Pflege in Deutschland unter Corona:

Und täglich grüßt das Virustier …

Die 4. Corona Welle rollt über Deutschland, Zehntausende Neuinfektionen täglich und weder 3 noch 2G+ helfen wirklich aus der Krise. Viele haben dabei das Gefühl, die Misere wiederholt sich nun jedes Jahr: Im Herbst sind die Politiker:innen überrascht, dass die Infektionszahlen zunehmen, im Winter totales Chaos und im Sommer dann wieder einigermaßen coronafrei. Eine weitere Konstante dieser Misere: die Überforderung des deutschen Gesundheitssystems.

Pandemie und Gesundheitssystem

Dabei trifft die Pandemie in Deutsch­land auf ein Gesundheitssystem, welches technisch hoch gerüstet ist. Im internationalen Vergleich findet sich in deutschen Krankenhäusern oft nur das Beste und Teuerste. So gibt es in Deutschland im europäischen Vergleich die meisten Kernspintomographen und es werden auch Spitzenpositionen bei der Anzahl an CT-Geräten oder Hybrid-OPs belegt. Statistisch führt Deutsch­land auch mit der Zahl der Klinikbetten. So gab es trotz jahrelangen Abbaus immer noch acht Klinikbetten je 1000 Einwohner:innen.

Aber egal wie großartig die Statistiken aussehen, die Realität an deutschen Krankenhäusern sieht anders aus – allen voran Personalmangel und schlechte Ar­beitsbedingungen. Geschuldet ist dies vor allem durch die Finanzreformen im Gesundheitssektor mit der Einführung von DRGs1 um die Jahrtausendwende – dieses System sollte und hat Klinken marktkonform gemacht. Seitdem wurde mehr denn je Personal von den Mana­ger:innen der Krankenhäuser als Kosten­faktor betrachtet – und daher wurde und wird hier massiv gespart.

Folgerichtig wunderte sich kaum je­mand von den Kolleg:innen in den Klini­ken, dass z.B. mit einer Zahl von ITS-Betten2 gerechnet wurden, die niemals wirklich zur Verfügung standen, weil nun mal ein Bett keine/n Patienten/in versorgt, sondern immer das dem Bett zugeordnete Personal. Daher war es auch keine Überraschung, dass die Zahlen der Betten im Laufe der Pandemie immer weiter nach unten korrigiert wurden.

Corona, Personalmangel und Betten­kapazitäten

Anfang des Jahres 2021 war die 3. Welle mit Delta, auf die die 4. Welle Ende des Jahres folgte – natürlich mit eigener Mutante namens Omikron. In der dritten Welle wurde tatsächlich in vielen Gegenden der Punkt erreicht, an dem so viele ITS-Betten belegt waren, dass es zu Ver­legungen kommen musste und es die Ge­fahr gab, dass die betreibbaren ITS-Betten nicht mehr ausreichen würden.

Die Belastung des Personals war wäh­rend der gesamten Zeit hoch. In der Zeit zwischen der 3. und 4. Welle ist es an­scheinend zu der befürchteten weite­ren Personalflucht gekommen (die Zah­len differieren sehr stark je nach Quelle). Dabei sind wohl viele ITS Pflegekräfte in die Teilzeit gegangen, aber sicher haben auch einige die Kliniken komplett ver­lassen. Dies führte dazu, dass in der 4. Welle erneut die Zahl der zur Verfügung stehenden ITS-Betten nach unten revi­diert werden musste. Im Januar 2021 waren 5800 und im Dezember 2021 etwa 5000 ITS-Betten mit Covid-Patient:innen belegt.

Die Zahlen stagnieren zurzeit, aber die Angst vor Triagierung3 wird wieder akut, welche zusätzlich befeuert wird durch enorm hohe Infektionszahlen. Kol­leg:innen von Teststellen berichten von unfassbaren Raten an positiven Schnell­tests an einem Tag von 25 % und mehr. An der Charité werden derzeit 40 oder mehr Kolleg:innen pro Tag positiv mit­tels PCR-Test getestet, verglichen zu durchschnittlich 1 bis 10 positiven Tests pro Tag in den letzten Monaten.

Auch das Mittel der Personalverschie­bung auf Intensivstationen wird die dro­hende Personalnot auf den Corona-Stationen nicht mehr verhindern kön­nen. In der dritten Welle gab es viele Verschiebungen von Personal in den Kli­niken auf ITS-Stationen und Kol­leg:innen, die dann dort bleiben wollten, sind geblieben. Diejenigen, die zurück auf ihre alte Station sind, fragen nun oft: Warum schon wieder ich? Aber es gab auch Kolleg:innen, die einfach nicht wechseln wollten – und werden es jetzt wohl immer noch nicht wollen. Dies ne­ben den Problemen, die sich aus nicht vorhandener Erfahrung und Einarbei­tung ergeben. Es wird also schwerer für das Management, Personal für die ITS von anderen Stationen zu holen.

Gleichzeitig ist die Sensibilität dafür ge­stiegen, dass das Verschieben von Perso­nal auf ITS und in andere Corona-Bereiche die Kapazitäten für andere Be­handlungen so weit verknappt, dass dies zu einem ernsthaften Problem für Nicht-Covid-Patient:innen wird. Die Warteliste für verschobene OPs ist z. B. so lang, dass sogar Tumoroperationen verschoben werden müssen.

Coronaprämien für alle!

Die von der Ampel-Regierung in Aussicht gestellte „Corona-Prämie“ kann beim besten Wil­len nicht die Motivation in den Kliniken steigern. Es sollen diesmal noch weniger Kolleg:innen bedacht werden. Klar auf ITS ist sehr viel zu tun, aber all die ande­ren Stationen und Bereiche wie Catering, Reinigung, Transport usw. halten das Kliniksystem genauso am Laufen.

Diese Prämie ist auch ein Zeichen dafür, was die Politik wirklich von uns hält: an­statt besserer Löhne und Arbeitsbedin­gungen, gibt es Prämien für Wenige, an­statt nach einer bedarfsorientierten Ge­sundheitsversorgung wird nach Profiten gestrebt und wir, Kolleg:innen und Pati­ent:innen, bleiben auf der Strecke. Doch was können wir tun?

Der Streik in Berlin für einen Entlas­tungstarifvertrag und die gleiche Bezah­lung auch in sog. Tochterfirmen ist ein Beispiel, was wir machen können. Meh­rere Wochen haben Kolleg:innen ge­streikt, um Personalnot, Versorgungs­robleme usw. zu thematisieren und die­se zu verändern. Von den Spaziergängern oder Querdenkern war übrigens keiner dabei zu sehen. Die erkämpften Tarifver­träge und die von ver.di geforderte PPR 2.04 können aber ein an sich völlig falsch ausgerichtetes Gesundheitssystem nicht geraderücken, sondern sollten die Dis­kussion eröffnen, wie künftig die Ge­sundheitsversorgung aussehen sollte und wer darin das Sagen hat.

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IMPFPFLICHT FÜR PFLEGEPERSONAL?

Die Angst vor weiterer Personalnot wird genährt durch die angekündigte Impfpflicht in Einrichtungen des Gesundheitswesens. Noch gibt es nur Schätzungen, wie viele des medizinischen Personals sich nicht impfen lassen wollen – es wird zwischen 5 bis 15 % geschätzt. Der 15.03.2022 ist der Stichtag, doch noch herrscht ein großes Rätselraten, wie die Impfpflicht umgesetzt werden soll. Die Kliniken melden Nichtgeimpfte an das Gesundheitsamt (GA) … und dann? Sind die GAs nicht schon so völlig überfordert? Die Kolleg:innen dürfen dann nicht mehr arbeiten? Werden gekündigt? Sind nicht mehr sozialversichert? Und das für ein Gesetz mit Laufzeit bis 31.12.2022?

Natürlich gibt es unter den Klinikbeschäftigten eine genauso große Vielfalt an Positionen zur Impfung und Impfpflicht, der Pandemie und den Maßnahmen. So manch Kolleg:in, die sich impfen und boostern ließ, fragt sich nun, ob sie zum Dank nun auch noch für die Impfskeptiker mitarbeiten muss. Wohlgemerkt, impfen schützt nicht zuverlässig vor Erkrankung. Bei einer nächsten Runde des Boosterns – und dazu wird es wohl kommen angesichts des Impfnationalismus des Westens, könnte so manch jüngerer Kollege noch mal anders darüber denken, ob er sich erneut impfen lässt.

Dieser Eindruck verstärkt sich nun auch noch durch die gelockerten Quarantänemaßnahmen. Kontakte müssen nicht mehr in Quarantäne, Positive/ Erkrankte können sich nach 7 Tagen freitesten lassen, wenn die 48 Stunden symptomfrei sind. Klar irgendwie muss die Versorgung auch jetzt aufrechterhalten werden, wir produzieren ja keine Autos, auch wenn das Management das nicht zu wissen scheint. Doch diese sich ständig ändernden Regeln sorgen überall für noch mehr Verwirrung, und wohl auch dazu, dass die Menschen sich weniger schützen können und die Infiziertenzahlen schnell noch höher werden.

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Havannas Obst, Dimitri Otto und Rosa Anders, Berlin

Referenzen

1 DRGs = Diagnosis Related Groups (Fallpauschalen). Mehr dazu auf: https://www.krankenhaus-statt-fabrik.de/1

2 ITS = Intensivstation

3 Triage = Verfahren zur Priorisierung medizinischer Hilfeleistung bei unzu­reichenden Ressourcen

4 PPR – Pflegepersonalregelung (eine Methode zu Berechnung von nötigem Personal auf Station)

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