Nach uns die Sintflut?!

Der Ukraine-Krieg dreht sich um Gas und Öl. Nicht nur, dass er zum Teil um den Zugang zu diesen fossilen Brennstoffen geführt wird, er hat auch mit den westlichen Sanktionen große Auswirkungen auf den weltweiten Energiemarkt. Und vor allem verstärkt er die Preisexplosion für Gas und Öl. Sehr zur Freude der großen Energiekonzerne, die ohne Rücksicht auf Verluste – aber mit Aussicht auf Riesengewinne – weiter fröhlich in die Klimakatastrophe investieren.

Russlands Imperialismus fußt auf zwei Beinen: seiner relativ großen Militär­macht und seinem Reichtum an fossilen Energien, die zudem relativ leicht zu er­schließen sind.

Seit dem Einbruch der russischen Wirtschaft nach dem Unter­gang der Sowjetunion wird ungefähr die Hälfte des russischen Staatshaushalts durch die Exporteinnahmen für Öl und Gas finanziert. Auch deshalb streitet sich Putin seit Jahren mit den Westmächten um Einfluss in der Ukraine, denn durch dieses Land verläuft die Haupt­lebensader der russischen Exporte: Über die Hälfte der Pipeline-Kapazitäten, mit denen Russland Gas nach (West-)Europa exportiert, geht durch die Ukraine. Zu­dem gibt es im umkämpften Donbas und rund um die Halbinsel Krim weitere unerschlossene Gasfelder.

Doch hat der Krieg vor allem die Karten im internationalen Energiehandel neu gemischt. Vor dem Krieg waren Europa und vor allem Deutschland vom russischen Gas extrem abhängig: 55 % der deutschen Gasimporte kamen aus Russland, das weltweiter Gasexporteur Nummer eins ist. Aber auch ein Viertel des Erdöls in der EU kam noch im letzten Jahr aus Russland. Nun sollen möglichst schnell andere Quellen auf­getan werden, doch leicht zu ersetzen ist gerade das Gas aus Russland nicht. Ein Monat nach Kriegsbeginn hat die EU vereinbart, den USA dieses Jahr 15 Mrd. m³ Flüssiggas abzukaufen – das wegen der Verflüssigung deutlich teurer ist und in den USA durch besonders umwelt­schädliches Fracking gewonnen wird. Langfristig soll diese Menge auf 50 Mrd. m³ steigen. Das ist in etwa die Kapazität der gestoppten Pipeline Nord Stream 2 – ein Schelm, wer Böses dabei denkt!

Außerdem waren Bundeswirtschafts­minister Habeck (Grüne) und Kanzler Scholz (SPD) auf Einkaufstour in Katar, der Scheichmonarchie, die im Zusam­menhang der Fußball-WM immer wieder wegen systematischer Men­schenrechtsverstöße angeprangert wird. Katar will ebenfalls Flüssiggas nach Europa liefern, aber nicht vor 2026 — Da wird langfristig geplant!

Spekulationslaune auf der Titanic

Katar ist längst nicht das einzige Land, das langfristig in den Ausbau fossiler Energien investiert. Eine Studie des britischen „Guardian“ hat kürzlich offen­gelegt, in welch gigantischem Ausmaß die Ölkonzerne unseren Planeten weiter „verbrennen“ wollen1. Über 100 Mio. Dollar tagtäglich (!!) sollen in den weiteren Ausbau von Öl- und Gasfeldern investiert werden. Der „Guardian“ listet 195 solcher Großprojekte auf, die zu­sammen alleine schon das CO2-Budget unseres Planeten komplett aufbrauchen würden.

Wenn die Projekte, die schon längst geplant sind, vollständig umge­setzt werden, wird nicht nur das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimaschutz­abkommens verfehlt, sondern die Erde wird sich um mehr als 2,7 Grad erhitzen im Vergleich zur vorindustriellen Zeit. Die USA stehen übrigens ganz vorne auf dieser Klimasünder-Liste.

Im Übrigen verdienen nicht nur die westlichen Konzerne – auch Russland hat in den ersten beiden Kriegsmonaten insgesamt 63 Milliarden Euro durch Öl- und Gasexporte eingenommen, 44 Mrd. davon aus der EU2. Letztes Jahr hat die EU im selben Zeitraum nur für 18 Mrd. Energie aus Russland importiert, die Sanktionen haben also die russischen Gewinne kurzfristig nicht verringert, sondern verdoppelt – wegen der gestie­genen Preise! Langfristig könnte es für Russland allerdings eng werden, wenn der Westen tatsächlich auf Öl- und Gas­lieferungen verzichten sollte – denn Pipelinekapazitäten zum Export bspw. nach China existieren kaum und ein Neubau dauert Jahrzehnte3.

Richard Lux, Berlin

Fußnoten

1 https://www.freitag.de/autoren/the-guardian/recherche-weltweit-wollen-konzerne-die-oelfoer derung-ausbauen?utm_source=pocket-newtab-global-de-DE

2 https://www.rnd.de/wirtschaft/wie-hoch-sind-russlands-einnahmen-aus-energieexporten-UNGPDM32VJPPCFUK6H WUTAZ66I.html

3 https://www.focus.de/finanzen/russlands-neue-kundschaft-ural-oel-gibt-es-jetzt-von-putins-resterampe-aber-sein-erdgas-wird-der-neue-ladenhueter_id_107935864.html

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