
Die Proteste der Klimabewegung haben zehntausende Jugendliche und Erwachsene auf die Straßen gebracht, um für eine Klimawende zu demonstrieren. Gleichzeitig blieb das Thema aber oft abstrakt. Eine Baustellenbesetzung ändert das jetzt.
Ende August wurde auf Initiative verschiedener Klimagruppen ein Protestcamp am Wiener Stadtrand (im 22. Bezirk) errichtet. Der Protest richtet sich gegen den Bau des „Lobautunnels“ und der „Stadtstraße“.
Konkret geht es dabei um jahrzehntealte Pläne einer Umfahrung um Wien und einer zusätzlichen Querung der Donau. Dadurch soll der verkehrsbelastete 22. Bezirk entlastet und eine neue Möglichkeit für Transit nach und durch Wien für täglich 60.000 Autos und LKWs geschaffen werden. Das Projekt wird von der Bundesregierung, vor allem aber von der SPÖ Wien vorangetrieben.
Gründe dagegen
Von Expert:innen wird betont, dass neue Straßen weiteren Autoverkehr fördern, anstatt ihn zu reduzieren und dass der Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel und andere Maßnahmen wirkungsvoller zur Verkehrsentlastung sind. Auch die Bürger:inneninitiative „Hirschstetten retten“ wehrt sich seit Jahrzehnten gegen die Verbauung ihrer Grünflächen mit einer neuen Autobahn. Grundsätzlich schreibt der Bau neuer Straßen den motorisierten Individualverkehr auf Jahrzehnte fest, anstatt die notwendige Verkehrswende einzuläuten. Die Milliarden Euro, die für das Projekt gebraucht werden, könnten in sinnvolle Projekte gesteckt werden.
Der Tunnel unter der Donau soll unter dem Erholungs- und Naturschutzgebiet Lobau verlaufen. Es gibt dabei begründete Ängste, dass das Erholungsgebiet dadurch zerstört wird, aber auch, dass der Grundwasserspiegel durch den Tunnelbau absinken könnte, mit negativen Konsequenzen für Tier, Mensch und Natur. Derzeit wird das Projekt Lobautunnel im Auftrag der Grünen Umweltministerin Gewessler „evaluiert“. Sollte der Tunnel nicht gebaut werden, würde auch die Stadtstraße überflüssig werden.
Camp und Besetzung
Aus diesen Gründen wurde das Protestcamp in unmittelbarer Nähe der ersten Baustellen errichtet. Scheinbar möchte die SPÖ Wien Fakten schaffen, indem sie einfach zu bauen beginnt. Das angemeldete Protestcamp wird von den Gruppen Jugendrat, Fridays for Future, System Change not Climate Change, Extinction Rebellion und „Hirschstetten retten“ organisiert. In den ersten Wochen ist die Anzahl der Zelte deutlich gewachsen, es gibt eine Infrastruktur für die Besetzer:innen. Organisiert wird gemeinsam in Plenarsitzungen. Bewohner:innen aus der Umgebung bringen Lebensmittel vorbei oder unterstützen anderweitig.
Mittlerweile wurden auch die Baustellen selbst von „Aktivisti“ (Selbstbe-zeichnung) besetzt, auch dort wird gecampt, gekocht und diskutiert. Die Besetzung wird derzeit von den Eigentümern ASFINAG (bundeseigene Autobahnbaugesellschaft) und der Stadt Wien geduldet. Anstatt unschöne Bilder einer Räumung zu produzieren, wird auf Ermüdung der Besetzer:innen gehofft. Bisher ohne Erfolg. Auf den Baustellen und im Protestcamp wurden Solidaritätskonzerte sowie Vorträge und Diskussionen (auch mit bekannten Wissenschaftler:innen) organisiert. Bei den größeren Events waren mehrere hundert Personen anwesend, auf den Baustellen und im Camp halten sich immer mehrere Dutzend Menschen auf.
Ausblick
Die Hoffnung vieler Linker war, dass der Protest gegen den Lobautunnel ein neues „Hainburg“ werden könnte. In der Hainburger Au haben 1984 Proteste und eine Besetzung gegen den Bau eines Wasserkraftwerks stattgefunden, die zu direkten Auseinandersetzungen mit der Polizei aber auch mit sozialdemokratischen Gewerkschaftern (die auf Seiten der Polizei und Kraftwerksbefürworter:innen standen) geführt haben. Damals konnte der Kraftwerks-bau verhindert werden. Für Österreich stellt dieser Protest ein historisches Beispiel für erfolgreichen zivilen Unge-horsam dar und hatte maßgeblichen Einfluss auf die Gründung der Grünen Partei und das Entstehen einer ökologischen Bewegung. Derzeit wirken die Proteste gegen den Lobautunnel noch nicht so, als würden sie die Politik in die Knie zwingen können. Gleichzeitig zeigen Umfragen, dass die gesellschaftliche Stimmung zum Tunnelbau kippt und gerade unter jüngeren Menschen keine Mehrheit dafür besteht. Das veranlasst die Stadt Wien dazu, teure Inserate zu schalten, um das Projekt zu verteidigen. Sollte es zu einer Räumung kommen, könnte sich die Situation radikalisieren.
Mobilität und Soziale Frage
Jahrzehntelang wurde von SPÖ und ÖVP eine Politik der Zersiedelung betrieben, durch die eine Abhängigkeit vom Auto geschaffen wurde und notwendige Infrastruktur zu erreichen. Diese Situation kann nicht von heute auf morgen geändert werden. Trotzdem ist ein Autobahnbau keine Lösung, sondern ein Teil des Problems, weshalb wir den Bau ablehnen und die Proteste unterstützen.
Der massive Ausbau des öffentlichen Verkehrs ist ein Teil der Lösung, es braucht aber mehr. Selbst nach zehn Jahren Rot-Grün in Wien lässt der Ausbau des Radwegenetzes noch stark zu wünschen übrig. Weiters muss die Lebensqualität in den Städten auf ein Niveau gehoben werden, das die Flucht in den Speckgürtel verhindert. Das ist möglich. In den letzten Jahren sprießen in Wien zahlreiche neue Wohnbauten in die Höhe, oft mit begrünten Gemeinschaftsflächen, Spielplätzen, Gärten und sogar Swimmingpools. Doch diese Wohnungen sind für die meisten Menschen unleistbar, sie dienen letztendlich der Profitmaximierung. Statt eines stadtplanerischen Gesamtkonzeptes werden die besten Flächen an Immobilienfirmen abgetreten. Als öffentlicher Raum bleiben oft nur qualitativ schlechte Restflächen übrig. Eine Arbeitszeitverkürzung kann zusätzliche Zeit schaffen, um nicht in der wenigen freien Zeit mit dem Auto die notwendigen Dinge erledigen zu müssen. Eine umfassende Verkehrswende und ökologische Um-stellung der Lebensstile breiter Teile der Bevölkerung wird nur durch eine Änderung der gesamten gesellschaftlichen Funktionsweise erreicht werden, wenn es gelingt, die Kapitalist:innen in den Bereichen fossile Energie, Autoindustrie und Immobilien zu enteignen und mit der Profitlogik zu brechen.
Von Florian Weissel , Wien
