TUI – wer lacht am Ende?

Dieser Artikel erschien zuerst am 15. Januar 2021 auf französisch: TUI : Ce n’est pas un nom d’oiseau !

In Frankreich rufen Gewerkschafter*innen in einem von Beschäftigten des TUI-Konzerns, der dort 600 von 900 Stellen streichen will, gegründeten Kollektiv, am 23. Januar zu einer Demonstration gegen Stellenabbau und Kündigungen auf. Ein erster Versuch, auf der Straße alle Arbeitenden zu versammeln, deren Job in Gefahr ist. In Frankreich ist TUI, wenn man von einigen französischen Filialen absieht, ein unbekannter Name. Dabei ist der deutsche Konzern die weltweite Nummer Eins der Tourismus-Branche.

Weltweit arbeiten mehr als 70000 Menschen für den TUI-Konzern. Sein Umsatz betrug fürs Geschäftsjahr 2018/19 18,9 Milliarden Euro1 2. In Folge des Zusammenbruchs des Tourismus durch die Corona-Pandemie hat der Konzern nun angekündigt, weltweit 8000 Stellen zu streichen. Insbesondere soll seine Airline, TUIfly, um die Hälfte zusammengestrichen werden. Wobei der Konzern trotz der Krise auch 2020 noch 7,9 Milliarden Umsatz gemacht hat…

Der glorreiche Ursprung des TUI-Vermögens

Ursprünglich wurde TUI 1923 als « preußischer » Staatskonzern der Montanindustrie (Kohle und Stahl) gegründet, unter dem Namen Preussag. Wie so viele deutsche Unternehmen vervielfachte die Preussag ihr Vermögen mit der wohlwollenden Hilfe des Nazi-Regimes. Als nationalsozialistischer Staatskonzern profitierte er zunächst vom « Bauboom », und dann von der Kriegswirtschaft, besonders durch seine Ausweitung in die Erdölförderung. Die Erdölfiliale, die Deurag-Neurag, produzierte Motorenöl und Treibstoff für die Wehrmachtspanzer, und profitierte von Zwangsarbeit, Kriegsgefangenen und KZ-Insassen. Zu Ende des Kriegs, ab Juni 1944, hatte die Deurag-Neurag selbst Anrecht auf ein eigenes KZ nur für sich, das Nebenlager Hannover-Misburg. 1000 Insassen und 1000 Zwangsarbeiter standen dem Konzern dort frei zur Verfügung.

Als Staatsunternehmen brauchte die Preussag sich nach Kriegsende nicht mal durch das penible Prozedere der Persilscheine und Entnazifizierung quälen. Zunächst unter britischer Verwaltung, dann wieder Staatsunternehmen der BRD, konnte die Preussag ab 1959 endlich eine Prozess der Privatisierung anstimmen.

Alle Wege führen in die Tourismus-Branche

Dabei blieben die guten Gewohnheiten der dreißiger und vierziger Jahre intakt : In den 1980ern hat der Konzern sich zunächst am Bau einer Giftgasfabrik für Ghaddafis Regime in Libyen beteiligt, und später für Saddam Hussein Komponenten von Nervengas herzustellen3. Leicht gebremst vom Erdölschock der 1970er, hat der Konzern seit 1989 eine neue Dimension eingenommen, mit dem Aufkauf der Salzgitter AG, einer der größten Fusionen der Nachkriegszeit. Zehn Jahre später wurden alle Anteile an Salzgitter wieder verkauft, und die Preussag entschloss, sich in einen Giganten der Reise-, Tourismus- und Logistikbranche umzuwandeln. Mit dem Aufkauf von Hapag-Lloyd, des Tourismus-Unternehmens TUI und der Thompson Travel Group kontrollierte die Preussag 70 % des europäischen Tourismus-Marktes. 2002 wird die Preussag zur TUI Group, mit einem kleine Touch deutschen Bürgertums : der langjährige Leiter des Hauptsitzes in Hannover, Michael Frenzel, ist ein enger Freund und politischer Weggefährte des « Roten Friedels », kein Kommunist, keine Angst, sondern der sozialdemokratische Chef der WESTLB (der Westdeutschen Landesbank)4. Seitdem haben andere Aufkäufe den Weg zur Spezialisierung in der Reise- und Tourismusindustrie fortgeführt, mit allen prekären Jobs, Fristverträgen und Saisonarbeitern, die dazu gehören.

