Ungarn: Streik der Busfahrer:innen

Der Klassenkampf in Ungarn befindet sich auf einem Tiefpunkt. Aber in diesem Jahr gab es einige ermutigende Aktivitäten, die Zugeständnisse für die Arbeiter:innen erkämpft haben.

Wir haben den größten und erfolgreichsten Streik seit langem erlebt, organisiert von den Busfahrer:innen (sowie Mechaniker:innen und einigen Verwaltungsangestellten) des staatlichen MÁV-Volán Unternehmens. MÁV – Magyar Államvasutak – Ungarische Staatsbahnen ist der Eigentümer von Volánbusz, einem landesweit operierenden öffentlichen Verkehrsunternehmen. Anfangs forderte die Gewerkschaft der Busfahrer:innen (SZAKSZ), in den Verhandlungen im November 2023 eine Gehaltserhöhung von 25%. Die Inflation stieg rasant und die Gehälter waren bereits niedrig – einige Arbeitende verdienten weniger als 300.000 Forint (ca. 760 Euro) im Monat.

Als das Unternehmen kein Angebot unterbreitete, kündigte die Gewerkschaft für Dezember einen zweitägigen Arbeitsstopp an. Dies wäre der längste Busfahrer:innenstreik in Ungarn seit dem Fall des Stalinismus, der vorherige längste Streik dauerte 6 Stunden. Die Streikbeteiligung variierte stark zwischen den Regionen – an manchen Orten nahmen 95% der Arbeiter teil, an anderen 0%. Insgesamt beteiligten sich etwa 50% der Belegschaft am Streik. Am 11. Dezember waren 45% aller Routen nicht verfügbar, während es am 12. Dezember 20% waren. Es versteht sich von selbst, dass das Management versuchte, die Arbeiter:innen einzuschüchtern. Drohungen, dass Streikende auf schlechtere Routen versetzt würden, waren üblich. Als dies erfolglos blieb, verbot János Lázár, der Verkehrsminister, dem MÁV-Management, ein Angebot für eine Gehaltserhöhung vorzuschlagen, und verschob den Beginn der Verhandlungen um einen Monat.

Die meisten Fahrer:innen arbeiten durchschnittlich 250 Stunden pro Monat, laut einem Arbeiter in einem Interview mit Noémi Lehoczki, einer Journalistin bei Mérce. Diese Überstunden sind nötig, um das niedrige Gehalt auszugleichen sowie die spärliche Belegschaft zu kompensieren. Ein anderer streikender Arbeiter sagte, es sei fast unmöglich unter den derzeitigen Gesetzen zu streiken, bei denen bestimmte als unverzichtbar eingestufte Mitarbeiter eine „Mindestversorgung“ gewährleisten müssen. Wilde Streiks könnten dazu führen, dass der Staat die Gewerkschaft oder ihre Vorsitzenden zur Zahlung der dem Arbeitgeber entstandenen Schäden zwingt.

Am 16. Januar legte der Arbeitgeber sein Angebot vor – eine 25%ige Erhöhung über einen Zeitraum von 3 Jahren. SZAKSZ, die Gewerkschaft, lehnte dies ab und organisierte einen weiteren zweitägigen Streik am 28. und 29. Januar. Diesmal lag die Beteiligung laut den Bossen bei etwa 56 % und laut der Gewerkschaft bei etwa 74 %. Der zweite Streik führte zu einigen Zugeständnissen: eine 28,4%ige Erhöhung über einen Zeitraum von drei Jahren sowie Boni.

Während die Gewerkschaft keine jährliche Neuverhandlung der Gehälter durchsetzen konnte, verbesserte der Streik die Löhne und zeigte den Arbeiter:innen ihre Stärke. Die Gewerkschaftsmitgliedschaft stieg nach dem Streik um 20 %. István Dobi, der Vorsitzende der Gewerkschaft SZAKSZ, sagte in einem Interview über seine Erfahrungen bei der Leitung des Streiks: „Die Erneuerung der Gewerkschaftsbewegung wird geschehen, wenn die Beschäftigten ihr Selbstbewusstsein erlangen und die Gewerkschaftsaristokraten loswerden, die mit ihren Gehältern in Millionenhöhe in ihren Präsidentensesseln sitzen.“

Endre Horváth, (AWL1) Budapest

1 AWL – Alliance for Workers‘ Liberty, eine britische revolutionäre Organisation

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