They love striking

Lieferando, Wolt, Uber Eats, Gorillas… Wer hat sie noch nicht gesehen in Berlin? Mit großen bunten Rucksäcken und Fahrrad, mittags oder spät am Abend, liefern sie fertige Gerichte oder Lebensmittel aus.

Das Berliner Unternehmen Gorillas ist ein Beispiel der „Plattformökonomie“, die auf der online-Vermittlung von Auf­trägen über sogenannte Plattformen be­ruht. Diejenigen, die sich aufs Fahrrad schwingen heißen „riders“. Im Betrieb wird nämlich ausschließlich Englisch gesprochen. Die jungen Arbeiter:innen stammen aus der ganzen Welt (Südeuropa, Lateinamerika …) und freuen sich, eine gemeinsame Sprache zu teilen und auch eine besondere Kultur…

Als im Juni ein Rider fristlos entlassen wurde, traten 100 von ihnen in den Streik! Gruppen von Ridern sammelten sich vor den Warenlagern, und schon ging‘s los! In der Probezeit kann Gorillas jederzeit ohne Angabe von Gründen ent­lassen und für befristete Verträge von einem Jahr dauert die Probezeit trotz alledem 6 Monate.

Ein paar Wochen später, nachdem Un­wetter zu mehreren Unfällen geführt hatten, organisierten sie einen neuen Streik, um vom Unternehmen korrekte Regenjacken zu fordern. Der Streik ver­breitete sich in mehreren Lagern in Berlin und wurde zum Erfolg! Die Rider bekommen ihre Arbeitsanweisungen per Handy: So sind sie auch schnell dabei, sich online zu organisieren. Der Werbe­spruch von Gorillas, die Ware werde innerhalb von 10 Minuten geliefert, wurde von den Ridern zu: „Wir organisieren uns in weniger als 10 Minuten!“

Damit hatten die Profitgeier wohl nicht gerechnet, die innerhalb von wenigen Monaten Hunderte Millionen in Gorillas investiert haben. Die Investoren, die das im letzten Jahr gegründete Gorillas so auf einen Marktwert von mehr als einer Milliarde Dollar gebracht haben, schielen auf die Gewinne von Amazon, Google oder anderer großer online-Plattformen: Es wird massiv Risiko­kapital ins Unternehmen gepumpt, in der Hoffnung, dass es schnell genug wächst und eine Monopolstellung unter den Internet-Anbietern erreicht. Dann kann irgendwann auch mal Gewinn er­wirtschaftet werden…

Daher öffnet Gorillas zurzeit weitere Lager in Berlin. Überall werden Dutzende Fahrräder auf dem Gehweg ge­parkt, so dass ein Berliner Bezirk schon Bußgelder gegen die gewerbliche Nut­zung des Bürgersteigs erheben will.

Der ewige Traum aller Börsen­spekulant:innen war schon immer, als Vermittler zu wirken und nur eine Soft­ware zu betreiben, ohne jegliche materielle Investition machen zu müssen. Das hat schon vor 20 Jahren zur „New-Economy-Blase“ und einem Börsenkrach geführt. Das Problem ist, dass die eigentliche Arbeit – die Lieferung – immer von realen Menschen geleistet wird …

They love cycling?

Wenn sie um 22 Uhr einem Allein­erziehenden Windeln liefern, haben die Rider zu Recht das Gefühl, eine nützliche Rolle in der Gesellschaft zu er­füllen. Doch die Bedingungen, unter denen sie das tun, sind denkbar undank­bar. Daher haben die Rider, die den Job oft neben einem Studium oder nur über­gangsweise machen, schnell den Klassenkampf gelernt: Zum Beispiel die Notwendigkeit, den Chefs den Zugang zu einer Vollversammlung zu verweigern, wenn man sich organisieren will. Die FAU (Freie Arbeiter:innen Union) hat bis jetzt juristische und organisatorische Unterstützung geleistet, aber ein „Gorillas worker’s collective“ hat sich auch selbst organisiert. Befristete Verträge, Probezeiten, Schummeleien bei der Abrechnung, das Handy als Arbeits­mittel, das aber nicht vom Unternehmen bezahlt wird und ein fehlender Tarif­vertrag sind einige der Probleme, die sie in einem Forderungskatalog angehen wollen.

Die Werbung von Gorillas präsentiert Rider, die gerne Fahrrrad fahren. But they love striking too …

Mehr über einen anderen Kampf von Lieferant:innen in Nantes in unserem podcast: https://open.spotify.com/episode/3WXE4DQWcQIHmxu2RhYeEj?si=CBqd-9u0Qzmj6RVBtZLLNQ&dl_branch=1

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