Uns gegen Russland verteidigen?!   

Umfragen zu Aufrüstung und Wehrpflicht zeigen einen deutlichen Stimmungsumschwung in Deutschland seit dem Beginn des Ukrainekrieges. Während sich 2021 nur 41 % für eine Erhöhung der Verteidigungsausgaben aussprachen, waren es im Sommer 2025 70 %1 – und das, obwohl der Wehretat schon fast verdoppelt wurde! Das kommt nicht von ungefähr: Es gibt seit Jahren ein mediales Trommelfeuer, das Angst vor Russland schürt. Zeigt die ukrainische Tragödie etwa nicht, dass man aufrüsten muss?! Ein paar Argumente, um uns der Militarisierung entgegenzustellen:

Propaganda auf allen Seiten

Putins Krieg gegen die Ukraine ist menschenverachtend, keine Frage2. Doch die Imperialist:innen sind immer gut darin, Gräuel und Heuchelei der jeweils anderen Seite aufzuzeigen. Putin hat nicht unrecht, wenn er der eigenen Bevölkerung erzählt, wie die großen NATO-Mächte seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion immer mehr Militärbasen in Osteuropa und Zentralasien errichtet haben und ihren eigenen Einfluss mit Drohgebärden und wirtschaftlicher „Softpower“ weiter ausdehnen. Das Argument, der andere (in unserem Fall Russland) sei der Bösewicht, füttert nur das Wettrüsten auf allen Seiten und erhöht die Kriegsgefahr.

Deutschland in Gefahr, really?

Die deutschen Generalstäbe haben schon lange vor 2022 auf eine Gelegenheit gewartet, wieder ordentlich aufzurüsten. Uns wird seit Jahren erzählt, die Bundeswehr sei „kaputtgespart“ und könne Deutschland nicht verteidigen. Dabei ist der Rüstungshaushalt schon vor 2022 deutlich angestiegen. Russland unter Putin hat keine Skrupel, andere Länder anzugreifen. Aber Putin ist weder dumm noch lebensmüde und Deutschland (und de facto jedes NATO-Land als Teil dieses imperialistischen Supermacht-Bündnisses) ist wirtschaftlich und militärisch eine ganz andere Hausnummer als die Ukraine. Die Idee, dass Russland Deutschland den Krieg erklären könnte, ist einfach abwegig – außer vielleicht im Rahmen eines weltweiten Zusammenstoßes der imperialistischen Blöcke, wie im 1. oder 2. Weltkrieg. Und gerade diese Gefahr wird durch die Kriegsrhetorik und Militarisierung nur größer, nicht kleiner.

Auf welche Kriege bereiten sie sich (und uns) vor?

Uns wird Aufrüstung und Wehrdienst „schmackhaft“ gemacht als Verteidigung gegen die „russische Gefahr“. Doch die wirkliche Zielsetzung ist eine andere. Angesichts der internationalen Spannungen und der Herausforderung der US-Vormacht durch den chinesischen Imperialismus, fühlen sich die europäischen Großmächte immer mehr abgehängt. Sie wollen aber mitmischen beim großen Spiel um Rohstoffe und Absatzmärkte. Die „Verteidigungsfähigkeit“ ist für die Vitrine. Es geht um Angriffsfähigkeit, wobei sie gegenüber den Großen (USA, China) einiges aufzuholen haben. Die Auslandseinsätze der Bundeswehr (z. B. in Afghanistan) sind nur ein Vorgeschmack auf die aggressive Rolle, die deutsches Militär wieder spielen soll.

Willst du Frieden, bereite die Revolution vor!

Jeder Krieg in der Geschichte wurde von den Herrschenden mit dem Verweis auf eine Gefahr von außen und der „Verteidigung“ nationaler Werte und Interessen gerechtfertigt. Wir müssen uns diesem Nationalismus widersetzen, der im 20. Jh. zweimal in die Katastrophe eines Weltkriegs geführt hat.

In der letzten Ausgabe der Aurora haben wir uns mehr mit dem Beispiel des 1. Weltkriegs beschäftigt.3 Das Ende des 1. Weltkriegs wurde durch die russische Revolution eingeleitet, die an der Ostfront den Krieg beendet hat und über die Schützengräben hinweg so ansteckend wirkte, dass ein Jahr später auch in Deutschland Kaiser und Kriegstreiber durch die Arbeiter:innen und Soldaten gestürzt wurden.

Wir haben keine pazifistischen Illusionen, dass es ausreichen könnte, die kapitalistischen Staaten zum Abrüsten zu bewegen. Wenn wir dauerhaften Frieden wollen, müssen wir die Macht den Kapitalist:innen und Imperialist:innen entreißen, die Kriege für ihre Wirtschaftsinteressen vom Zaun brechen, bei denen die Arbeitenden nichts zu gewinnen, aber ihre Leben zu verlieren haben.

Richard Lux, Berlin

Fußnoten:

  1. Quellen: Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr; forsa für ntv/RTL ↩︎
  2. Wie wir zur Verteidigung der Ukraine vom Standpunkt der Arbeiter:innen stehen, siehe www.sozialismus.click/welche-perspektive-fuer-die-ukraine/ ↩︎
  3. http://www.sozialismus.click/antimilitarismus-ein-blick-in-die-geschichte/ ↩︎

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