Gerade diese Spezialisierung hat den Konzern besonders anfällig für die Auswirkungen der Corona-Pandemie gemacht. Zum Glück hat sich der deutsche Staat genau so großzügig gezeigt wie seine Gegenparts in anderen Ländern. Nach ersten kleinen Hilfen von 1,8 Milliarden, hat die Regierung schließlich noch einmal 1,2 Milliarden draufgelegt. Insgesamt sollen bis zu 4,3 Milliarden Euro aus Steuergeldern zur Verfügung gestellt werden. Genug um auf empörten Widerstand zu stossen… bei den Bossen, die sich weniger verwöhnt fühlen ! Trotz dieses Widerstandes wurde die Hilfe jedoch von der Europäischen Kommission abgesegnet. Das vorerst letzte Kapitel dieses fesselnden Episodenromans kam am 5. Januar : Der Staat steigt zu 25 % bei TUI ein und hat die anderen Aktionäre zu Investitionserhöhungen aufgerufen. « Die Verluste verstaatlichen, die Gewinne privatisiere », mit diesem kleine Schritt zurück in gute alte Staatsunternehmens-Zeiten stimmt TUI ein Lied, dessen Refrain wir in dieser Krise noch häufiger hören könnten, als uns lieb ist.

Verhaltene gewerkschaftliche Reaktionen in Deutschland

Die Gewerkschaften, grösstenteils ver.di für die Tourismusabteilung und die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit für TUIfly, haben sich zumindest verbal zunächst aufgebäumt gegen diesen « staatssubventionierten Stellenabbau ». Doch die Reaktionen sind verhalten geblieben, schliesslich hatte der Konzern eilig versichert, die meisten Posten würden nur im Ausland abgebaut ! Im Gegenteil, ver.di hat die Milliardenspritzen letzten Endes begrüßt, um « nach der Krise wieder durchzustarten », solange die Arbeitsplätze wenigstens in Deutschland halbwegs verschont blieben5. Unmut gab es überraschend im anderen Lager, der Unternehmerpresse : Das Handelsblatt empörte sich über die gigantischen Hilfen, unter dem Vorwand dass die Hauptaktionäre von TUI… eben keine Deutschen sind. Nichts also, außer schüchterne Wünsche, dass die Versprechen, deutsche Stellen zu schützen, von den Bossen gehalten werden. Dabei steigt die Wut über die riesigen Unternehmen, die mit einer Hand Steuermilliarden einstecken und mit der anderen Tausende entlassen (wie die Lufthansa mit ihren 9 Milliarden… und weltweit 29.000 Stellenstreichungen), in der Bevölkerung, und umso mehr bei den betroffenen Arbeitenden !

« TUI ? Wer ?… »

…haben sich wohl viele französische Arbeitende gefragt, als sie vom « TUI-Aufruf » zum Demonstrieren gegen Stellenabbau und für ein Verbot von Kündigungen gehört haben. Die Beschäftigen eines gutbetuchten Weltkonzerns also, der an Schweinereien schon einiges auf dem Kerbholz hat ; sei es die großzügige Unterstützung des deutschen Staats, erst faschistisch, dann « demokratisch », sei es die Verachtung derer, die mit ihrer Arbeit den Reichtum seiner Aktionäre geschaffen haben.

In Frankreich könnte der Aufruf der bedrohten Beschäftigten von TUI ein erster Schritt zur Koordination all der Arbeitenden sein, die momentan alleine den massenhaften Stellenstreichungen entgegenstehen. Massenhaft gibt es diese in Frankreich, genau wie in Deutschland und überall auf der Welt auch, überall wo diese Konzerne, die keine Grenzen kennen, ihr Unheil verbreiten. Die Arbeitenden hätten alles Interesse, auf dieser internationalen Ebene nachzudenken, zu diskutieren, und warum nicht, zu handeln !

1Nachzulesen im Geschäftsbericht 2019, den man wie den des Jahres 2020 unter https://www.tuigroup.com/en-en/investors/reports-and-presentations nachlesen kann. Für 2020 spricht der Konzern von nur 48000 Beschäftigten ; eine Zahl, die jedoch saisonal stark variiert.

2Im Vergleich, der Umsatz von VW im gleichen Jahr beträgt 252 Milliarden. Trotz des Wachstums bleibt die Tourismusbranche also weit hinter den « traditionellen » Industriebranchen.

3Nach dem 2013 veröffentlichten Artikel Michael J. Kellys, « Never Again » ? German Chemical Corporation Complicity in the Kurdish Genocide ».

4Siehe Wem gehört die Republik, Rüdiger Liedtke, Eichborn, 2002.

5Der Konzern hat für Deutschland in der Tat keine präzisen Zahlen veröffentlicht. 400 Beschäftigte sollen am Hauptsitz in Hannover bedroht sein, bei TUIfly sind es bis zu 900, viele davon in Deutschland. Außer in Frankreich gibt es generell wenig präzise Angaben, wo die 8000 Stellen weltweit gestrichen werden sollen ; in England sollen es ca. 800 sein.

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