Mit der Faust in die Welt schlagen

Mit ihrem Kinofilm zeigt die Regisseurin Constanze Klaue anhand einer Kindheit in Ostdeutschland, wie sich rechte Ideen ausbreiten. Ein dunkler Film, der aber wegen der Naturaufnahmen und vor allem durch den Blickwinkel der Kinder auch seine hellen Seiten hat. Die Regisseurin ist nah an den Kindern, die Tod und Liebe erleben und ihre ersten politischen Überlegungen entwickeln. Nicht alle Personen des Films werden Nazis, aber …

Die erste Teil des Films spielt im Jahr 2006. Hierauf folgt ein kürzerer Epilog, der 2015 spielt, wenn die Hauptfiguren keine Kinder mehr sind. Der Film untersucht eher den Entstehungsprozess der ausländerfeindlichen Bewegung Pegida. Die Ursachen dieses Rassismus und der Wiederbelebung des deutschen Nationalismus sind aber kaum von den heutigen Zuständen zu unterscheiden: Kündigungen, Arbeitslosigkeit und Armut, die daraus folgt. Der allgemeine trübselige Zustand dieser kleinen Städte, von verlassenen Gebäuden aus der DDR-Zeit, wo die Kinder so gerne spielen, gehören dazu. Die Mutter arbeitet als Krankenschwester im nahegelegenen Krankenhaus.

Die Regisseurin selbst ist in der Region aufgewachsen und zeigt uns eine lebendige Realität, die auch in anderen alten Industrieländern spielen könnte. Der Teil der Arbeiter:innenklasse, der in den kleinen Städten in Sachsen oder Brandenburg wohnt, kommt auch in anderen Regionen auf dieselben politischen Ideen. Da ist der Vater, der infolge seiner Kündigung die Konkurrenz aus dem nahen Polen als das Problem sieht; da sind die Jugendlichen, die bald die türkischen Nachbarn angreifen wollen. Wo Deindustrialisierung und Verarmung quälen, gären dieselben trüben Überlegungen und der Film legt eine soziale und politische Entwicklung offen, die zu vielen anderen Ecken Europas passt.

Die Regisseurin ist auch eine Frau, die gerade auch die toxische Männlichkeit dieser Neonazis gut erfasst. Die Mutter ist in der Familie die einzige, die in der schwierigen Situation durchhält. Ihre zwei Söhne sind mit der Gewalt unter Jugendlichen konfrontiert, offensichtlich kein Monopol der Erwachsenen! Bald kommt der ältere Sohn in Berührung mit einem anderen rechten Schüler, und die Gewalt unter sich in der Gruppe sowie in der Nachbarschaft steigt weiter.

Konstanze Klau schildert auch sorgfältig, wie sich die rechten Ideen in den Köpfen der Schüler entwickeln und steigern. Die Kinder machen zuerst nur trübe Späße mit antisemitischen oder homophoben Parolen. Bald fürchten sie sich selbst aber vor ihren sinnlosen und gefährlichen Spielereien …

Anders als der Roman, der der Regisseurin als Vorlage diente, dreht sich der Film fast ausschließlich um die Kinder. Trotzdem wird aber kein Aspekt der Realität der Gesellschaft ausgelassen. Selbst der Klassenunterschied zwischen dem jungen Tobi, dessen Vater (ehemaliger Elektriker) arbeitslos ist, und seiner Freundin, deren Vater Arzt ist, taucht in einem Dialog auf.

Dieser Film ist jetzt in den Kinos zu sehen, als die AfD (Alternative für Deutschland) sich in mehreren Regionen Deutschlands als stärkere Partei durchgesetzt hat. Die Entstehung einer echten Nazipartei könnte die nächste Etappe sein. Die Neonazi-Generation, die im Film dargestellt wird, ist jetzt 30 Jahre alt und wäre bestimmt bereit, wenn die historische Bedingungen es fordern, im Vordergrund eine politische Rolle zu übernehmen. In dieser beunruhigenden Situation erlaubt uns der Film „Mit der Faust in die Welt schlagen“, kompromisslos in diese Realität einzutauchen. Der Film ist weder pessimistisch noch optimistisch. Am Ende des Films ist Tobi kein Nazi geworden. Allein ganz oben auf dem Riesenrad eines Jahrmarkts beobachtet er die Gegend, wo seine ehemalige Schule in ein Flüchtlingsheim umgebaut werden soll. Als Azubi hat er sogar vor kurzem die Stromanlage dieser alten Gebäude repariert. Seit er nicht mehr Schüler ist, sind aber die rechten Töne nicht weniger geworden. Die Zukunft ist offen.

Lorenz Wassier, Berlin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert