Südafrika: Unter dem WM-Schleier läuft´s überhaupt nicht rund

In diesen Tagen der Weltmeisterschaft
wehren sich ein paar Tausend Stadion-
Beschäftigte in Südafrika gegen Lohnprellerei.
Sie sollen nur einen Bruchteil
des Lohnes erhalten, der ihnen versprochen
wurde. Die Polizei beschießt
sie mit Tränengas und Gummi-Geschossen.
Die FIFA sagt: Das geht uns nichts
an. Die internationalen Journalisten
halten meist brav den Mund. Armut der
Bevölkerung und Willkür der Reichen
in Südafrika, Komplizenschaft im Ausland:
So läuft’s nicht nur in Zeiten der
WM.

In Südafrika wurde der Bevölkerung
seit langem erzählt, durch die WM würde
vieles besser. Das brauchte die Regierung.
Denn in Wirklichkeit ist die
Situation für die übergroße schwarze
Mehrheit in den letzten Jahren unverändert
schlecht – während Reiche in
Südafrika den Reibach machen. Südafrika
hat jede Menge Reichtum in Form
von Steinkohle, Erzen, Diamanten und
Landwirtschaft.

1994 wurde die Apartheid abgeschafft.
Seitdem haben zwar immer noch die
überwiegend weißen Reichen die Macht.
Aber sie müssen sie teilen mit den neureichen
Schwarzen aus dem Umfeld der
regierenden ANC-Partei. Der ANC hat
die Erwartungen der mehrheitlich
schwarzen Bevölkerung nicht annähernd
erfüllt. Beispielsweise wurde nur
ein kleiner Bruchteil des Landes an
Kleinbauern umverteilt. Der Rest gehört
immer noch den Riesenfarmen, auf denen
die Landbevölkerung zu Hungerlöhnen
arbeitet und der Willkür der Besitzer
unterworfen ist.

Deshalb sprechen SüdafrikanerInnen
von ihrem Land als „Irish-Coffee-Gesellschaft“:
unten viel schwarzer Kaffee,
darauf die weiße fette Sahne, und ganz
oben die wenigen aber auch fetten
Schokoladenkrümel!
Ein WM-Slogan des südafrikanischen
Organisations-Komitees ist „Fühl es, es
ist hier“. In diesen Tagen demonstrierten
ein paar Tausend Stadion-Beschäftigte
unter der Abwandlung „Wir brauchen
unser Geld, dann können wir es
fühlen.“ In Streik getretene Arbeiter
wurden unter Tränengas und Gummigeschossen
von der Polizei entfernt und
durch frische Polizei-Rekruten ersetzt.

Auch Busfahrer sind in Johannesburg
kurz nach Beginn der WM für einen Tag
in einen wilden Streik getreten. Ihnen
wurde ohne Absprache längere Arbeits
zeiten abverlangt. Solche Dinge sagen
viel über die Situation in Südafrika.
Aber WM-Besucher erfahren davon nur
indirekt durch lange Wartezeiten auf
Busse oder beim Einlass in die Stadions.

Vor der WM wurden viele Bewohner
von Elends-Vierteln in „zeitweilige Umsiedlungsgebiete“
zwangsumgesiedelt –
mit dem Versprechen, nachher würden
ihnen Wohnungen in großen Neubaukomplexen
zur Verfügung gestellt. Es
ist schon abzusehen, dass daraus nichts
wird: Diese Wohnungen, gebaut von
privaten Investoren, werden viel zu
teuer werden.

Der südafrikanischen Arbeiterklasse
in Stadt und Land wird immer eine neue
Flagge ins Gesicht geworfen, damit sich
an den sozialen Verhältnissen nichts
ändert. In der letzten Zeit war es die
Weltmeisterschaft, die für die Hoffnungen
herhalten musste.

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