Frankreich: Unsere Wut ist immer noch da!

Am Morgen des 16. Januar auf dem Pleyel-Busbahnhof in Saint-Denis: 200 Streikende und Unterstützer mit den Mitarbeitern des Krankenhauses von Saint-Denis

Eine Übersetzung der Vorderseite der Betriebsflugblätter unserer französischen Gruppe L‘ Étincelle vom 20. Januar 2020:

45 Tage lang wurde in der SNCF und im Pariser Verkehrsbetrieb RATP massiv gestreikt – es gab mehr als 90% Streikende bei den U-Bahnfahrern. Der Streik hielt auβerordentlich lange durch. Zwar ist momentan die Ermüdung spürbar ; Die Ausweitung der Streikbewegung lässt auf sich warten und stockt. Aber die Regierung ist noch weit davon entfernt, gesiegt zu haben !

Nichts ist geregelt

Die Bevölkerung ist gegen die geplante, auf einem Punktesystem basierende Rentenreform. Sie hat immer wieder den Streik unterstützt und gibt bei den Streikkassen Geld, um die Streikenden zu unterstützen. Es ist den Lohnabhängigen klar, dass dieses angeblich egalitäre und universelle Rentensystem schon wieder ein neuer Trick ist, um Geld aus uns herauszuholen und morgen unsere Renten zu kürzen. Politisch ist die Regierung total diskreditiert : Um den Unmut der jeweiligen Berufsgruppen zu entschärfen, hat sie viele Ausnahmeregelungen getroffen. Dabei hat sie uns in der Meinung bestärkt, dass die auf einem Punktesystem basierende Rentenreform katastrophal für die Mehrzahl der betroffenen Lohnabhängigen wäre. Als letztes Mittel gegen die Wut der Protestierenden hat sie nur ihre Polizei. Während der Massendemonstrationen, die seit dem Monat Dezember stattfanden, wurde die Polizei gewaltsam : Systematisch. Ergebnis : Die Entschlossenheit der Streikenden nahm noch zu. Sie rufen zur Blockade von U-Bahnlinien auf und zu Versammlungen vor Polizeidienststellen, wo ihre Kollegen festgehalten waren.

Das ist noch nicht der Generalstreik… aber die Wut ist allgemein !

Die Wut ist weiterhin sichtbar und massiv : Sie betrifft so viele Berufsgruppen, dass man sie alle nur schwer aufzählen kann. Die Rechtsanwälte haben ihre Robe auf dem Boden weggeworfen. Die Beschäftigten des Krankenhauses Saint-Louis machten genauso : Bei den feierlichen Wünschen der Krankenhausleitung warfen sie ihre Arbeitsbluse auf den Boden. Die Professoren werfen ihre Helfte vor dem Eingang zur Sorbonne weg und die Abteilungschefs der öffentlichen Krankenhäuser schmeiβen das Handtuch : Sie legen ihre Verwaltungsfunktionen nieder, weil sie denken, es fehle ihnen an Mitteln, um ihre Patienten menschenwürdig zu pflegen.

Zur Zeit wäre es wohl möglich, dass die Lehrerschaft den Kampf fortsetzt : Mit der Blockade der Gymnasien, wo die neuen vom Erziehungsmminister Blanquer ins Leben gerufenen Abiturprüfungen (die E3C) stattfinden. Diese Prüfungen in Form von fortwährenden Kontrollen, die stattfinden sollen, ohne dass die LehrerInnen und die Gymnasiasten von ihrem Inhalt Kenntnis nehmen und sich darauf vorbereiten konnten, sind das Symbol für das Abitur von Blanquer : Ein Abitur von Ungleichheiten geprägt, das auf jedem Gymnasium organisiert oder besser gesagt desorganisiert wird, ganz ohne nationalen Charakter. Es zeigt wie sehr die Regierung die Bevölkerung und ihre Kinder, unsere Kinder, geringschätzt.

Macron und seine Regierung sind die Probleme noch lange nicht los

In diesem Zusammenhang wurden in den letzten Tagen viele Aktionen gestartet zum Beweis, dass es mit der Protestbewegung weitergeht : Als die Beschäftigten von Le Louvre den Zugang zum Museum blockierten, sprangen andere Streikende ihnen bei. Die streikenden Musiker der Pariser Oper gaben ein freies Konzert vor einem Publikum aus vielen anderen Berufsgruppen, die gegen die Rentenreform mobilisiert waren. Und Macron wurde sein Theaterbesuch verpfuscht, nachdem die Demonstranten sich verabredet hatten, nach Ende der Vorstellung auf ihn zu warten…Emmanuel Macron, Präsident der Fabrikbosse, wir holen dich zu Hause !

Dran sind die LehrerInnen und Gymnasiasten, die ihre Anstalten blockieren und demonstrieren. Wir sind aber auch alle dran, wir alle aus unserem Lager : Lasst uns alle zusammenkommen, damit angesichts einer Gesellschaft, wo die Reichsten überall im Vorteil sind, die Wut, die wir in so groβer Zahl fühlen, sich noch viel stärker ausdrückt als am 5. Dezember. Die Gelegenheit bietet sich am 24. Januar, wo das Gesetz zur Rentenreform dem Ministerrat vorgelegt wird.

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