen, den Kampf auch zu führen. Sogar immer mehr nicht gewerkschaftlich organisierte Arbeiter:innen (z.B. Amazon, Starbucks, u.a.) sprechen darüber, eine Gewerk­schaft zu gründen oder tun dies sogar. All das sind Zeichen, dass die Arbeiter:innen es satt haben, dass sie be­ginnen, sich als Klasse wahrzunehmen, die sich organisieren muss, um sich zu verteidigen.

Obwohl diese Streikwelle viel Auf­merksamkeit bekommt, so ist doch noch Luft nach oben, schaut man sich die letzten hundert Jahre an. Sie hat noch nicht die Kraft erreicht, die die Streiks der Lehrer:innen 2018/2019 erreichte. Auch nicht die der wilden Streiks von Millionen Angestellten des öffentlichen Diensts in den 1970ern. Sicherlich auch nicht das Niveau der Streiks von 6 Millionen Arbeiter:innen, die 1946 streikten: dem Jahr mit den meisten Streiks in der Geschichte der Vereinigten Staaten.

Nach jedoch über dreißig Jahren nahezu ohne Streiks und annähernd siebzig Jahren kontinuierlichem Rückgang der Erwerbstätigkeit, ist diese kleine Streik­welle ein Zeichen der Hoffnung für die Arbeiter:innen in den USA. Wie einer der Arbeiter vor Beginn des Streiks bei John Deere sagte: „Shit’s about to get real“ („Jetzt wird’s richtig ernst“)

Wie ernst es wird, muss man noch sehen. Aber es ist keine Frage, dass die Arbeiter:innenklasse — ausgenutzt, ausge­beutet und zurückgelassen seit Jahr­zehnten — beginnt, sich aufzulehnen und sich zu wehren. Und so einen Vorge­schmack darauf bekommt, welche Macht sie hat. Und wenn die Arbeiter:innen ihr Potenzial erkennen, erkennen sie vielleicht auch die Notwen­digkeit, weiterzugehen und nicht nur ihren Boss, sondern das ganze System herauszufordern.

Maria Brücke, Berlin

Übersetzung von SON: https://speakoutsocialists.org/strikes-spread-nationwide-a-sign-of-the-future/

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