Roman: Die Republik der Träumer

Am 11. Februar vor 14 Jahren wurde der ägyptische Diktator Mubarak durch eine revolutionäre Bewegung gestürzt. Um einen Eindruck zu gewinnen von der Energie, die in den großen Betrieben und auf dem Tahrir Platz in Kairo herrschte, ist der Roman „Die Republik der Träumer“  von Ala al Aswany, eine große Bereicherung. Der langjährige ägyptische Oppositionelle und Schriftsteller teilt darin seine Sympathie für die Demonstrant:innen auf dem Tahrir Platz. Aber er zeigt auch die Grenzen, an die die ägyptischen Arbeiter:innen, die Jugend und Unterdrückten gestoßen sind: Mubarak verließ seinen Platz an der Spitze des Staates, aber der restliche Staatsapparat blieb. Dieser Roman ist deshalb für jeden, der die Notwendigkeit einer sozialen Revolution verstehen will oder schon begriffen hat, sehr zu empfehlen!

Wie in anderen Romanen dieses Autors, die ihn bekannt gemacht haben, wie zum Beispiel der „Jakubijân-Bau“, gibt es auch in diesem Buch einer Vielzahl von Figuren, deren Wege sich kreuzen. Unter den Demonstrant:innen sind die Studenten Dania und Khaled, ein alter Schauspieler, Asma, eine Lehrerin, und Mazen, ein Ingenieur, auf der einen Seite der Barrikade. Auf der anderen Seite der Barrikade stehen der General Ahmed Alouani, Anführer der befürchteten Staatssicherheit, Issam, ein alter Ingenieur und ehemalige politische Aktivist, aber auch der Scheich Chamel und die TV Sprecherin Nuran. So gelingt es al Aswany mosaikhaft eine realistische Darstellung der Ereignisse zu erschaffen.

Die Geschichte fängt aber nicht direkt inmitten der revolutionären Situation an. Daher sieht man, wie die Romanfiguren sich der Bewegung auf dem Tahrir-Platz, trotz staatlichen Drucks und Zwangs anschließen. Auch wenn der „arabische Frühling“ bzw. die „Arabellion“ der Funke war, dieser revolutionäre Bruch war durch vorangegangene Streiks und kleinere Mobilisierungen vorbereitet. Organisationen wie „Kifaya“ (Genug), die eher aus Lehrer:innen und Ingenieuren wie Asma und Mazen bestanden, versuchten in der Opposition Widerstand zu leisten trotz der staatlichen Repression. Den entscheidenden Anstoß zu der Massenbewegung lieferte der ägyptische Staat selbst mit dem Mord an Khaled Said, der große Wut hervorrief.

Als der Tahrir-Platz in Kairo sich wegen der Not, der Polizeidiktatur und der Heuchelei der konservativen Gesellschaft mehr und mehr füllte, blieben die Arbeitenden keine passiven Zuschauer. Im Gegenteil: sie waren  – zwar unbewusst ihrer eigenen Kraft – treibende Akteure. Am 9. Februar streikten mehr als 300.000 Arbeiter:innen und zwangen dadurch den Diktator Mubarak am 11. Februar zum Rücktritt. Dieses Gewicht der arbeitenden Klasse wird in dem Roman durch einen Streik in der Zementfabrik von Issam und Mazen gezeigt. Doch kommt in diesem Buch keine Arbeiterin oder Arbeiter als Hauptfigur vor. Leider kein Zufall, denn es existierte in der Arbeiterklasse keine revolutionäre Organisation von Gewicht.

Mit dem Sturz Mubaraks, der 18 Tage früher noch unmöglich erschien, konnte die Bewegung aber nicht enden. Auf der anderen Seite konnte der Staatsapparat, auch wenn er geschwächt war, eine solche Situation nicht hinnehmen. In dem Roman wird gezeigt, mit welchen dreckigen Methoden und mit welcher Hartnäckigkeit die Polizei, die Armee, die ganzen Medien das Land ins Chaos stürzen. So beschimpfen sie die Demonstrant:innen als „Agenten Israels und der CIA“. Mit dem Maspero-Massaker im Oktober gingen sie gewaltsam gegen die christliche Minderheit der Kopten vor, die sich der Revolution angeschlossen hatten. Dagegen versuchten die Demonstrierenden sich zu wehren und ihre eigenen Medien aufzubauen. Aber die Zeit rannte ihnen davon zugunsten der Konterrevolutionäre. Dabei war die Politik der Muslimbrüder, die sich eine oppositionelle Fassade gaben, eine tödliche Falle. Denn statt die gesamte Diktatur zu sprengen, wollten sie nur die Scharia in die Verfassung schreiben.  Selbst wenn sie besiegt wurden, überlegen einige Aktivist:innen dieses Romans, wie der Kampf fortgesetzt werden kann. Denn 10 Jahren erneute Diktatur verlangen danach, dass der revolutionäre Frühling wieder blüht!

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