
Wir sind überzeugt, das eine erfolgreiche Revolution von der Arbeiter*innenklasse getragen wird. Doch das Bild der diversen Dienstleistungsgesellschaft, die nur noch Schichten und Milieus kennt, ist weit verbreitet – gibt es die Arbeiter*innenklasse also überhaupt noch?
Der Kapitalismus produziert einen unglaublichen Reichtum: das globale BIP hat sich seit 1980 fast verachtfacht. Doch dieser Reichtum ist höcht ungleich verteilt wie eine Oxfam-Studie zeigt: Die Vermögen der Milliardäre steigen, während die der ärmerer Hälfte der Welt schrumpfen. Die Tendenz der steigenden Ungleichheit gilt auch für Deutschland. Jedes fünfte Kind ist hierzulande arm.
Das Versprechen des Wohlstands für alle „ist eine Lüge“. Der Reichtum der Wenigen basiert auf der Ausbeutung der breiten Masse. Der Amazon-Chef und reichste Mensch der Welt Jeff Bezos baut sein Vermögen auf den Niedriglöhnen seiner Arbeiter*innen auf, nicht auf seiner eigenen „harten Arbeit“.
Konzerne sind streng durchgeplante Profitmaximierungsmaschinen. Auch ohne zusätzlich Gier der Kapitalist*innen müssen die Produktionskosten aufgrund der ständigen Konkurrenz des freien Marktes möglichst gering sein. Die menschliche Arbeitskraft ist für ein Unternehmen dabei nur eine weitere Zahl auf der Kostenseite. Je niedriger die Löhne, desto besser also – im Gegensatz zu den Arbeitenden: Sie haben das Interesse nach möglichst guten Arbeitsbedingungen und hohen Löhnen. Das macht die beiden zu Klassenantagonisten und den Kapitalismus zur Klassengesellschaft.
Der Großteil der Bevölkerung hat nicht die Mittel in Unternehmungen zu investieren und Andere für sich arbeiten zu lassen, sondern muss seine Arbeitskraft und letztlich sich selbst auf dem Arbeitsmarkt verkaufen. Dabei wird er von den Wellen der Weltwirtschaft herumgewirbelt. Das ist die Arbeiter*innenklasse und ihr prekäres Schicksal.
In Deutschland ist sie heute groß wie nie. Laut der Bundesagentur für Arbeit sind zur Zeit knapp 75% der Erwerbstätigen sozialversicherungs-pflichtig, also lohnabhängig. Darunter fallen gegebenenfalls auch Manager*innen und die gutbezahlte Oberschicht – auf der anderen Seite gibt es aber wiederum scheinselbstständige Lieferando-/Uber-Fahrer*innen die formal nicht lohnabhängig, praktisch aber doch sehr prekär beschäftigt sind. Mit den großen Fabriken ist die Arbeiter*innenklasse nicht verschwunden. Deutschland erlebt zwar schon länger eine Deindustrialisierung (diese Industrie wird nicht abgeschafft, sondern in Staaten mit billigeren Produktionsbedingungen verlegt) – doch sind Dienstleistende die z.B. im Supermarkt arbeiten, nicht als Arbeiter*innen einzustufen? Aus gleichem Grund gibt es heute weniger zentralisierte Großbetriebe als noch vor 50 Jahren, diese Tatsache wird aber verzerrt durch die oftmals vollzogenen Auslagerungen von Arbeitsbereichen eines großen Konzerns in verschiedene Subunternehmen.

Gleichzeitig werden immer mehr Teile der ehemaligen Staatsbetriebe und des Öffentlichen Dienstes privatisiert und so in Warenform auf Effizienz getrimmt und Marktgesetzen unterworfen.
Vor allem mit einem internationalen Blick wird das Bild klarer. Der Kapitalismus wird durch seine Wachstumstendenz immer globaler und dort, wo er Fuß setzt, wächst auch die Arbeiter*innenklasse rapide: Fabriken entstehen, ehemalig Selbstversorgende müssen nun ihre Arbeitskraft verkaufen, die Städte wachsen. Im aufstrebenden Indien und China gibt es Milliarden von Arbeitenden. Erst Anfang des Jahres streikten in Indien branchenübergreifend 150 Millionen Menschen gegen die Regierungspolitik. Dass diese Massenproletarisierung nicht zu der Lösung der Weltarmut führt, ist klar. Doch es bietet Chancen im Kampf gegen das kapitalistische System der Ausbeutung.
Die Arbeitenden stehen ihrer Ausbeutung meist individuell und ohnmächtig gegenüber. Doch wenn es ihnen gelingt, sich kollektiv organisiert für etwas einzusetzen, dann haben sie eine unglaubliche Macht. Sie sind der Motor der Produktion: Legen sie ihre Arbeit nieder, dann streicht das auch die Profite der Kapitalist*innen. Ein konsequenter Streik kann also starken ökonomischen Druck ausüben, der hilft, manche Forderung durchzusetzen. Dadurch ist er wichtiger Bestandteil des tagtäglichen Arbeitskampf aber auch jeder revolutionären Erhebung.
Anlass für Aufstand gibt es heutzutage viel. Die bürgerlichen Regierungen betreiben weiterhin Sozialabbau und bauen den Niedriglohnsektor aus, der Kapitalismus findet keine Antwort auf die Klimakatastrophe und struktureller Rassismus plagt große Teile der Arbeitenden.
Nur beharrliche Kämpfe auf der Straße und in den Betrieben können dem etwas entgegensetzen. Die Klimakatastrophe, ein Produkt der Irrationalität des Marktes, darf nicht gegen die Arbeitenden, die auch unter dem Rad des kapitalistischen Systems leiden, ausgespielt werden. Der Rassismus, ausgelöst durch den kolonialen Imperialismus, spaltet Arbeiter*innen, die eigentlich die gleichen Interessen haben. Diese Probleme können nur durch die Überwindung der korrupten Produktionsweise und ökonomischen Ungleichheit des Kapitalismus gelöst werden.
Die Arbeiter*innenklasse muss die gesellschaftliche Produktion selbst in die Hand nehmen. Die Profiteur*innen sind für die Organisation der Arbeit nicht notwendig, sondern hindern den Aufbau einer gerechten, demokratischen und freien Gesellschaft. Die Lohnabhängigen der Welt stehen überall vor ähnlichen Problemen; sie bilden eine globale Klasse und können ihren Kampf letztlich nur zusammen gewinnen. Sie sind nicht nur die Fabrikarbeiter*innen der Sowjet-Propaganda, sondern auch die Lieferando-Fahrer*innen.
Darüber hinaus gehören zur Arbeiter*innenklasse auch die unentgeldlich Arbeitenden (meist Frauen*!), die Erwerbslosen oder die illegalisierten Arbeiter*innen. Politisch unterstützt werden die Arbeitenden auch von Teilen des klein– und bildungsbürgerlichen Umfelds, dass sich konsequent gegen den Kapitalismus und für die Arbeiter*innenklasse einsetzt.
Und es braucht sie alle für eine Revolution. Die ist aber ein Thema für ein anderes Mal.
