Teures Brot und kommerzielle Spiele

Dieses Jahr wird die Fußball-Europameisterschaft in Deutschland ausgetragen. Das Event ist überall zu spüren. Fußballtouristen aus ganz Europa, volle Innenstädte, Bars und Fanmeilen. Nicht nur bei Fußballfans, sondern auch in der Gastronomie und im Hotelgewerbe herrscht gute Stimmung.

Die Wirtschaft in Städten, die bereit waren Millionenbeträge in Public Viewing Events, Sicherheitskonzepte und mehr zu investieren um als Spielorte ausgewählt zu werden, sieht jedoch keine längerfristigen Effekte. Aber warum ist das überhaupt relevant? Der Veranstalter der EM, die UEFA1, lässt sich die EM durch teils milliardenschwere Großsponsoren finanzieren, unter anderem durch zwielichtige Wettbüros. Während die Gewinne für die UEFA auf über eine Milliarde Euro geschätzt werden, zahlt sie nur einen Steuersatz von 3,8 %. Während die Austragungsorte mit einem Nullsummenspiel rechnen müssen, kassiert die UEFA ab. Aber wie sieht es abseits der finanziellen Bilanz der EM aus?

Einigkeit, Recht & Freiheit – Ein Sommermärchen?

Denn während die Nationalmannschaft von Einigkeit und Recht und Freiheit singt, könnte die Realität kaum gegensätzlicher sein. Schon bei der WM 2006 stieg die Anzahl rassistisch motivierter Straftaten in Deutschland an. Eine aktuelle Umfrage der ARD zeigt, dass 21% der Befragten sich eine „weißere“ Nationalmannschaft wünschen.2 Das reiht sich ein in die aktuellen politischen Entwicklungen. Mit dem Aufstieg der extremen Rechten ist die deutsche Identität, die bei der WM 2006 zum ersten Mal wieder im Angesicht der Deutschlandfahnen massentauglich wurde, zu einem ausgewachsenen Nationalismus geworden. Während Sozialkürzungen, Inflation und Kriege, kurz: kapitalistische Krisen, die Menschen belasten, werden viele, die sich zunehmend von der aktuellen Politik abgehängt fühlen, empfänglich für eine Rhetorik, die Migrant:innen und andere Gruppen verantwortlich macht.

Der wachsende Nationalismus erklärt sich aus dem wachsenden Elend und wirtschaftlicher Perspektivlosigkeit und wird nicht nur von der extremen Rechten geschürt. Studien belegen, dass Sozialkürzungen in direktem Zusammenhang mit dem Rechtsruck stehen, schon 2006 war der wachsende Nationalismus von hoher Arbeitslosigkeit und Hartz-Reformen begleitet. Auch den gemäßigteren Kräften sind Menschen mit Migrationshintergrund zwar gut genug, um Tore für Deutschland zu schießen, aber in einer Zeit, in der „Recht und Freiheit“ bedeuten, rassistische Asylgesetze zu erlassen, kann von wirklicher „Einigkeit“ nicht die Rede sein.

Und weil die EM ein falsches Gefühl von Zusammenhalt vermittelt, passt sie den Herrschenden gut in den Kram. Während am Morgen Sozialkürzungen und eine Weiterführung der Waffenlieferungen an Israel beschlossen werden, lassen sich Scholz und Co. nach Feierabend im Stadion ablichten. Von der Spaltung, die auch durch die Gastfreundschaft bei der EM nicht überwunden werden kann, profitieren nur die Herrschenden. Eine Überwindung der Spaltungen innerhalb der Arbeiterklasse ist nur ohne auf rassistischen und sexistischen Ressentiments beruhenden Nationalismus möglich. Dieser Nationalismus scheint für immer mehr Menschen ein Ausweg aus einer Politik zu sein, die nicht imstande ist, mit den aktuellen und zukünftigen Krisen umzugehen und er wird durch die EM verharmlost. Für uns ist Nationalismus nicht die Ursache aller Probleme, sondern ein Symptom der kapitalistischen Krise. Nach dem Motto „Brot und Spiele“ hat die EM, die offiziell ein Ereignis des sportlichen Wettbewerbs und der Gastfreundschaft sein sollte, für all jene, die dem Nationalismus mit wirklichen Lösungen, also mit der Überwindung des Kapitalismus, entgegenwirken wollen, einen faden Beigeschmack.

Jakob Helpenstein, Düsseldorf

1 United European Football Association

2 presse.wdr.de/plounge/wdr/programm/2024/06/ 20240601_umfrage_nationalspieler.html

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