Scheiß auf Selflove – aber wie gewinnen wir den Klassenkampf?

Eine neue Kapitalismuskritik“ hat es – kaum erschienen – in die SPIEGEL-Bestsellerliste geschafft. Das Buch des Kabarettisten und Podcasters Jean-Phillippe Kindler trägt dabei den provokanten Titel „Scheiß auf Selflove, gib mir Klassenkampf“. Was hat es damit auf sich?

Vorneweg: das Büchlein ist ein ehrlicher Versuch auf Fragen linker Politik zu antworten. Das allein macht es lesenswert. Wo Wagenknecht populistisch versucht, die Interessenvertretung der „kleinen Leute“ gegen die „Lifestyle-Linke“ auszuspielen, fragt sich Kindler, wie beides zusammengebracht werden kann: Ein antidiskriminierender und achtsamer Umgang mit Mitmenschen (insbesondere Genoss:innen) und eine Repolitisierung der Linken und des Kampfes um ein gutes Leben. 

Denn die neoliberale Ideologie des „Individualismus“ habe es vermocht gesellschaftliche Fragen zu entpolitisieren. Der liberale Glaubensgrundsatz es gäbe keine „Gesellschaft“ nur (einzelne) Menschen und deren „Eigenverantwortung“ habe ideologisch zu einer „Entpolitisierung“ geführt – Probleme wie „toxische Männlichkeit“, „Unglück“ und Klimawandel, seien nicht politisch, sondern nur durch das Verhalten des Einzelnen lösbar. Und dieser Einzelne müsse durch Arbeit an sich selbst stets besser, gesünder und glücklich werden. Armut, Sexismus oder die Klimakrise werden auch in linksliberalen (und linken) Kreisen oft individualisiert.  Das führe vor allem bei jüngeren Aktivist:innen zu einem Druck der „moralischen Tugend“ und dazu, dass durch einen individualisierten Umgang mit Empfindungen kollektive oder politische Auseinandersetzungen verhindert werden.

Was vordergründig wie ein politisches Bewusstsein der Jugend wirke, wie antirassistische Posts auf Instagram oder der achtsame Verzicht auf Fleischkonsum, sei in Wirklichkeit neoliberale Selbstoptimierung „auf links“.

Und doch ist das Buch kein „Woke-Bashing“ also ein Einschlagen auf Aktivist:innen, die sich um psychisches Wohlbefinden („mental health“) oder eine gendergerechte Sprache bemühen. Fast zu oft betont Kindler, dass er niemandem vorwerfen möchte, dies zu tun. Stattdessen geht es ihm darum, den Kampf gegen Armut und Klimawandel, für „Glück“ und das „gute Leben“ zu repolitisieren. Hier kommt der „Klassenkampf“ ins Spiel, der Appell, außerhalb des eigenen „Wohlbefindens“ die große Masse der Menschen anzusprechen und die Gemeinsamkeiten zu finden. Solange Armut als individuelles Problem betrachtet wird und Menschen, die selbst nur etwas mehr als nichts haben, Bürgergeldempfänger:innen „mangelnden Leistungswillen“ unterstellen, haben Linke in ihrem Kernthema wenig erreicht. Hier gelte es Bündnisse zu bauen zwischen den verschiedenen „prekären“ Gruppen von Bürgergeldempfänger:innen über Studierende bis zu Beschäftigten. Auch dürften Linke die Antwort auf die Klimakrise nicht in Verzichtsaufforderungen der Reiche(re)n suchen („Waschlappen statt warmer Dusche“).

Die Schwächen des Buches

Bei aller brillanten Kritik an einer „Demokratie“, die den Wähler:innen keine Alternativen lässt, bleibt doch unklar, ob Kindler nun die bürgerliche Demokratie überwinden oder nur „repolitisieren“ und damit „reparieren“ möchte. Statt der Individualisierung der Klimakrise möchte er ein radikales CO2-Budget vor allem auch für Reiche und Konzerne. Aber wer soll das durchsetzen? Die bürgerliche „Demokratie“, die er für ihre Alternativlosigkeit kritisiert? Die „neue Kapitalismuskritik“ ist so neu nicht … So viele kluge Beobachtungen und Kritik am neoliberalen Bewusstsein das Buch auch hat: Die wichtigsten Antworten bleibt es schuldig. Wie ist denn der „Klassenkampf“ (der Autor bleibt trotz aller sprachlichen Marxismen hier sehr vage) zu organisieren? Wie können denn die jungen „woken“ Aktivist:innen Bündnisse mit der Arbeiter:innenklasse bauen?

Trotzdem lohnt es sich, das Büchlein zu lesen. Weil es davon ausgehend Freude macht über die Fragen zu diskutieren. Sei es mit dem Autoren selbst oder mit uns!

Jakob Erpel, Düsseldorf

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