Wutausbruch bei der französischen Bahn

Am Freitag, den 18. Oktober standen die Züge in Frankreich plötzlich still: mehr als 60% fielen aus, in einigen Regionen fuhr nicht ein einziger Zug. Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten: vom Premierminister bis zum Chef der SNCF (der französischen Bahngesellschaft) klagten alle um die Wette über einen „wilden“, „illegalen“ Streik; einen „Überraschungsstreik“, als hätten die BahnerInnen alles hinterrücks geplant, um die Fahrgäste zu überrumpeln.

Der Auslöser dieser Bewegung war ein Unfall auf einer Regionallinie. Zwei Tage zuvor war ein Zug frontal mit einem LKW- Sonderkonvoi zusammengestoßen, an einem der zahlreichen, aus Kostengründen schlecht gesicherten Bahnübergänge, wo es immer wieder zu Unfällen kommt. Der verletzte Lokführer musste alleine 1,5 km an den Bahngleisen entlanglaufen, um die Sicherheitsprozedur einzuleiten und Schlimmeres zu verhindern. Währenddessen blieben die Passagiere (darunter 11 Verletzte) ohne Durchsage im Zug eingeschlossen. Denn um Kosten zu sparen lässt seit einiger Zeit die SNCF viele Regionalzüge ohne ZugbegleiterInnen fahren.

Dagegen wurde bereits lokal gestreikt, doch diesmal war die Antwort frankreichweit … und massiv! Zunächst spontan, dann ermuntert durch einige Gewerkschaften beschlossen die BahnerInnen, ihr Rücktrittsrecht einzufordern, welches bei Sicherheitsbedenken erlaubt, seine Arbeit nicht anzutreten (was jedoch rechtlich nicht mit Forderungen verbunden sein darf)1. Denn um zu streiken, müssen sich die BahnerInnen seit einigen Jahren zwei Tage im Voraus melden, was spontane Arbeitsniederlegungen unmöglich macht … oder machen soll. Denn wie die BahnerInnen gezeigt haben, ist alles letzten Endes eine Frage des Kräfteverhältnisses, und nicht von Streikrechtsparagraphen!

Nach dem Wochenende und einem überraschend starken Streik (da die Bahn häufig Führungskräfte als Streikbrecher einsetzt kann man von mehr als 60% Streikenden ausgehen) haben die Gewerkschaften jedoch wieder zur Arbeit aufgerufen, und den „wirklichen Streik“ auf den 5.12. verschoben, an dem bereits mehrere Gewerkschaften und Branchen gegen die Rentenreform streiken.
In den meisten Orten hat es jedoch noch einige Tage gedauert, und andernorts sind neue Arbeitsniederlegungen wegen ähnlicher Probleme ausgebrochen. In der Champagne, wo der Unfall geschah, fuhr am Montag, den 21.10 immer noch kein einziger Regionalzug!

Die konkreten Ergebnisse wird man nun wahrscheinlich in lokalen Verhandlungen sehen. Doch vor allem haben die BahnerInnen gezeigt, dass man sich den Angriffen der KapitalistInnen nicht wehrlos ergeben muss!

Und man sieht bereits die Auswirkungen auf die Kampfmoral: In drei Instandhaltungswerken sind in der Woche darauf erneut wilde Streiks für Gehaltserhöhungen ausgebrochen, die der SNCF noch einmal zu schaffen gemacht haben!

Dies ist nun bereits der zweite größere Warnschuss für Macron und seine geplante Rentenreform2 nach dem überraschend starken Streik im Pariser ÖPNV am 13.09., der die Stadt komplett lahmgelegt hatte. Es lässt uns somit hoffen, dass der Ärger sich zu einer gemeinsamen Bewegung der Arbeitenden gegen diese Reform entwickelt.

Auch in Deutschland und Österreich klagen die Arbeitenden über mangelnde ZugbegleiterInnen und fehlende Aufsichten bei Regionalzügen, oder z.B. in der Berliner S-Bahn. Denn das Prinzip ist immer das gleiche, gerade bei (Teil-)Privatisierungen und Verbetriebswirtschaftlichung der Bahn: die profitablen Bereiche werden meistbietend versteigert oder ausgelagert. Alles was hingegen unerlässlich für die Sicherheit von Arbeitenden wie Fahrgästen ist, aber weniger lukrativ ist und mehr Investitionen benötigt, wird vernachlässigt … oder im Notfall durch unser Steuergeld nachfinanziert. In Frankreich hat sich der Ärger nun Luft verschaffen: über den Unfall, aber auch über die konstanten Angriffe auf Gehälter, Arbeitsbedingungen und Renten.

Die richtige Antwort darauf haben die BahnerInnen in Frankreich gezeigt: hier wie dort werden die KapitalistInnen nur dann etwas ändern, selbst bei den elementarsten Sicherheits- und Arbeitsbedingungen, wenn wir sie bei ihrem Portemonnaie packen und daran erinnern, dass ohne die BahnerInnen die Züge still stehen!

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